Der Ober-Classe erstes Prob-Stück. Erlaͤuterung. §. 1. JEner Geiſtliche wollte die truͤbſeligen Zeiten des menſchlichen Lebens gerne mit etwas vergleichen, und ſagte: Sie waͤren wie ein muſicaliſches Buch, darin gemeinglich mehr ſchwartze, als weiſſe Noten gefunden wuͤr- den; ſeine Meynung war, man treffe ſich ebener maſſen in unserm Leben mehr Un- gluͤcks- als Gluͤcks-Faͤlle an. Mattheson bezieht sich vermutlich auf eine Betrachtung Samuel von Butschkys, die sich als Nummer 250 mit dem Titel Menschliches Leben in dessen Schrift Wohl-Bebauter Rosen-Thal, Nürnberg 1679 , findet. Ob nun das Gleichniß hincket, laſſe dahin geſtellt ſeyn; mir iſt es ſehr laͤcherlich vorgekommen. Denn erſtlich bedeuten die ſchwartzen No- ten eine geſchwinde Spiel-Art, und zeigen vielmehr etwas freudiges, als betruͤb- tes, an. Sollte aber fuͤrs andere, die ſchwartze Farbe hier bloß das Bild des Elen- des bezeichnen, ſo moͤgte man lieber eine Kirche, oder andere geiſtliche Ehren-Ver- ſammlungen, als ein Noten-Buch dazu erwehlen; ſintemahl allda jederzeit mehr ſchwartze, als weiſſe Kleider anzutreffen ſind. Jch fuͤhre dieſes deswegen an, damit keiner, bey den etwas ſchwartzen Noten dieſer Claſſe, dencken ſoll, er werde in die Angst- oder Kreutz-Schule gefuͤhret; gantz und gar nicht, es darff niemand grauen: denn unſre Noten ſind lauter Merckmahle eines muntern Gemuͤthes, eines hurti- gen Geiſtes, und eines froͤhlichen Hertzens. Friſch daran, iſt hier das beſte Mittel. §. 2. Die Achtel, oder ſchlechte Noten, im ſechszehnten, ſiebenzehnten und achtzehn- ten Tact, geben ſchon von ſelbſten zu verſtehen, daß allda mit der rechten Hand etwas etwas veraͤnderliches angebracht werden mag; wie es aber eigentlich beſchaffen ſeyn ſoll, das muß aus den vorhergehenden Saͤtzen abgenommen werden: ſinte- mahl dieſe Arbeit ſo eingerichtet iſt, daß alles in derselben Aufgabe entweder ſchon vor- geweſen, oder doch bald erſcheinet, was etwan auſſerordentliches gemacht werden ſoll. So werden auch die Sachen, jedes Stuͤck fuͤr ſich, ſo natuͤrlich zusammen hangen, auch vom Haupt-Satz ſo wenig abweichen, daß es gar leicht faͤllt, die rechte Mey- nung zu treffen. Damit ich gleichwol nicht abermahl beſchuldiget werde, als haͤtte ich Raͤtsel aufgeben wollen, ſo mag dieſes wenige zu weiterem Nachdencken eine Anlei- tung geben: Daß die lincke Hand, bey dieſer Ausſchmuͤckung, die Zieffern und Accorde mitgreif- fen muͤsse, iſt hoffentlich ſchon genug geſaget worden, und haͤtte ich es mannig- mahl gern im Baß just ſo hingeſetzt, als es ſeyn muß, wenn die Noten ſo wol in einander koͤnnten gedruckt, als geſchrieben, oder auf Kupffer geſtochen werden. §. 3. Jm drey und zwantzigſten Tact koͤmmt wieder eben dergleichen Gelegenheit vor, daß man alſo nur das vorhergehende deswegen um Rath zu fragen hat. Jm vier und zwantzigſten Tact koͤnnen Tertzen angebracht werden; jedoch bey vollen Griffen. Jm fuͤnff und zwantzigſten Tact geht es wieder auf den vorigen Schlag. Der neun und zwantzigſte, dreyßigſte und ein und dreyßigſte Tact laſſen eine Um- wechslung zu, da die rechte Hand der lincken nachahmet, und, nach Maßgabung des Haupt-Satzes, zu den Vierteln moduliret. Wem es dunckel ſcheinet, der ſe- he dieſe Zeile an: Mattheson setzt in diesem Auszug den Taktstrich um eine Viertel versetzt. §. 4. Jm drey und dreißigſten Tact moͤgte es nicht uͤbel klingen, wenn mit den Accorden, auch Sexten und Quinten, etwas mehr, als gewoͤhnlich, geſpielet und ſyncopiret werde, etwa auf folgende Manier: Ferner wuͤſte ich, bey dieſer Vorſchrifft, nichts mehr weder zu erinnern, noch zu erleich- tern. Zwey