Der Ober-Classe zwölfftes Prob-Stück. Erlaͤuterung. §. 1. JSt was schweres in dem gantzen Werk dieser Organisten-Probe, so muß ich wol gestehen, daß es vieleicht das funfzehnte Exempel der Mittel-Classe und denn dieses zwoͤlffte der Ober-Classe seyn koͤnnte. §. 2. Jm gegenwaͤrtigen beruhet dennoch die meiste Schwierigkeit ohne Zweifel auf die fremden oder fremd-vermeynten Schluͤssel: massen eben deßwegen, mit gutem Vorbedacht nur der hohe Baß und hohe Alt gewehlet worden sind, damit ein fleissiger Spieler desto geuͤbter in diesen, der Rede nach, ungewoͤhnlichen Tonen und Schluͤssel werden moͤgte. §. 3. Die beste Warnung, so sich einigen guten Freunden bey gegenwaͤrtiger Gelegenheit geben kann, ist fuͤr das erste diese: daß sie sich vorsehen, wenn gewisse Spruͤnge aufstossen, deren man gleich etliche, im ersten, dritten, vierten, fuͤnfften Tact, und weiter hin, entreffen wird; denn sie sind nicht in die blosse Octave, wie sie einem jeden sonst wol haͤuffig und taͤglich aufstossen, sondern etwas weiter von einander entfernet, so wie man sie oftmahls fuͤr Viol-di-Gamben findet. §. 4. Fuͤr das andere halte ich den Finger auf den Anfang des zweiten Theils dieses Prob-Stuͤcks, und bitte instaͤndig, man wolle sich daselbst in Acht nehmen, und nicht viel nach andern Dingen umsehen. Es stehen nur bloß die Secunden uͤber den Noten geschrieben, weiter nichts: das andere muß nunmehro ein aus der Mittel- in die Ober-Classe getretener Lehrling von selbsten wissen, ob nehmlich die dazu gehoͤrige Quart entweder groß oder klein seyn soll, nach dem es die Natur und Eigenschafft eines jeden Klanges, und der Ton-Art, zu welcher er gehoͤret, mit sich bringet. Wird die Ton-Art veraͤndert, in Ansehnung der Melodie, so setzt man gerne die erforderte Ziefern auf das deutlichste daruͤber; wo nicht, koͤnnen deren einige mit allem Rechte wegbleiben, indem der Spieler die Bewandniß und Natur seines Tones kennen muß, ausser welcher hier sonst nichts gesuchet wird. Unter uns gesagt, will ich doch so viel Licht geben, daß zu der fuͤnfften Note, im zweiten Tact des erwehnten andern Theils, die grosse Quart (4+) gehoͤret, und zwar zur Vermeidung einer sogenannten falschen Relation oder Klang-Folge in verschiedenen Stimmen, kurtz auf einander die allhier zwischen dem blossen g und dem ein b vor sich habenden g entstehen wuͤrde. Mattheson scheint hier seinen eigenen hohen Bassschluͤssel als einen normalen falsch gelesen zu haben. §. 5. Wenn auch im fuͤnfften Tact des zweiten Theils eine Sext uͤber der letzten Note des dritten Viertels stehet, so folget allhier und diesesmahl nicht daraus, daß sie auch zu gleicher Zeit mit derselben Note vernommen, sondern es erfordert vielmehr die Zierde und der Zusammenhang, daß besagte Sexte zu der vorhergehenden Note angeschlagen werde. Es ist zwar schon oben von dieser Voraus-Nehmung eines und anders erwehnet worden, allein es stehet zu vermuthen, daß man nicht gerne so weit zuruͤck gehen, und diese Erinnerung samt deren Ursache, daselbst suchen werde. Mit verschiedenen andern Vorfaͤllen gleicher Gattung in diesem gegenwaͤrtigen Prob-Stuͤck hat es auch eben dieselbe Bewandtniß. §. 6. Jm siebenden Tact des letzten Theils koͤmt eine Erfindung vor, welche einige Tact herdurch fortgesetzet, und nach zwischen-spielender Abwechslung kleiner Neben-Saͤtze im vierzehnten Tact abermahl angebracht wird: bey denselben Gaͤngen und Spruͤngen habe nur anmercken wollen, daß weiter keine Kuͤnste dazu erfordert werden, als bloß diese, daß man zu jeder Biertel einen eintzigen Schlag thut, so wie ihn entweder die Natur und Eigenschafft des Thons, oder auch die uͤbergesetzte Bezeichnung, an die Hand geben. Es ist aber wol zu verstehen, dass dieser eintzige Schlag zur ersten Note eines jeden Viertels und sonst zu keine von den dreyen uͤbrigen geschehen muͤsse. §. 7. Mag man sich auch, um der im vierten Absatz dieser Erlaͤuterung bereits angefuͤhrten Ursachen halber, den elfften Tact des mehr erwehnten zweiten Theils dieses Prob-Stuͤckes, nicht weniger den zwey und zwantzigsten, auch den drey und zwantzigsten Tact desselben Theils mit Fleiß mercken, damit es an solchen Stellen wegen der uͤberstehenden Ziefern, seine voͤllige Richtigkeit erhalte. Jnsoderheit beliebe man, bey einer Probe, auf den dritten Tact vor dem Schlusse scharff aufzupassen, und wenn es da nicht stocket oder an ein Stolpern gehet, den Spieler zu loben. Bey der allerersten Note des angezeigten Tacts wird es vermuthlich etwas weniges ins Stecken gerathen: ich weiß es aus der ERfahrung: und wenn andre dieselbe um Rath fragen, werden sie die Angabe wahr befinden. Jndessen sind gleichwol die Vorfaͤlle so natuͤrlich angebracht, und alle von der Beschaffenheit uͤberhaupt, daß, wenn man verstaͤndigen Leuten nur einmahl sagt, woran es hie und da liegt, so begriffen sie es gleich und gar leicht; wenn einige nur alsdenn bekennen wollten, daß sie es zuvor nicht recht eingesehen und gantz anders verstanden haͤtten. Die es koͤnnen und wissen, denen wird hier nichts vorgeschrieben. §. 8. Ob nun zwar aus diesem Ton, in so fern er zum Grund-Ton eines Stuͤckes oder Gesanges stehen soll, selten etwas zu Vorschein koͤmt (wiewol es doch auch so gar an gedruckten Beispielen nicht mangelt, wie wir bereits in der Mittel-Classe an gehoͤrigem Ort gesehen haben), so treten doch alle Stuͤcke aus dem f moll gar starck in das bA, als in die natuͤrliche Tertz, ein und aus: derowegen denn ein General-Bassist nothwendig auch in dieser Ton-Art, wenn sie gleich nicht zum Grunde stehen, sondern nur, als eine Anverwandtinn, herbeigefuͤhret werden sollte, wol beschlagen seyn muß. Man besehe und untersuche nur noch einmahl die vorhin, auf der 356sten Seite, angefuͤhrte Marcellische Arie, so wird sich die Wahrheit des gesagten von selbst erweisen. §. 9. Ja, was rede ich vom f moll viel? der so gar bekannte und taͤglich aufstossende C moll weichet zum oͤfftern ins bA, als in seine natuͤrliche Sext, aus. Zu dessen Beweiß kann, unter tausend andern Sachen, eine gewisse Cantate von dem Capell-Meister Haͤndel dienen, die zwar nicht gedruckt, aber in vieler Leute Haͤnden und sehr bekannt ist. Sie fuͤhret die Anschrift: Lucretia, und die Anfangs-Worte heissen: O Numi eterni &c., aus welchen Umstaͤnden man sie leicht kennen wird. Die zweite Arie in besagter Cantate hat gleich, bey Anhebung des andern Theils, folgende Ausweichung: §. 10. Jn diesen wenigen Noten einer aus dem C moll gehenden Sing-Weise ist der gantze Sprengel des Gis oder As-dur, enthalten, und wer denselben nicht, als eine eigne Ton-Art, kennet und uͤbet, der ist auch nicht im Stande, nur angefuͤhrte anderthalb Zeilen recht zu spielen Dergleichen Exempel gibt es inzwischen mehr, als man zehlen kann. §. 11. Wir muͤssen aber noch ein Woͤrtlein von dem Gebrauch der Sext und Quart sagen, in so fern derselbe allhier manchem Ungrichen anstoͤssig scheinen will. Das soll nun darin bestehen: daß, wenn ja ein eifriger Legalist die Sext und Quart hin und wieder etwas ausserordentlich, und nicht nach der alten Weise, angebracht finden moͤgte, er um die Gutheit ersuchen wird, solchen fremdscheinenden Gebrauch meiner wolgemeynten Absicht beizumessen, die vor allen andern Dingen bey diesem Werck dahin ziehet, die Lernende desto geuͤbter zu machen, und sie fest in den Sattel zu setzen. Wer nun was rechtes in der Reit-Kunst thun will, von dem ist bekannt, daß er auch bißweilen einen wilden, unordentlichen Springer beschreiten muͤsse. So auch hier. Jch haͤtte es leicht aͤndern, und viel legaler verfahren koͤnnen, als der aͤlteste Contrapunctist aus der Spartanischen Schule; alleine die Legalitaͤt des Emerepes gilt lange so viel nicht, als des Justitiani seine: welche doch auch ihre Abfaͤlle und Zusaͤtze leidet. Jn dem Punct der Sext und Quart bin ich also bey nahe der Aristoxenischen Meynung zugethan, die noch diesen Tag bey allen Griechen so wol angenommen als auch ausgeuͤbet wird, und habe, wegen der Gesellschaft der Sext, eine besondre Hochachtung fuͤr die arme Quart, daß ich sie, in solchem Fall, den uͤbrigen Dissonanzen nicht gaͤntzlich gleich halte; sondern ihr bißweilen ein sicheres Geleite verstatte.