Der Ober-Classe dreizehntes Prob-Stück. Erlaͤuterung. §. 1. WEnn jener Bauer die dicke Milch mit der Miſt-Gabel iſſet, ſo braucht er ſich dabey des Sprichworts: Wer het dat, de lick dat. (Verietas delectat), weil er ſie lange genug mit dem Löffel möchte gegeſſen haben. Wir wollen dem guten lateiniſchen Haus-Mann ſein Gericht, zuſamt den verſchie- denen Vehiculis gerne laſſen, und nur nach Maßgebug ſeines weiſen Dicti hier auch eine kleine Veränderung mit einer divertiſſanten Pieçe machen, nachdem wir vorhero eine ziuemliche Ecke in mühsamen Tonen zurück geleget haben. §. 2. Ob man nun ſchon alles hierinn mit dem neun-achtel-Tact gantz wol haͤtte beſtellen, und nur ein Allegro dabey ſetzen koͤnnen; ſo kan es doch nicht ſchaden, daß wir auch denen zu gafallen den neun-ſechszehntel herſetzen, die ihn vielleicht nim- mer, oder doch ſelten, geſehen haben, und ſich dannenhero, wenn er ihnen einmahl unvermuthet begegnen ſolte, ein wenig fuͤrchten moͤchten. Es heiſſet zwar: Entia non ſunt multiplicanda praeter neceſſitatem, Eine bekannte Formulierung Ockhams Rasiermesserprinzips von Johann Clauberg. und mag jener alte erfahrne Muſicus nicht unrecht geſagt haben: Summa eſt dementia, cantionem, quae ſimplicibus Notis ſcribi poteſt, obſcuris ſignis perplexare; wie ſolches der Schwäbisch-Hälli- ſche Cantor, Herr Majer, in ſeinem jüngſt herausgegebenen Hodego Muſico, p. 28 klüglich anführet. Diese Schrift ist verschollen. Tatsächlich findet sich das Zitat aber wortgleich schon in Joachim Burmeisters Musica autoschediastike. Allein, erſtlich muß man, um geſchwinde Sachen recht zu ex- pri primiren, auch geſchwinde Taͤcte und geſchwinde Noten gebrauchen. (2) Muß man der Mode in gewiſſen Stuͤcken nicht absagen, und (3) werden hier keine Signa obſcura vorkommen. Was ſonſt der Löw in Petersquentz (einer närriſchen Co- medie) von ſich selber meldet: Jhr lieben Leut erſchreckt euch nicht, ich bin kein rechter Löw; ſolches kann zwar durchgehends von dieser Organiſten- Probe, inſonderheit aber von etlichen bunten Bäſſen, die doch nicht gefährlich ſind, ſo wie dieser deren einer iſt, mit Fug gemeldet werden. §. 3. Raillerie aber à part! der elffte Tact muß doch was zu bedeuten haben, weil der Baß daſelbst ſtille ſteht; Getroffen. Es ſoll etwas unterdeſſen in der rech- ten Hand vorgehen, etwann auf dieſe Imitations-Art: Welches man ſich bey dem dreyzehnten auch wolle geſagt ſeyn laſſen. §. 4. Vom neunzehnten Tact bis an die erste Repriſe weiſet auch ſchon der Baß aus, daß ſich die rechte Hand seine vorhergehende Paſſagen ſehr wohl zu Nutzen kan, wovon viel Worte nur unnoͤthig. Sapienti ſat. Dem Wissenden genügt es. §. 5. Da nun im achten Tact des andern Theils der Baß wiederum zu erkennen giebt, daß er gern abgeloͤset ſeyn moͤchte, ſo wird man ſeine rechte Hand abermahl zu einer kleinen Syncopation bequemen muͤſſen. Damit dieſelbe aber nicht allezeit auf einerley Weiſe geſchehe, ſo kan der eine Tact von unten an ſeine Arbeit, der an- dere aber dieſelbe von oben machen, und damit Tact-Weiſe alternirt werden, (wie hernach der Baß ſelber thut), welches aus beyſtehendem wenigen deutlicher zu ſehẽ iſt: Der §. 6. Der zehnte und elfte Tact koͤnnen nach vorhergehender Anleitung abgefer- tiget werden; bey dem zwoͤlfften aber muß man ſich, und ſo durchgehends bey al- len Accorten, vorsehen, erſtlich, daß des Intervallum keine Tertie mache, welche zur Syncopation zu enge iſt, (wie oben ſchon angemercket worden) Vors andere, daß die Trias Harmonica vor allen Dingen vollenkommen ſey, da es denn nicht anders folgen kan, wenn dieſe beyde Stuͤcke beobachtet werden, als daß von unten die Syncopation jederzeit bey Accorten in die Quinte, von oben aber in die Tertie anhebe, welches man ſonſt Syzygiam remotam zu nennen pflegt. Mit "Syzygia" wird gräzisiert ein Akkord bezeichnet. Der Begriff findet sich etwa bei Werckmeister, Walther und Printz. Kom- men aber zwey Accorten gradatim auf einander, es ſey im Auff- oder Nieder- steigen, und man wolte denn beydes mahl in der Quinte anfangen, ſo kaͤmen Fehler heraus. Derowegen muß die Alternation vorbeſchriebener maſſen das Mittel ſeyn, Fehler zu verhüten. Obgleich in dieſem Pieçe keine zwey Accorte immediate und gradatim auf einander folgen, ſo will ich doch den Caſum herſetzen, dadurch zugleich abermahl erlaͤutert werde, was in der Quint oder Tertie anfangen oder alterni- ren heiſſe. NB. Wenn, wie im dreyzehnten und vierzehnten Tact, der Baß eine ſol- che Clauſul hat, die durch zwey Taͤcte, woraus sie bestehet, repetiret wird; als dann muß die Alternation nicht Tact-weiſe, sondern je zwey und zwey Taͤcte, oder durch mehr geſchehen, wenn ſich eine Clauſul uͤber mehr erſtrecket. Jm ſieben und zwan- tzigſten Tact gibt es zwey Accorte Sprung-weiſe nach einander, woſelbst alternirt werden muß. §. 7. Vom acht und zwantzigſten Tact an biß zu Ende moͤgen beyde Haͤnde egalement ihre Syncopation zuſammen fuͤhren, welches einen gar artigen Effect thut, thut, dafern nur am rechten Ort angefangen wird. Solches geſchiehet auf fol- gende Weiſe, da die letzten acht Taͤcte gaͤntzlich specificiret ſind: §. 9. Dieses Harpeggio, ob es gleich nur zweyſtimmig auſſiehet, iſt dennoch im Grun- de vierſtimmig, und klingt bey der Geſchwidigkeit ſo voll, als ſonſt acht Stim- men bey geraden oder ſchlechten Griffen nicht thun koͤnnen; Man brige es aber nirgen dan nirgend an , als wo der Baß entweder allein, oder zu einem ſtarcken Satz ſpielet.