Der Ober-Classe dreizehntes Prob-Stück. Erlaͤuterung. §. 1. ES bestrebet sich zwar alles, was in der Natur ist, nach angenehmen Veraͤnderungen und unaufhoͤrlichen Abwechslungen; allein es hat wol keine Wissenschaft diesen Umstand in einer groͤssern Masse, als eben die Music. Ob nun die Groß-Brittanischen hohen Schulen aus sothaner Ursache etwa bewogen worden sind, ihren Doctoren und Professorn der Music, vor allen andern Graduirten, eine absonderlich bunte, verbluͤmte oder vielfaͤrbige Josephs-Kleidung beizulegen, will ich itzo nicht ausmachen; in unserer Schule aber will es itzo noͤthig seyn, mit gegenwaͤrtiger ergetzlichen Vorschrift eine kleine Veraͤnderung zu treffen, nachdem wir vorher einen ziemlichen Eck in muͤhsamen Tonen zuruͤck geleget haben. §. 2. Ob man nun schon alles hierinn mit dem neun-achtel-Tact gantz wol haͤtte bestellen, und nur ein Allegro dabey setzen koͤnnen; so kann es doch nicht schaden, daß wir auch denen zu gafallen den neun-sechszehntel-Tact hersetzen, die ihn vielleicht nimmer, oder doch selten, gesehen haben, und sich dannenhero, wenn es ihnen einmahl unvermuthet begegnen solte, ein wenig fuͤrchten moͤgten. Es heisset zwar: Man soll ohne Noht die zu einer Wissenschaft gehoͤrigen Dinge nicht vermehren oder verdoppeln, und mag jener alte ehrsame Musicus nicht unrecht gesagt haben: Es sey eine grosse Thorheit, diejenige Melodie, welche mit schlechten, deutlichen Noten geschrieben werden kann, durch dunckle Zeichen zweifelhafft zu machen; wie solches Schwaͤbisch-Hallische Cantor, Herr Majer, in seinem Hodego Musico, p. 28. kluͤglich anfuͤhret. Allein, erstlich muß man, um geschwinde Sachen recht auszudruͤcken, auch geschwinde Taͤcte und geschwinde Noten gebrauchen, damit Zeichen und Sachen uͤbereinstimmen. (2) Muß man der Mode in gewissen Stuͤcken nicht absagen, welches sonst heißt: wieder den Strom schwimmen. Und (3) werden hier keine Die Zeichen 2/4, 2/8 und 2 sind im geringsten nicht dunckel, sondern sehr einfach und natuͤrlich, die aber meynen, man koͤnne es, Statt derselben, mit dem gewoͤhnlichen C allein bestellen, irren sich, haben keine Erfahrung, und wissen keine Bewegung zu unterscheiden dunckele Zeichen vorkommen. Die aͤußerliche Gestalt eines musicalischen Stuͤcks ist offt verfuͤhrerisch. Denn wie mancher General-Baß leicht aussiehet, und es doch nicht ist; also gibt es auch bißweilen bunte Baͤsse, dem Ansehen nach, die doch gar nicht gefaͤhrlich sind: deren einen wir von uns finden. §. 3. Der elffte Tact muß doch was zu bedeuten haben, weil der Baß daselbst stille stehet. Es kann unterdessen etwas in der rechten Hand vorgehen, etwa auf diese Nachahmungs-Art: Welches man sich bey dem dreizehnten auch wolle gesagt seyn lassen. §. 4. Vom neunzehnten Tact biß an die erste Wiederholung weiset auch schon der Baß aus, daß sich die rechte Hand seine vorhergehende Gaͤnge sehr wol zu Nutzen machen kann, wovon viel Worte nur unnoͤthig. §. 5. Da nun im achten Tact des andern Theils der Baß wiederum zu erkennen gibt, daß er gern abgeloͤset seyn moͤgte, so wird man seine rechte Hand abermahl zu einer kleinen Syncopation bequemen muͤssen Damit dieselbe aber nicht allezeit auf einerley Weise geschehe, kann der eine Tact seine Arbeit von unten, der andere aber dieselbe von oben machen, und mag damit Tact-Weise abgewechselt werden, wie hernach der Baß selber thut, welches aus beistehendem wenigen deutlicher zu sehen ist: §. 6. Der zehnte und elffte Tact koͤnnen nach vorhergehender Anleitung abgefertiget werden; bey dem zwoͤlfften aber muß man sich, und so durchgehends bey allen Accorden, vorsehen, erstlich, daß der Zwischen-Raum keine Tertz mache, welche zu Brechung zu enge ist, wie oben schon angemercket worden. Fuͤrs andere, daß die dreistimmige Harmonia vor allen Dingen vollkommen sey, da es denn nicht andern folgen kann, wenn diese beide Stuͤcke beobachtet werden, als daß die Syncopation von unten jerderzeit ihre Accorde in der Quint, von oben aber in der Tertz anhebe, welche beide Arten man sonst Syzygiam remotam, d.i. eine solchen Accord, desse Theile etwas entfernet sind, zu nennen pfleget. Kommen aber zween Accorde Stuffen-Weise auf einander, es sey im Auff- oder Niedersteigen, und man wolte denn beidemahl in der Quint anfangen, so kaͤme ein Fehler heraus. Derowegen muß die Abwechslung vorbeschriebener massen das Mittel seyn, Fehler zu vermeiden. Ob nun gleich in diesem Prob-Stuͤck niemals zween Accorde unmittelbar und Stuffen-Weise auff einander folgen, so will ich doch den Fall hersetzen, und dadurch zugleich abermahl erlaͤutern, was in der Quint oder Tertz anfangen oder abwechseln heisse. §. 7. Wenn, wie im dreizehnten und vierzehnten Tact der Baß eine solche Clusul hat, die die durch zwey Taͤcte, woraus sie bestehet, wiederholet wird; alsdann muß die Abwechslung nicht Tact-Weise, sondern je zween und zween Taͤcte, oder durch mehr geschehen, wenn sich der Satz uͤber mehr erstrecket. Jm sieben und zwantzigsten Tact gibt es zween Accorde, Sprung-Weise nach einander, woselbst abgewechselt werden muß. §. 8. Vom acht und zwantzigsten Tact an biß zu Ende moͤgen beide Haͤnde zugleich ihre Brechung zusammen fuͤhren, welches eine artige Wirckung thut, dafern nur am rechten Ort angefangen wird. Solches geschiehet aber auf folgende Weise, da die letzten Acht Taͤcte gaͤntzlich hergesetzet sind: §. 9. Dieses Harpeggio, ob es gleich nur zweistimmig aussiehet, ist dennoch im Grunde vierstimmig, und klingt bey der Geschwidigkeit so voll, als sonst acht Stimmen, bey geraden oder schlechten Griffen, nicht thun koͤnnen. Man brige es aber nirgends an, als wo der Bass entweder alleine, oder zu einem starcken Satz spielet.