Der Ober-Classe vierzehntes Prob-Stück. Erlaͤuterung. §. 1. DA wirds wieder ſchneyen bey einem Treffer, wenn er das Ding ſo vor der Fauſt wegſpielen ſoll. Mich deucht, ich hätte eben nicht nöthig ge- habt, das Beywort Discretamente hinzuſetzen, weil es bey manchen discret genug, ja ſo diſcret hergehen dürffte, daß man gar nichts höret: Das Wort ſoll indeſſen ſo viel bedeuten, daß keiner zuplumpe, ſondern erst fein beſcheident- lich erwege, wie und welcher Geſtalt es anzugreiffen, daß er hübſch vorſichtig- lich wandele, und ſich keine ſonderliche Airs gebe. Wenn er auch gleich man- nichmahl hie und da meynen ſolte, er ſitze oben darauff, und wolle ſich moqui- ren; ſo kömmt gantz unvermuthet ein Stoß, der ihn von den Mahren herunter wirfft, und das hat er dann ſeiner Indiscretion zu dancken. §. 2. Vom achten Tact an kan manns fein (wenn man will) in der rechten Hand variiren, (wer nicht will, der laſſe es bleiben), welches um ſo viel frem- der klingt, da man es aus ſolchen Tonen niht gewohnt iſt. Ich habe es pro- birt, und gantz durchgehen laſſen mit einer geschickten Variation, und es hat gut geklungen. Wilt du aber wiſſen, mein Spieler, wie es gemacht worden, ſo theile dir hier ein wenig zur Probe mit, daraus das übrige mag beurtheilet werden: §. 3. Die Septimen im elfften und zwölfften Tact laſſen ſich auch auf dieſe Weiſe gar artig behandeln, und fällt die Reſolution einem von ſelbſten in die Hand. Es wäre nur überflüßig davon zu specificiren, weil es auf die vorhin geweſene Art ausläufft. Man darff nur den rechten Griff thun, und die Finger einen um den andern regen, ſo hat es ſchon ſeine Richtigkeit. Es iſt gar nichts rares noch ſchweres daran. §. 4. Ob nun wohl das Diſcretamente, nebſt vorangeführter Erklärung, auch bedeuten möchte, daß ſich niemand ſonderlich zu übereilen hätte; ſo wollte ich doch auch nicht gerne, daß man einen Polniſchen Tantz daraus machte; das Stückgen verliehrt ſonſt dadurch alle ſeine Grace. Jch kan dabey nicht unberührt laſſen, daß das Mouvement, (nicht nur der Tact), und die Manier, womit eine Sache herausgebracht wird, derſelben das rechte Leben geben, ohne welchen alles todt und höltzern klingt. Wir betrachten offtmahls eine unanſehnliche Aria, als etwas nichtswürdiges, bis wir einſt hören, mit welcher Art dieſelbe müſſe oder könne executirt werden, alsdann ist ſie unsere Favorite. Die Arietta: Navicella, che s'inoltra &c. war hier lange bekandt, ehe Monſr. Grünewald, der groſſe groſſe Virtuoſe und nunmehrige Darmſtädtiſcher Vice-Capellmeiſter, noch einmahl in Hamburg kam. Niemand wuſte was an dem Dinge war, es wurde fein gerade weggeſungen, daß man über des Componiſten vermeynte Einfalt lachen muſte, da er doch unſchuldig war. Wie aber Monſr. Grünewald ſich damit hören ließ, kannte es faſt niemand, ſo fremd klang es, und jeder wolte ſich hernach an der Sache zu Tode künſteln. O! es hatte ſeines gleichen nicht. Seht! ſo viel liegt an der Execution, ſie macht in der Muſic juſt den Unterſcheid, welchen Licht und Schatten haben, das ſind aber Extremitäten. Alſo wolte ich denn auch inſonderheit diese Pieçe, mit einem gewissen Mouve- ment, nicht zu langſsam auch nicht zu geschwind, ſondern con Diſcretione handthiert wiſſen. Und das iſt, was zu dieſer Disgreſſion Anlaß gegeben hat. §. 5. Jedermann wird ſehen, daß, was auf der andern Seite dieſes Prob-Stückes erſcheinet, eben daſſelbe Ding ſey, und nur eine andere Geſtalt durch die Chromata an ſich genommen hat. Jch halte ſolche Transpositiones für ſehr nützlich, und will die Studierende gebeten haben, dergleich ſelbſt vor ſich zu verſuchen, und die Stücke, ſo nicht überſetzt hierinn zu finden, fleißig auf dieſe Art zu transponiren; denn bey dieſer transpoſition verändert das Stück den Ton nicht. §. 5. Daß ich aber eben verlangen ſolte, man möchte alle Tone ſo transponiren (nemlich alle Neun die es leiden, weil D, G und A noch vor der Hand davon auszunehmen ſind, wie II. Orch. pag. 439. No. XXIV. gezeiget worden) ſolches ſey ferne, und iſt hoc Seculo unnöthig, ob man ſie ſich gleich alle gar wohl bekandt machen darff, weil ſie alle affinaliter häuffig genug vorkommen. Fol- gende zwey aber ſcheinen mir dieſen Falls nothwendiger zu ſeyn, als die andern ſieben, nemlich: ♯D in Gegenhaltung ♭E, und ♯G in Gegenhaltung ♭A. Die übrigen: ♯H, ♭C, ♭D, ♯E, ♭F, ♭G, und ♯A, die doch Monſr. de St. Lambert, und ſonſt noch kein Autor zu ſpecificiren die Curioſitè gehabt hat, würden mit ihrer Transpoſition gar zu weitläuffig fallen, und doch wenig Nutzen ſchaffen, weil man ſie alle mit einander viel näher haben kan. Denn ♯H iſt C mol, bC iſt H dur, ♭D iſt Cis dur, #E iſt F mol, ♭F iſt E dur, ♭G iſt Fis dur, und #A iſt B mol. Daß alſo jeder dieſer 7 Tone, wenn er pro fundamento ſtehen ſolte, ſchon per uſitatiorem exprimiret werden kan, ob ſie wohl affinaliter alle zusammen diſtinguiret werden müſſen. Mit den beyden aus- geſchloſſenen aber hat es eine andere Beſchaffenheit; denn ♯D iſt ein eben ſo gewohnliches Dis, als ♭E, und ♯G ein eben ſo gewöhnliches Gis, als ♭A. (ſalva diſtinctione inter durum & molle) ſo, daß die eine Bezeichnung eben ſo vulgaire iſt, als die andere; welches bey den übrigen nicht eintrifft. Sin- temahl ♯H gar ein fremder, hingegen C ein täglicher Gaſt iſt; ♭C iſt eben ſo neu; H aber gantz nicht. ♭D ist ſeltener, als ♯C; ♯E lange nicht ſo gemein, als F; ♭F erſcheinet kaum einmahl, da H tauſend- mahl vorkömmt; ♭G läſt ſich auch weit ſparsamer sehen, als Fis; und ♯A nicht so offt, als das rechte B, welches ein jeder Nachdenckender wird gestehen müssen. In Erwegung deſſen habe hier bloß das Dis und Gis auf zweyelerley Art vorſtellen, die übrigen zurück laſſen, und einem fleißigen General-Baßiſten rathen wollen, ſein Heil ſelbſt daran zu verſuchen. Schaden kan es nicht. Wenn ich ſonſt l. c. Orch. ſage, daß D, G und A nur auf einerley Art notirt werden, ſo verſtehe ich dadurch, wenn ſie zum Fun- damen dienen ſollen. Denn ſonſt kan man ſie auch mit zweyen Creutzen exprimiren, die beyde dop- pelt, oder aber wie unten vorkommen wird, ein simplex und ein duplex Chroma ſeyn können. Z.E. Zum Exempel. Wenn ſchon Fis da iſt, und vor dem Fis noch ein # geſetzt wird, ſpielet man G. Wenn vor dem Cis noch ein ♯ geſetzt wird, ſpielet man D, und wenn vor dem Gis das ♯ verdoppelt wird, alsdann ſpielet man A. Ich habe aber mannichmahl lieber mit dem h operiren wollen, und hoffe, man werde mirs nicht verübeln, weil es aus Liebe zur Deutlichkeit geſchehen. Funff-