Der Ober-Classe fünffzehntes Prob-Stück. Vid. Sonates d'Elias Brunmuller, graveés à Amſterdam chés Etienne Roger, Sonata I. B mol. Wie dieſer Ton gar offt an ſolchem Orte, und in solchen Pieçen, vorkommen koͤnne, da man ſeiner am wenigſten vermuthet; ſolches will ich mit einer Aria zum Beſchluß der Erlaͤuterung beweiſen. Erlaͤu- Erlaͤuterung. §. 1. JM erſten Theil dieſer Organiſten-Probe iſt, bey Gelegenheit des zwey- zwey und zwantzigſten Prob-Stuͤckes, den Liebhabern des unzeitigen Tact- ſchlagens eine kleine Erinnerung geſchehen. Weil ich nun viele anſehnli- che Freunde habe, die mit ſolche Tact-Sucht behafftet, und ſtarck davon paſſionirt ſind, auch vielleicht durch bereits angefuͤhrte Gruͤnde nicht voͤllig davon curirt worden ſeyn moͤchten, ſo muß ich hier noch ein Wort mit ihnen theilen. §. 2. Vors erſte verlange ich, daß ſie mirs Danck wiſſen ſollen, daß ich dieſes Funffzehnte Prob-Stuͤck eigentlich ihnen zu gefallen geſetzet, damit die belieb- te badinerie ihrer Fuͤſſe nicht gar vergehe, zu dem Ende es auch mit dem Worte Schertzando (ſchertzend, ſpielend, taͤndlend) wohlbedaͤchtlich verſehen worden iſt. Vors andere bedinge mir aus, daß ſich niemand unterſtehe, in einem Tact von zwey Viertel zwey mahl nieder zu ſchlagen, denn ſolches waͤre ein Mißbrauch mei- ner Indulgence. Vors dritte will ich mir ausgebeten haben, daß diejenigen, ſo mit den Fuͤſſen tactiren, wenigſtens den Kopff ſtill halten, und den gantzen Leib nicht dabey in Bewegung ſetzen, zufolge dem ihnen bekandten Axiomate: Daß nicht durch viele verrichtet werden duͤrffe, was einer thun kan. §. 3. Es iſt wunderlich! Unsere Lands-Leute wollen von den Frantzoſen in ihren Fleiß, ihre Accurateſſe, ihre Fertigkeit in den Schluͤſſeln, ihre Einigkeit im Spielen, und an- dere gute Eigenschafften keines weges erlernen; aber die Lufftstreiche, das Auffhe- ben, das Windfechten, die Contorſiones, ſo ihrer etliche mit Haͤnden und Fuͤſſen, mit Leib und Seele, bey ihrem Tactſchlagen anbringen, das ſind Sachen, die uns Teutſche ſonderlich charmiren muͤſſen, weil wir uns ſo viel Muͤhe geben, ihnen es hierinn, als Affen, nachzumachen, und uns noch Airs dazu geben. Man ſolte meinen, wenn ſo ein affectirter Frantzoſe, mit ein paar accompagnirenden Vio- Violinen, etwas daher kauet, in Meinung er ſinge, daß er mit ſeinen Grimaçen den Teuffel bannen wolle, da er doch bißweilen lauter tendreſſe im Munde fuͤhret. Das laͤcherlichsſte iſt, er will ſolchen Leuten im Schweiß ſeines Angeſichts und mit rechten Gaͤrber-Tritten den Tact vorſchlagen, die tauſendmahl beſſer wiſ- ſen, was Tact ſey, denn er ſelber. Sehen wir manchen Frantzoͤſiſchen Violon, o bone Pan! welche gefaͤhrliche Striche fallen da nicht vor; alles muß unter ſeinen Fuͤſſen krachen, erzittern und erbeben; ſeine Ermel (ſonderlich bey itziger auffſchneideriſchen Mode) laſſen keine Fliege leben, und ſind beſſer als alle We- del und Fechtel in der Welt. Wenn man hergegen das Ding beym Licht be- trachtet, ſo hoͤret man faſt keinen eintzigen reinen Griff noch Strich von ihm, ſon- dern alles beruhet in dieſer Charlatanerie, in dem muhſamen Exterieur. Das ſind nun die Leute, die uns Appetit zum Tact-ſchlagen machen, weil es ihnen (scil.) ſo wohl anſtehet. Jch accompagnire dieſer Tagen eine heiſere Pariſienne, die keine Note kennete, und mir doch mit Kopff, Hand und Fuß, den Tact vorſchlagen wollte. §. 4. Wir brauchen des Tact-Schlagens bey unſern groſſen Concerten und Choͤren anders nicht, als aus Noth; wie etwan ein Lahmer ſeines Stocks nicht entbehren kan. Nun iſt es ja wohl an dem, daß ein ſolcher Menſch mit ſeiner Kruͤcke niemahls Hoffart und Figure zu machen, ſondern vielmehr ſuchen wird, dieſelbe ſo viel muͤglich zu verbergen, warum ſolten wir uns dann ſolche unnoͤ- thige und inſolente Airs kit unserem Nohthelffer (dem Tact ſchlagen) geben? da es ja weiter zu nichts dienet, als denjenigen, die unter dem Hauffen etwa hincken, eine Stuͤtze abzugeben, bey welcher ſie ſich wieder aufrichten, und in guter Einigkeit mitmachen koͤnnen. §. 5. Die vielen Gentilezze, ſo in vorhabender Pieçe koͤnnen angebracht werden, ſind unmuͤglich hier alle zu specifiren. Genug, man nehme zum dreyzehnten Tact eben die Noten, welche der Baß im elften gehabt hat, und gehe ſo mit dem Baß gradatim herunter bis im siebenzehnten Tact. Jm achtzehnten nimmt die rechte Hand die ordentlichen drey a vier Taͤcte des Anfangs, her- nach laufft ſie mit dem Baß in Tertien und vollen Griffen bis zur Cadence. Daß Daß auch im elften Tact des andern Theils das Subjectum wieder in die rechte Hand faͤllt, iſt leicht zu erachten; desgleichen im neun und zwantzigſten und folgenden Taͤcten, auch im ein und viertzigſten abermahl. Der letzte Satz fuͤr dem da Capo gibt gute Gelegenheit zur Variation, weil er repetiret wird, die- ſelbe wird auch ein Studierender beſter maſſen zu nutzen wiſſen. §. 6. Hier erſcheinet nun die verſprochene Aria in aller Einfalt und Ehrbar- keit. Jch weiß gewiß, wer das vorhergehende nicht geleſen hat, un dieſe Pieçe als ein Prob-Stuͤck ſpielen ſoll, der wird denjenigen oͤffentlih auslachen, der ihm ſol- ches vorleget, denn, das Ding ſiehet fuͤrwahr ſo ſchlecht aus, als immer muͤglich iſt. Jn- deſſen wolte ich wohl einen Thaler daran wenden, wenn in meiner Gegenwart, und Beyſeyn anderer Kenner, ein Pflaster-Treter und eingebildeter Meiſter ſich damit proſtituirte. Jch will die Stelle nicht nennen, ſie wird ſich ſchon weiſen. Zu mercken iſt hiebey, daß C mol und F mol &c. eben den Ambitum haben, und dannenhero gleiche unerwartete Vorfaͤlle, mit dem Dis mol und Gis mol, an die Hand geben. Da es denn ſchoͤn laͤſt, wenn ein Organiſte darin ſtol- pert. Zum Exempel kann ihm abermahl dienen pag. 55 aus Giovanni Moſſi be- reits citirten Sonaten, wo ein Satz vorkoͤmmt, der juſt mit obiger Aria quadriret. Wer ſonſten das Dis mol, wie es pag. 174. vorgekommen, nimmer in Praxi ge- ſehen hat, der kan es auch in obiger Aria, mit ſeinem gantzen Ambitu, antreffen. Was brauchen wir dann weiter Zeugnuͤs?