Der Ober-Classe fünffzehntes Prob-Stück. Erlaͤuterung. §. 1. JM erſten Theil dieſer Organiſten-Probe iſt, bey Gelegenheit des zwey und zwantzigſten Prob-Stuͤckes, den Liebhabern des unzeitigen Tactſchlagens eine kleine Erinnerung geſchehen. Weil ich nun viele anſehnliche Freunde ha- be, die mit ſolcher Tact-Sucht behafftet, und ſtarck dazu geneiget sind, auch vielleicht durch die bereits angefuͤhrte Gruͤnde nicht voͤllig davon befreiet worden ſeyn moͤg- ten: ſo muß ich hier noch ein Wort mit ihnen theilen. §. 2. Fuͤrs erſte verlange ich, daß ſie mirs Danck wiſſen ſollen, daß ich dieſes Funffzehnte Prob-Stuͤck eigentlich ihnen zu Gefallen geſetzet, damit die be- liebte Bewegung ihrer Fuͤſſe nicht gar gehemmet werde, zu dem Ende es auch mit dem Worte Scherzando (ſchertzend, ſpielend, taͤndelnd) wohlbedaͤchtlich verſehen wor- den ist. Fuͤrs andere bedinge mir aus, daß ſich niemand unterſtehe, in einem Tact von zwey Vierteln, zweimahl nieder zu ſchlagen: denn ſolches waͤre ein Mißbrauch meines Nachſehens. Fuͤrs dritte will ich mir ausgebeten haben, daß diejenigen, ſo mit den Fuͤſſen tactiren, wenigſtens den Kopf ſtill halten, und den gantzen Leib nicht dabey in Aufruhr bringen, zufolge des ihnen bekannten Lehr-Satzes: Daß nicht durch viele verrichtet werden duͤrffe, was einer thun kann. §. 3. Es ist wunderlich! unſere Landes-Leute wollen von den Frantzosen ihren Fleiß, ihre Nettigkeit, ihre Fertigkeit in den Schluͤſſeln, ihre Einigkeit im Spielen und andere gute Eigenschafften keineswegs erlernen; aber die Lufftstreiche, das Auffheben, das Windfechten, die Verdrehungen, so ihrere etliche mit Haͤnden und Fuͤſſen, mit Leib und Seele, bey ihrem Tactschlagen anbringen, das sind Sachen, die uns Teutsche ſonderlich reitzen muͤssen, weil wir uns ſo grosse Muͤhe geben, ihnen es hierinn, als Affen, nachzuahmen, und uns noch viel damit einbilden. Man ſolte dencken, wenn ein ſolcher angemaßter Frantzose, in Begleitung etlicher Geigen, etwas daher kauet, in Meynung er ſinge, daß er mit seinen ſeltſamen Geberden die boͤſen Gei- ſter bannen wolle; da er doch bißweilen lauter Zaͤrtlichkeit im Munde fuͤhret. Das laͤcherlichſte iſt, er will ſolchen Leuten, im Schweiß ſeines Angeſichts und mit rechten Graͤber-Tritten, den Tact vorſchlagen, die tausendmahl beſſer wiſſen, was Tact ſey, denn er ſelber. Sehen wir manchen Frantzoͤsischen Geiger an, welche ge- fähr- faͤhrliche Striche fallen da nicht vor; alles muß unter ſeinen Fuͤſſen krachen, erzittern und erbeben: ſeine Ermel (ſonderlich bey der auffschneiderischen Mode), laſſen keine Flie- ge leben, und ſind besser, als alle Wedel und Fechtel in der Welt. Wenn man herge- gen das Ding bey dem Lichte betrachtet, ſo hoͤret man faſt keinen eintzigen reinen Griff noch Strich von ihm: ſondern alles beruhet in dieſer Marckſchreierey, in dem muͤh- samen Auſſenſchein. Das sind nun die Leute, die uns Lust zum Tact-schlagen ma- chen, weil es ihnen ſo wol anstehet. Jch ſpielte einſten den General-Baß zu dem ſo genanten Singen einer heiſeren Pariserinn, die keine Note kennte; und mir doch, mit Kopff, Hand und Fuß, den Tact vorſchlagen wolte. §. 4. Wir brauchen des Tact-Schlagens bey unſern groſſen Concerten und Choͤ- ren, anders nicht, als aus Noth: wie etwa ein Lahmer, ſeines Stocks nicht entbeh- ren kann. Nun iſt es ja wol an dem, daß ein ſolcher Menſch mit ſeiner Kruͤcke nie- mahls Hofart und Staat zu treiben, ſondern vielmehr ſuchen wird, dieſelbe ſo viel moͤglich zu verbergen; warum ſolten wir uns dann, ſo unnoͤthiger und ungewoͤhn- licher Weiſe, mit unſerm Nohthelffer (dem Tact-ſchlagen) bruͤſten? da es ja weiter zu nichts dienet, als denjenigen, die unter dem Hauffen etwa hincken, eine Stuͤ- tze abzugeben, bey welcher ſie ſich wieder auffrichten, und in guter Einigkeit mit- fortſchreiten koͤnnen. Donius ſchreibet De tibicinum romanorum ſui temporis imperitia ſic loquitur: Demiratus ſum minus, iis in uſu eſſe rhythmum pedibus moderari: ſine quo vix numeros exacte ſequi unquam poſ- ſunt. Don. de Præst. Vet. Music. pag. 111. Doni bezieht sich hier auf das sogenannte collegium tibicinum, eine Musikergenossenschaft im antiken Rom. von den Roͤmischen Kunſt-Pfeiffern und ihrer Unerfahrenheit, alſo: Jch habe mich deſto weniger verwundert, daß es bey ihnen gebraͤuchlich ſey, den Tact mit den Fuͤſſen zu fuͤhren: denn, wenn ſolches nicht geſchaͤhe, wuͤrden ſie kaum die rechte Geltung der Noten treffen koͤnnen. §. 5. Dieſes haͤtten wol bemercken moͤgen diejenigen Frantzoͤsiſchen Virtuosen, von dem denen unlaͤngst aus Verſailles geſchrieben wurde, daß ſie sich uͤber dem Tact- ſchlagen gar entzweiet haben. Des Koͤnigs Capellmeister wollte ein Stuͤck auf- fuͤhren lassen, das er ſelber nicht, ſondern ein andrer Componist, gemacht hatte. Da verlangte nun der Verfaſſer den Tact zu fuͤhren, weil er am beſten wuſte, wie die Bewegung ſeiner Arbeit beſtellet ſeyn muͤsse; hingegen kunnte der Capellmei- ſter ſter ſolchen Eingriff nicht leiden, und hielte es ſeiner Ehre zu nahe, daß ihm ein andrer dergeſtalt ins Tact-Amt fallen ſolte. Der Streit nahm endlich ſo zu, daß er vor den Koͤnig gebracht werden muſte, welcher ihn auf Alexanders-Art entschied, und be- fahl: Man ſollte deſſelben Tags in ſeiner Capelle gar keine Music ma- chen. Das war nun durch dieſe ehrgeitzige Leute damit auſgerichtet! Jndeſſen hatte zwar der Verfaſſer des Stuͤcks, meiner wenigen Meynung nach, Recht, und der Capellmeister haͤtte es, ohne den geringſten Verlust ſeiner Tactirungs-Ehre, koͤn- nen geſchehen lassen; allein auch jener haͤtte lieber nachgeben ſollen, als leiden, daß der Gottesdienst des beſten Zieraths ſeinetwegen beraubet wuͤrde. So aber iſt alles voller eitlen Hochmuths bey den Ton-Kuͤnſtlern dieſer Art, und nichts ſo heilig, das ſie ſolcher Satans-Neigung nicht aufopffern ſollten. Es iſt ihnen wenig daran gelegen, ob ein Christen-Menſch ſich durch ihre Geſchicklichkeit erbaue, o- der an derſelben aͤrgere; wenn nur fein viele Zuhoͤrer herbey gelocket werden, die ſich uͤber ihre bißweilen artige, bißweilen recht laͤcherliche Einfaͤlle und Grillen verwundern. Und ob es zwar ſeine ſehr groſſe Ausnahme leidet, wenn jener al- te Kirchen-Vater Gemeint ist Basilius der Große. ſchreibet: Non adeſt Ecclesia ut audiat mirabilia &c. Es kom- me nemlich die Chriſtliche Gemeine nicht deßwegen zusammen, daß ſie Wunder-Dinge vernehmen wolle: denn, welch Wunder iſts, daß ſich die Zuhoͤrer (wie es auch auſdruͤcklich im Evangelio ſtehet) an ſolchem Orte verwun- dern, wo lauter Wunderwercke getrieben, geſungen, und gelehret werden? so kaͤme doch, in Betracht jener ehrgeitzigen Tact-Grafen, dieſe Erinnerung nicht unrecht an, weil ſie in dem ſuͤndlichen Wahn ſtecken, die Kirchen-Verſammlung diene weiter zu nichts, als zu einer bequemen Gelegenheit, bey welcher ſie ihre ſo genannten Mer- veilles (denn das Teutsche ſtinckt ihnen zu) an den Mann bringen, und ihr Tact-Re- giment behaupten koͤnnen. §. 6. Bißher haben wir wieder die uͤbermaͤſſige Tactirungs-Luſt Lully hatte die Gewohnheit, mittelſt hefftiger Stoſſung seines Spanischen Rohrs wieder den Fuß-Boden, den Tact zu geben; nahm aber den Tod davon, wie seine Lebens-Beſchrei- bung berichtet. Vid. Vide Crit. Mus. Critica Musica T. I. pag. 183. und den da- bey vermachten gottlosen Ehr-Geitz geredet. Wie waͤre es aber, wenn man Di- rectores finde, die gar nicht einmahl den Tact ſelber fuͤhren koͤnnten? ſondern ei- nen andern dazu brauchen muͤſſten? Ein gelehrter Breſlauer, G.E.S., schrieb den 28. Julii 1728 davon also: Jch Jch habe hier mit einem guten Freunde geredet, welcher den alten Fuchs und Ro- man-Ritter, den Ertz– – – und Paſquillanten D.M. Gemeint ist der Göttinger "Doctor musices" Joachim Maier, mit dem Mattheson seit 1726 im Disput über rechtmäßige Kirchenmusik stand, vgl. Jürgen Heidrich, Der Meier-Mattheson-Disput, eine Polemik zur deutschen protestantischen Kirchenkantate in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, Göttingen 1995. Die Fußnote taucht entsprechend in der ersten Auflage der Organisten-Probe von 1719 nicht auf. in Goͤttingen gar wol kennet. Der berichtete mir, daß er der maſſiveste Kerl von der Welt ſey, und da er Director Chori geweſen, haͤtter er nicht einmahl die Geſchicklichkeit gehabt zu dirigiren, ſon- dern einen andern hinſtellen muͤſſen, der fuͤr ihn den Tact gegeben, und er haͤtte bloß mit dem Fuß hinter jenem darein geſchlagen. ꝛc. Das sind die Cantaten-Feinde, die Verfechter derjenigen groſſen Choral-Noten, dabey kein Tact noͤthig iſt. Man kann es ihnen nicht ſonderlich verdencken, wenn ſie das nicht leiden koͤnnen, was ſie nicht verſtehen. Und aus dieſer Erbarmungs- reichen Urſache ſehe ich auch gerne in die Gelegenheit mit den bekannten Unſchul- digen Nachrichtern, oder Sammlern von alten und neuen Theologi- ſchen Sachen Bezieht sich auf die Zeitschrift Unschuldige Nachrichten | Von Alten und Neuen Theologischen Sachen, herausgegeben von Valentin Ernst Löscher, 1703ff., die sich die Verteidigung der reinen lutherischen Lehre zum Ziel setzte. , die ſich solcher Stuͤmper noch unlaͤngst, mit groſſer Beleidigung und Beſchimpffung der Beſſer-Gesinneten muſicalischen Welt, abermahl treulich auſgenommen haben; ja, ich leſe ihre alberne Einwendungen, und unverantwort- liche, wieder alle Chriſtliche Liebe lauffende Laͤſterungen nicht einmahl: weil es mir genug ist, daß ich uͤberhaupt ſchon ſattsam erkenne, wes Geiſtes Kinder ſie ſind, und woher ihr ſuͤndlicher Jrrthum entſpringe; nehmlich aus lauter grober Unwiſ- ſenheit in dieſer Sache, und aus dem damit genau verknuͤpfften geiſtlichen Ueber- muth und Kragen-Stoltz. Wuͤsten dieſe Sammler, welche doch ſo blindlings auff die Deutlichkeit, Ernſthafftigkeit und Erbaulichkeit ihrer alten Choral-Goͤtzen pochen, wie undeutlich, naͤrrisch und aͤrgerlich z.B. Laſſo, Hammerſchmidt und andere dergleichen in ihren Compoſitionen verfahren haben, allwo Hamonia Harmonia do- mina war: ſie wuͤrden ſo nicht ins Gelach hinein ſchreiben; ſondern gantz andere Saiten aufziehen. Ja, wuͤſten ſie nur, die guten Leute, daß die jenige Art zu mu- ſiciren, welche ſie an einigen, wegen uͤbler Ausfuͤhrung, verdammen, im Grun- de eben die Art ist, welche ſie an andern loben muͤſten; ſo wuͤrden ſie, wie ich hertz- lich wuͤnſche, ſich ihres unzeitigen, ungelehrten Eifers wol einmahl rechtſchaffen ſchaͤmen. Von dem erſten Punct findet ſich ein handgreifliches Muſter in dem Vor- bericht dieſes Buchs; und von dem andern will ich, mit Gottes Huͤlffe, bey nach- ſter Gelegenheit auch einige vorbringen. §. 7. Die vielen Zierathen, ſo in vorhabendem Exempel koͤnnen angebracht wer- den, ſind unmoͤglich alle hier zu verzeichnen. Genug, man nehme zum dreizehnten Tact eben die Noten, welche der Baß im elfften gehabt hat, und gehe so Schritt-Wei- ſe herunter, biß in den ſiebenzehnten Tact. Jm achtzehnten nimmt die rechte Hand die ordentlichen drey biß vier Taͤcte des Anfangs; hernach laͤufft ſie mit dem Baß in Tertzen Tertzen und vollen Griffen biß zum Abſatz. Daß auch im elften Tact des andern Theils der Haupt-Satz wieder in die rechte Hand faͤllt, iſt leicht zu erachten; des- gleichen im neun und zwantzigſten und folgenden Taͤcten: auch im ein und viertzig- ſten abermahl. Der letzte Satz vor dem da Capo gibt gute Gelegenheit zur Ver- aͤnderung, weil er wiederholet wird: dieſelbe Gelegenheit wird auch ein Studierender beſter maſſen zu ergreiffen wiſſen. §. 8. Hier erſcheinet nun die verſprochene Aria in aller Einfalt und Ehrbahr- keit. Jch weiß gewiß, wer das vorhergehende nicht gelesen hat, und diese Melo- die als ein Prob-Stuͤck ſpielen ſoll, der wird denjenigen oͤffentlich auslachen, der ihm ſolches vorleget: denn, das Ding ſiehet in der That ſo ſchlecht aus, als immer moͤglich iſt. Jndeſſen wolte ich wol etwas daran wenden, wenn, im Beyſeyn eini- ger Kenner, ein Pflaſter-Treter und eingebildeter Meiſter ſich damit bloß gaͤbe. Jch will die Stelle nicht nennen, ſie wird ſich ſchon weiſen, und die Algebraiſten wer- den ſie von ferne riechen: inſodernheit der Quedlinburger Hof-OrganistAndreas Werckmeister., der die Leu- te fuͤr Katzen haͤlt. §. 9. Zu mercken ist hiebey, daß C mol und f mol ꝛc. eben den Sprengel haben, und dannenhero gleich unerwartete Vorfaͤlle, mit dem Dis mol und Gis mol, an die Hand gehen. Da es denn ſchoͤn laͤſt, wenn ein algebraischer Orga- niſte darinn ſtolpert.