Der Ober-Classe sechzehntes Prob-Stück. Erlaͤuterung. §. 1. JN der Mittel-Classe dieser grossen General-Baß-Schule ist gegenwaͤrtiger Ton anders notiret worden, als hier, da es doch (nach der Einrichtung des gewoͤhnlichen Claviers zu reden) derselbe Tangent ist. Es wird wohlbedaͤchtig gesagt, nach der gewoͤhnlichen Einrichtung unserer Claviere: denn es schon genugsam mathematisch von andern erwiesen worden ist, daß ♯G sonst ein gantz anderer Ton sey, als ♭A. Jch fuͤge hinzu: daß man es auch natuͤrlich darthun koͤnne: massen die Eigenschafft des ersten Tons eine kleine Tertz erfordert, und also eigentlich weich ist; der andere aber von selbsten die grosse Tertz haben muß, einfolglich von Natur hart ist, welches ein und derselbe Ton zugleich nicht seyn kan. Was hier fuͤr harmonische Ursachen Stich halten, ist noch nicht bekannt; in der Praxi aber stehet der Satz fest. §. 2. Man hat zwar lange wol gemercket, daß in den so genannten halben Tonen gleichsam eine Zweideutigkeit stecke; daß nemlich ♯C ein ander Ding an sich selbsten sey, als ♭D; daß ♯D vom ♭E billig unterschieden werden solte; daß ♯E mit dem gewoͤhnlichen f keine Gemeinschaft hege. Sie haben gar recht erwiesen, daß ♯F nicht ♭G sey; daß ♭A und ♯G im Grunde nicht einerley; daß ♭H was ganz anders sagen wolle, als ♯A, und daß endlich ♯H keine Verwandtschafft haben koͤnne mit dem ordentlichen C: denn darinn bestehet ein Stuͤck der enharmonischen Octave, wobon die Vorbereitung, oder unterste Classe, weitlaͤuffig gehandelt hat. §. 3. Allein so weit sind unsere Ausbesserer noch nicht gegangen, dß sie auch ♭C vom H unterschieden, und ♭F nicht mit E vermengt, oder daß, gleichwie C und f auf verschiedene Art koͤnnen notiret werden, dieselbe auch, wo nicht eigene, nebenliegende Stuffen, (die ich gerne im Kauff geben will) doch wenigstens eine andere Bezeichnung erfordern solten: welches doch, besonders in denjenigen Ton-Arten, die verdeckter Weise ins enharmonische Klang-Geschlecht ausweichen, hoͤchstnoͤthig ist, und derowegen davon mit mehrern zum Beschluß dieses Werckes wird geredet, auch gewiesen werden, was sonst fuͤr Ungelegenheit im Schreiben daraus entstehet. §. 4. Unsere Vorfahren, wie sie ihre Anmerckungen uͤber den Mangel der Tone gemachet, u. vermeynet haben, daß dem Clavier bey den halben Stuffen noch sieben Tangenten in jeder Octave fehlten, sind wol schwerlich auf die Gedancken gerathen, daß man nach ihrer Zeit aus solchen halben Stuffen, (geschweige aus ihren Bruͤchen) jemahls ein Stuͤck setzen wuͤrde, zumahl da Capricornus und Bernhardi sich in diesem Werck schon wacker umgesehen, und fast fuͤr unmoͤglich gehalten haben, daß es weiter koͤnne getrieben werden; wie doch zu Tage lieget: sie haben nur die Folgen oder Ausweichungen der andern gewoͤhnlichen Tone betrachtet, und nach solchem Grund-Satz ihre Anmerckungen fuͤr unumstoͤßlich auch unentbehrlich ausgegeben: welches doch ein Jrrthum ist. §. 5. Eben so wenig als unser einer glauben mag, daß nach diesem aus dem ♯E in so weit es vom F unterschieden ist, etwas zum Vorschein kommen sollte, eben so leicht kann es doch geschehen; und wolte ich nicht Buͤrge dafuͤr seyn, noch verlangen, daß man deswegen sonderliche grosse Aenderungen im Jnstrumente machen solte, denn die helffen uns nichts; meine Gedancken gehen mit aller Bescheidenheit dahin, daß nur Zeichen genug moͤgten angesetzt werden, wodurch dergleichen Sachen geschickt zu notiren: und zwar hauptsaͤchlich wegen besagter Folgen. Denn die Hoffnung, ein Clavier zu verbessern, zu vermehren, und zur Vollkommenheit zu bringen, muͤssen wir fahren, und uns an einer guten Temperatur begnuͤgen lassen: weil es doch, ungeachtet vielfaͤltiger Vorschlaͤge und Versuche, mit dem Flick-Werck der Tangenten nichts sagen will; aber unsere Meynung durch Noten auszudruͤcken duͤrffte wol nicht schaden: und das koͤnnen wir nicht einmahl recht thun, wie bey dem letzten Exempel dieser Classe, ja gleich in folgender Arie, gewiesen werden soll. §. 6. Mit wenigem ist sonst anzudeuten, daß vom 5ten Tact dieses Prob-Stuͤcks bis am dritten des letzten Theils, so dann wieder vom 10ten besagten Theils bis an den 17ten alles gar manierlich in der rechten Hand gespielet, bey den vorkommenden 6/4 aber eine zierliche Brechung angebracht werden koͤnne; uͤbrigens braucht es keiner grossen Kuͤnste. §. 7. Diese Aria habe ich bey einer vornehmen Person, welche aus Jtalien hieher gekommen, angetroffen, ohne zu wissen, wer Verfasser davon sey.Auch bislang konnte der Komponist nicht ermittelt werden. Man sieht wol, daß sie entweder fuͤr einen Verschnittenen, oder sonst fuͤr jemand, der den hohen Alt gesungen, gesetzt seyn muͤsse, auch daß einige Jnstrumente dabey gehoͤren: die ich aber, samt etlichen zwischenkommenden Pausen, hier fuͤr unnoͤthig gehalten habe. Die Absicht gehet nun dahin, ein Beispiel aus der taͤglichen Uebung zu geben, wo das Gis mol starck herhaͤlt, und dazu ergriffe ich, was mir am ersten, ja gleichsam von ungefehr, in die Haͤnde faͤllt. Daß indeß ♯G mol haͤuffiger aufstosse, als ♭A mol ist wahr: weil das erste die kleine Tertz wesentlich, das andere nur zufaͤlliger Weise fuͤhret; allein, es ist doch einerley im Spielen, nur laͤsset sich das letztere reiner auffschreiben, darum hat mans hier im Prob-Stuͤcke gewehlet. Einen schoͤnen Satz aber, aus dem bA dur, finde ich in Mossi seinem Wercke, pag. 34, welches zu mercken bitte, weil es mir bey dem Zwoͤlfften Prob-Stuͤcke dieser Classe nicht beigefallen ist. Einen andern Satz aber, aus dem ♯G dur trifft man bey eben selbigem Componisten pag. 59 an, wodurch meine obige Anmerckungen bewiesen sind. Besagtes Werck, das hier angefuͤhret, und als ein Exempel vorgestellet wird, bestehet in zwoͤlff Sonaten mit einer Violin und dem Basse, zu Amsterdam in Kupffer gestochen, und der Verfasser heisset: Giovanni Mossi. §. 8. Jch habe am Ende der vorhergehenden Erlaͤuterung gesagt, es sollte in dieser Arie gezeiget werden, daß wir unsre Meynung nicht allemahl, ohne Uebelstand, mit Noten recht ausdrucken koͤnnen, und daß es uns wirchlich an Zeichen fehle, wenn wir in die unbewanderten Tone modulieren wollen. Das erhellet nun insonderheit aus den beiden letzten Zeilen obesagter Arie Sonnen-klar, weil daselbst eine Note fuͤnffmahl, so wol in der Sing-Stimme, als im Baß vorkommt, die ein zweifaches Kreutz (♯♯) vor sich hat, und ein so genannten g bedeutet, welches ist allerdings (ob es gleich die gewoͤhnliche Schreib-Art ist) fuͤr einen Uebelstand halte, und zum Beschluß dieses Wercks meine Ursachen und Mittel, so gut ich sie begriffe, und im Vorrath habe, nebst mehr Exempeln, beibringen werden.