Der Ober-Classe zweites Prob-Stück. Vid. Keiſers Solil. p. 6 & 21. ejusdem Divert. Seren. p. 37. ejusd. Erleſene Sätze p. 54. Er- Erlaͤuterung. §. 1. DJeses Prob-Stuͤcke kan an statt einer Toccata, oder wenigſtens wie eine gute Toccatina gebraucht werden, und geben ſchon im ersten Tact die beyden Achtel-Noten und ihre Pauſen zu erkennen, daß daſelbſt im Diſcant wiederholet werden mag, was vorhin der Baß bereits geſpielet hat. Mit dem andern, fuͤnfften, achten, sechszehnten, ſiebenzehnten, achtzehnten, ein- und zwan- tzigſten und neun und zwantzigſsten Tact hat es eben dieſelbe Bewandtnuͤs, und darff man nur zuſehen, was im Baſſe entweder vorgehet oder folget, ſo hat man daſjenige gefunden, was die rechte Hand ſpielen kañ, wenn ſich einer damit hoͤren laſſen will. §. 2. Wo ſolche Saͤtze kommen als im vierten Tact, da ſpringet man immer Accort-weiſe in der rechten Hand mit, und faͤngt von der Tertie an; Bey dem ſechſten Tact wolle man mercken, daß die pag. 107. angefuͤhrte Syncopation mit Sexten in der rechten Hand, folgender Geſtalt angebracht werden koͤnne: Sel- Selbige Art zu ſyncopiren iſt gantz leicht, und macht ein Bruit als wenns was rechtes waͤre, derowegen man ſich derſelben vielmahl mit sonderbarem Lustre und weniger Muͤhe bedienen kan. §. 3. Jm neunten Tact kommt dergleichen Passage abermahl vor, kan deß- wegen auch vorgemeldte Syncopation angebracht werden. Wo der niedrige Diſ- cant-Schluͤſſel einfaͤllt; und weiter hin, wo der Baß denſelben Lauff in der Repercuſſion aus dem G anhebet, verfaͤhrt man auf eben dieſelbe Weiſe. §. 4. Zu Anfang des andern Theils nach dem final-Zeichen 𝄐, bricht man gantz bequemlich die Accorte und uͤberſtehende Species auf eine ſinnliche oder langſame, bedaͤchtliche Art, bloß mit ſechszehntheilen, und continuiret drey Taͤcte damit. Soll ich meine Meynung mit Noten deutlicher entdecken? Wohlan! Wie §. 5. Wie man vor allen Dingen den ſchon oben angemerckten achten Tact, wegen Anbringung des Subjcti im Diſcant, wohl zu beobachten hat, alſo schei- net in den folgenden ſechszehnten, ſiebenzehnten und achtzehnten auch noͤthig zu ſeyn, deßwegen eine kleine Erinnerung zu thun. Dreymahl koͤmmt das The ma da vor; das erſte hebt im f, das andere gleich darauf im b, und das drit- te, wenn der Baß mit ſeinem fertig, im g an, welches, meines Beduͤnckens deut- lich genug demonstriren heiſſen mag. §. 6. Was die Achtel im drey- und zwantzigſten bis ſechs und zwantzigſten Tact betrifft, ſo iſt leicht ſo ſchließen, daß, bey ſo colorirter Art zu ſpielen, man da- ſelbst nicht muͤßig ſeyn koͤnne. Es ſind aber unzaͤhlige Harpeggiaturen und ge- brochene Sachen anzubringen, die alle zu ſpecificiren einen eigenen Tractat er- forderten. Will man ſich inzwischen auf die hiebeygefuͤgte Arten uͤben, ſo kan der Nutze groß ſeyn. Denn diese Lectiones ſind nicht nur ſo vor ſich allein et- was bunt eingerichtet; sondern es ſind Generalia darinnen begriffen, die man allerhand Specialibus zu appliciren lernen muß. §. 7. Bey der letzten Helffte des dreißigſten Tacts Gemeint ist vermutlich der 31. Takt. kan die rechte Hand per Sextas mitlauffen, ſo auch in der erſten Helffte des folgenden ein und dreyßigſten;32. die letzte Helffte deſſelben aber ſpielet man in beyden Haͤnden mit Octaven; alternirt ſodann mit Sexten und Octaven eine Clauſul um die andere, bis zu den drey letz- ten ten Taͤcten, die alle Octaven-weiß koͤnnen geſpielet werden. Jch ſehe schon zum Voraus, daß einigen, inſoderheit alten austeren Koͤpffen, bey dieſem Octaven- Diſcours das Schuͤtteln ſtarck ankommen wird, weil ſie dencken, dieſe Weiſe zu ſpie- len ſey ja gantz und gar wider die Kleider-Ordnung. Allein ſie moͤgen dencken was ihnen beliebet; wenn ſie nur glauben, daß mirs um nichts ſo sehr als einen guten Ef- fect im Spielen und Accompagniren zu thun iſt, und daß ich nicht ex Theoria, son- dern ex longa Praxi erfahren habe, wie gut ein ſolches Octaven-Weſen, inſoderheit bey ſtarcken Sachen, in die Ohren falle. Jch habe aber auch befunden, daß es vielen, die des Dinges ungewohnt, obgleich ſonſt des Claviers noch ſo ziemlich maͤchtig ge- weſen ſind, gantz ſpanisch vorkomme, wenn ſie dergeſtalt mit beyden Haͤnden einerley machen ſollen, da es denn luſtig an ein Stolpern gehet; und gehoͤret, meines Beduͤn- ckens, nicht wenig Ubung darzu, wenn man alles auf dieſe Manier bey so geschwinden Noten rein heraus bringen ſoll. Jndeſſen paſſet ſich doch ſolche Spiel-Art nur an gewiſſen Orten, und muß mit groſſer Circumspction angebracht werden. Bis- weilen leiden es die Subjecta der Baͤſſe vor den Sing-Arien gar wohl; bisweilen gar nicht. Niemahls aber findet dergleichen ſtatt, wo eine eintzige Stimme brilli ren ſoll, welches ein Geſcheuter leicht erachten, und ſich aus dieſem Prob-Stuͤck et- wan ein Muſter nehmen kan. §. 8. Jch hatte dieſes Exempel mit aller Bequemlichkeit auf zwo kleine gegen einander uͤberliegende Quart-Seiten entworffen, nicht denckend, daß es im Druck zweimahl so viel Raums erfodern, noch dem Spieler die verhaſſete Muͤhe des Umſchlagens bey ſo geſchwinden Passagen verurſachen ſolte; Jndeſſen weiſet es der Augenſchein, daß mit den Druck-Noten nicht anders hat moͤgen verfahren werden; weil die dreigeschwaͤntzten unter ihnen ſo ſehr viel Platz einnehmen, daß auch biß- weilen nur ein halber Tact auf einer gantzen Zeile hat ſtehen koͤnnen. Jch beklage das unfoͤrmlich Weſen derſelben Noten gar ſehr, weil es nicht nur ungeschickt in die Augen faͤllt, ſondern auch veranlaſſet hat, daß man, wegen des Umſchlagens, hie und da etwas abbrechen und zerreiſſen muͤſſen, welches ſonſt beſſer an einander ge- haͤnget haͤtte; wie ich denn unter andern dadurch bewogen worden, p. 109 in fine ein bißgen einzuflicken, einen Abſatz zu machen, und eine Pauſe zu ſetzen, die mir zu- vor nie in den Sinn gekommen. Ein Verſtaͤndiger wird es leicht mercken und mich entſchuldiget halten. Jch habe mein moͤglichſtes dabey gethan. Drit-