Der Ober-Classe zweites Prob-Stück. Erlaͤuterung. §. 1. DJeſes Prob-Stuͤck kann an Statt einer Toccata, oder wenigſtens wie ei- ne gute Toccatina gebraucht werden, und geben ſchon im ersten Tact die beiden Achtel-Noten und ihre Pauſen zu erkennen, daß daselbst im Diſcant wiederholet werden mag, was vorhin der Baß bereits gespielet hat. Mit dem an- dern, fuͤnfften, achten, ſechszehnten, ſiebenzehnten, achtzehnten, ein und zwan- tzigſten und neun und zwantzigsten Tact hat es eben dieſelbe Bewandtniß, und darff man nur zuſehen, was im Baſſe entweder vorgehet oder folget, ſo hat man dasjenige gefunden, was die rechte Hand ſpielen kann, wenn ſich einer da- mit hoͤren laſſen will. §. 2. Wo ſolche Saͤtze kommen, als im vierten Tact, da ſpringet man immer Accord-Weiſe in der rechten Hand mit, und faͤngt von der Tertz an. Bey dem ſechsten Tact wolle man mercken, daß die pag. 307. angefuͤhrte Brechung mit Sexten in der rechten Hand, folgender Geſtalt angebracht werden koͤnne: Selbige Art zu syncopiren iſt gantz leicht, und macht ein Aufſehen, als wenn es es es was rechtes waͤre: derowegen man sich derſelben vielmahl, mit ſonderbaren Vor- zug und weniger Muͤhe, bedienen kann. §. 3. Jm neunten Tact koͤmmt dergleichen Gelegenheit abermahl vor, es kann deßwe- gen auch bemeldte Brechung wieder angebracht werden. Wo der niedrige Diſcant- Schluͤſſel einfaͤllt, und weiter hin, wo der Baß denſelben Lauff in der Verſe- tzung aus dem G anhebet, verfaͤrt man auf eben dieselbe Weise. §. 4. Jm Anfange des andern Theils dieſes Prob-Stuͤcks, nach dem Endigungs-Zeichen 𝄐 bricht man gantz fuͤglich die Accorde und uͤberſtehende Zieffern auf eine bequeme, oder langsame, bedaͤchtliche Art, bloß mit ſechszehntheilen, und faͤhret drey Taͤcte damit fort. Soll ich meine Meynung mit Noten deutlicher endecken? Wie §. 5. Wie man vor allen Dingen den ſchon oben angemerckten achten Tact, we- gen Anbringung des Haupt-Satzes im Diſcant, wol zu beobachten hat, also ſcheinet in den folgenden ſechszehnten, ſiebenzehnten und achtzehnten auch noͤthig zu ſeyn, deßwegen eine kleine Erinnerung zu thun. Dreimahl koͤmmt das The- ma da vor: das erſte hebt im f, das andere gleich darauf im b, und das dritte, wenn der Baß mit ſeinem fertig ist, im g an, welches, meines Beduͤnckens, deut- lich genug angewieſen heiſſen mag. §. 6. Was die Achtel im drey und zwantzigſten bis sechs und zwantzigſten Tact betrifft, ſo iſt leicht ſo zu schlieſſen, daß, bey ſo bunter Art zu ſpielen, man da- ſelbſt nicht muͤßig ſeyn koͤnne. Es ſind aber unzaͤhlige Veraͤnderungen und ge- brochene Sachen anzubringen, die alle zu verzeichnen einen eigenen Band erfor- derten. Will man ſich inzwischen auf die hiebeigefuͤgte Arten uͤben, so kann der Nutz groß ſeyn. Denn dieſe Aufgaben ſind nicht nur ſo fuͤr ſich allein etwas bunt eingerichtet; ſondern es ſind allgemeine Lehren darinnen begriffen, die man bey allerhand beſondern Vorfaͤllen anzubringen lernen muß. §. 7. Bey der letzten Helffte des dreißigſten Tacts Gemeint ist vermutlich der 31. Takt. kann die rechte Hand durch Sexten mitlauffen, ſo auch in der erſten Helffte des folgenden ein und dreißig sten;32. die letzte Helffte deſſelben aber ſpielet man in beiden Haͤnden mit Octaven, wechſelt ſodann, mit Sexten und Octaven um, eine Clausul um die andere, bis zu den drey drey letzten Taͤcten, die alle Octaven-Weiſe koͤnnen geſpielet werden. Jch ſehe ſchon zum Voraus, daß einigen, inſoderheit alten ſtarren Koͤpffen, bey dieſem Octaven-Handel das Schuͤtteln ſtarck ankommen wird: weil ſie denken, diese Weiſe zu ſpielen ſey ja gantz und gar wider die Kleider-Ordnung. Allein ſie moͤgen dencken, was ihnen beliebet; wenn ſie nur glauben, daß mirs um nichts ſo ſehr, als um eine gute Wirckung im Spielen und Accompagnieren zu thun iſt, und daß ich nicht durch bloſſes Nachſinnen, ſondern aus langer ehmaligen Hand-Uebung, er- fahren habe, wie gut ein ſolches Octaven-Weſen, inſoderheit bey ſtarcken Sachen, in die Ohren falle. Jch habe aber auch befunden, das daß es vielen, die des Dinges unge- wohnt, ob ſie gleich ſonſt des Claviers noch ſo ziemlich maͤchtig geweſen ſind, gantz ſpa- niſch vorgekommen iſt, wenn ſie dergeſtalt mit beiden Haͤnden einerley machen ſollen, da es denn luſtig an ein Stolpern gehet; und gehoͤret, meines Beduͤnckens, nicht wenig Uebung darzu, wenn man alles auf dieſe Weiſe, bey geschwinden Noten rein heraus bringen ſoll. Jndeſſen paſſet ſich doch ſolche Spiel-Art nur an gewissen Or- ten, und ſie muß mit groſſer Behutſamkeit angebracht werden. Bisweilen leiden es die Haupt-Saͤtze der Baͤſſe von den Sing-Arien gar wol; biſweilen gar nicht. Niemahls aber findet dergleichen Platz, wo eine eintzige Stimme hervorragen ſoll, welches ein Geſcheuter leicht erachten, und ſich aus dieſem Prob-Stuͤck etwa ein Muſter nehmen kann. §. 8. Jch hatte dieſes Exempel, mit aller Bequemlichkeiten, auf zwo kleine gegen ein- ander uͤberliegende Quart-Seiten entworffen, nicht denckend, daß es im Druck zweimahl ſo viel Raums erfodern, noch dem Spieler die verhaſſete Muͤhe des Um- ſchlagens bey ſo geſchwinden Gaͤngen verurſachen solte. Jndeſſen weiſet es der Au- genſchein, daß mit den Druck-Noten nicht anders hat moͤgen verfahren werden: weil die dreigeſchwaͤntzte unter ihnen ſo ſehr viel Platz einnehmen, daß auch bißwei- len nur ein halber Tact auf einer gantzen Zeile hat ſtehen koͤnnen. Jch beklage das unfoͤrmliche Weſen derſelben Noten gar ſehr, weil es nicht nur ungeſchickt in die Au- gen faͤllt, ſondern auch veranlaſſet hat, daß man, wegen des Umſchlagens, hie und da etwas abbrechen und zerreissen muͤssen, welches ſonſt beſſer zuſammen ge- haͤnget haͤtte. Wie ich denn, unter andern, dadurch bewogen worden, p. 309 am Ende ein bißgen einzuflicken, einen Abſatz zu machen, und eine Pauſe zu ſetzen, die mir zuvor nie in den Sinn gekommen war. Ein Verstaͤndiger wird es leicht mercken, und mich entſchuldiget halten. Jch habe mein moͤglichſtes dabey gethan. Drit-