Der Ober-Classe zweiundzwanzigstes Prob-Stück. Erlaͤuterung. §. 1. DAmit ja niemand ſich zu beſchweren haben möge, daß bey diesem Prob- Stück die Claves ihm Verwirrung verurſachen, ſo iſt gantz und gar davon abſtrahiret und nur ein eintziges mahl das Tenor-Zeichen, et- wann anderthalb Tact lang, eingerücket worden. Man hat auch beſtmüglichſt auf die natürlichſte Ausweichung des Tons ſein Abſehen gerichtet und keine Clau- ſulam peregrinam angebracht. §. 2. Das war, was ſich in gegenwärtiger Pieçe nicht befindet; nun wollen wir mit wenigen dasjenige betrachten, was darinnen vorkömmt. Erſtlich muß bey dem Fall aus dem #c ins b bemercket werden, daß zwischen beyden das h an- und mit einem kleinen Trillo vorſchlagen muss, ſonſt würde es höl- zern ſchicken. Vors andere, wenn man alles fein rein bis auf die Cadence in den elfften Tact gebracht hat, ſo wird nach Belieben (nicht daß es eben unum- gänglich ſey) die rechte Hand oder vielmehr der Kopff ſeine Melodie, wie es zu ſingen ſeyn möchte, zu erſinnen wiſſen, welche unmaßgeblich auf diese Schlag einzurichten, womit ſie dann ein Tact oder zehn bis zur Cadence ins cis con- tinuiret werden mag: Im folgenden Notenbeispiel setzt Mattheson die Taktstriche um einen halben Takt versetzt. Jndeſſen muß, was ſo offt erinnert worden, die Vollstimmigkeit des Baſſes und Beobachtung der Signaturen in der lincken Hand keines weges ausge- ſetzet werden. §. 3. Jm neuenzehnten Tact ſtehet wiederum ſi ſuona, deſſen Bedeutung be- kandt iſt,vgl. Probstück 5 und wo Tutti eintritt, da geht es über alles, was nur wohl klingt. Nach dem Schluß des erſten Theils, fänget die rechte Hand abermahl zu modu liren an, wovon dieſes ein Muſter ſeyn mag: Darauf hebt ſich das Tutti an bis zur nächſten Cadence, allwo ohngefehr auf dieſe Art mag gesſpielet werden: §. 4. Ich wiederhole nochmahls, daß es keine Sanctio pragmatica ſen, eben dieſe Noten, ſo wie hier ſtehen, an bemeldten Oertern zu ſpielen; denn es wird unmüglich ſeyn, daß einer unter hundert es juſt ſo treffe. Es iſt alles nur zur Nachricht hingeſetzet worden, und wer ſich der Probe unternimmt, kan ſchon etwas beffers extemporifiren, anbey dadurch zu erkennen geben, daß die Sel- tenheit des Tons ſeinen Geiſt nicht feſſelt, ſondern, daß er, derfelben ungeachtet, freye Fantaiſie habe, und nach Gefallen mit dem Clavier ſchalten könne. Wenn felbiges reine geftimmet iſt, ſo wird es ſchon gut aus dem Fis dur klingen, da- fern ein habiler Meiſter darüber kömmt; ſtimmt das Inſtrument aber nicht/ ſo kan es auch aus dem gemeinſten Straſſen-Ton nicht gut klingen, und wenn ein Orpheus ſelber ſpielte. Gibt ſich inzwiſchen einer für Meiſter aus, ſo muß er hier extemporifiren können; denn ſolche Leute, hauptsächlich unter den Organi- ſten, zu prüfen, iſt hier der erſte und fürnehmſte Zweck; dahingegen der Un- terricht nur beyläuffig gehandelt und ſecundo loco geſetzt wird. Es kan und mag zwar ein jeder, wie in der Vorbereitung geſagt worden, ſich ohne Zeugen ſelbſt prü- fen; aber weil uns doch die Eigen-Liebe gar zu ſehr anhängt, und man gerne mit ſeinen eigenen Fehlern durch die Finger ſiehet, ſo wäre mein Rath, erſt ins geheim, hernach mit Zuziehung eines unpartheyiſchen Kenners, die Probe anzuſtellen. Drei-