Der Ober-Classe dreiundzwanzigstes Prob-Stück. Conf. Giov. Moſſi Opera Ima pag. 59. Erlaͤuterung. §. 1. Jener Soldat hatte das Leben verwircket, und wurde ihm ein Urtheil ab- gefaßt, er ſolte ſich von einem hohen, gaͤhen Felſen herunter ſtuͤrtzen. Wie er nun auf die Wahlſtatt koͤmmt, geht er etliche Schritte hinter- waͤrts, und nimmt einen ſtarcken Zulauff, damit er ſeinen Sprung deſto beſſer ausfuͤhren moͤchte; da er aber ſchon auf der Spitze iſt, und jedermann ihn mit den Augen unten ſucht, bleibt er ploͤtzlich ſtehen, vielleicht aus Entſetzen vor dem ſchrecklichen Abgrund. Solches geſchiehet zu dreymahlen; woruͤber endlich der dabey ſtehende General zornig wird, fragend: Was er denn zauderte? und weß- wegen er nun dreymahl den Zulauff genommen, und immer auf dem Rande ſte- hen geblieben ſey? Der behertzte Soldat nicht faul, antwortet dem General mit einer groſſen Standhafftigkeit: Monſieur, (denn er war ein Frantzoſe) ihr mey- net, es ſey ſo eine Bagatelle, ſich von dieſem Felsen herunter zu ſtuͤrtzen; Es iſt wahr, ich habe es dreymahl verſuchen wollen, und iſt mir noch nicht angegangen, je vous le donne en quattre, ich will euch gerne viermahl geben, wenn ihr vor mich ſpringen wollet. Uber dieſe freye Antwort muſte ſich jedermann, auch der General ſelbſt verwundern, und Kerl wurde pardonniret. §. 2. Nun moͤchte aber mancher Organiſtens-Burſche ſagen: Du lieber GOtt! wie koͤmmt das hiebey? Was ſoll ich wohl fur Troſt aus dieſer Hiſtorie, wider die Angſt, ſo mir dies leidige Exempel aus dem Cis einjaget, ſchoͤpfen? Was kann mir der Soldat, mit ſeiner naſeweiſen Antwort fuͤr Erlaͤuterung geben, es moͤchte denn ſeyn, daß man dieſes naſeweiſe Prob-Stuͤck damit vergleiche? Nein, mein gu- ter Held, du haſt es nicht getroffen: es iſt nicht ſo gemeint. Jch will dir ſagen wie dieſe Erzehlung hierbey kommt; was fuͤr Troſt du aus der Application der- ſelben zu ſchoͤpffen, und welche Erlaͤuterung du dadurch bekommen kanſt. Erſt- §. 3. Erſtlich iſt das Prob-Stuͤck, wenn es ſoll preſto aſſai und reine dabey geſpielet werden, nicht von der Art, daß es auf einmahl koͤnne vollkommen her- auskommen, ſondern es braucht einer zu ſolchem Sprunge wohl mehr, als einen Zu- lauff. Auf dieſe Weiſe quadrirt meine Historie. Vors andere iſt es fuͤr dich auf der Probe ſtehenden ein groſſer Troſt, wenn ich nicht nur zu dir, wie der Soldat (ſans comparaiſon) zum Generalen ſage: Je te le donne en quattre,, ich will dichs gerne viermahl durchſpielen laſſen, ehe es recht gelten ſoll; ſondern, Je te le donne en ſix, ich gebe dirs wol ſechs und mehrmahl frey. Siehe, den Troſt haſt du aus der Application meiner kleinen Geſchichte. Drittens folget ja nothwendig daraus, wenn man dir Zeit laͤſſt, das Stuͤck vier- bis ſechsmahl uͤber zu ſpielen, daß durch dieſe Praxin dir eine groſſe Erlaͤuterung daruͤber wird zuwachſen. Und da haſt du meine Antwort. §. 4. Nun thue dein beſtes, und laß dich hoͤren; ich verlange nicht, daß die rechte Hand das geringſte (auſſer ein paar Tertien dann und wann) machen ſoll, es wird auch keine Zeit dazu ſeyn, wenn das preſto aſſai wol in acht genom- men werden ſoll. Huͤte dich aber fuͤr Octaven und falſchen Griffen, bey der hoͤchſten Geſchwindigkeit; man hoͤrt es ſonſt bald, und wenn noch ſo ſehr daruͤ- ber hingefahren wird. Es moͤchte einem ankommen, daß du ihm etliche Tacte, inſonderheit die ſechs letzteren, gantz langſam spielen ſolteſt; alsdann du leicht be- ſchaͤmt ſtehen moͤchteſt. Jch ſehe nun nicht, wie dir weiter zu helffen, und wo- durch dir ferner in dieſem Fall, einige Anleitung koͤnne gegeben werden. Die Pieçe iſt ſo abſolutè eigenſinnig, daß, wenn mir nicht dieſes Hiſtoͤrgen dabey eingefallen waͤre, ich ſchwerlich ein Wort zu deiner Avantage haͤtte vorbringen koͤnnen. §. 5. Wie dieſer Ton, Cis moll, gar offt affinaliter (des Recitativi zu geſchwei- gen) in den kleineſten Arietten vorkomme, kan man inſonderheit aus Herrn Kei- ſers Erleſenen Saͤtzen p. 67. f. ingleichen aus deſſelben Erloͤsungs-Gedan- cken pag. 25. f. erſehen. In Jnſtrumental-Sachen dienen zum Exempel des Herrn Telemanns Sonatine, allwo im Baſſe pag. 9.&10. Cadenzen und Modulationes nicht nur ins Cis moll, ſondern auch ins Gis moll vorkommen. Sonſten finden wir gantze Paragraphos (ut ita loquar) welche in dieſem Ton fundamentaliter anfan- gen und endigen. Ich koͤnte vom Cis dur und Fis dur auch viele Proben beybringen; aber ſie ſind eben nicht gedrucckt; und wenn ich ſie hier alle ſolte einrücken laſſen, würde das Buch dreymahl ſo groß werden. Man ſuche nur in Conti, Hendels und Heinichens Sing-Sachen, ſo wird ſich genug von dieſer Art hervorthun. Vier-