Der Ober-Classe dreiundzwanzigstes Prob-Stück. Erlaͤuterung. §. 1. Jener Soldat hatte den Tod verdienet, und es wurde ihm ein Urtheil geſpro- chen, er ſollte ſich von einem hohen, gaͤhen Felſen herunter ſtuͤrtzen. Wie er nun auf die Wahlſtatt koͤmmt, gehet er etliche Schritte hinterwaͤrts, und nimmt einen ſtarcken Zulauff, damit er ſeinen Sprung deſto beſſer ausfuͤhren moͤgte; da er aber ſchon auf der Spitze iſt, und jedermann ihn mit den Augen un- ten ſucht, bleibt er ploͤtzlich ſtehen. Solches geſchiehet zu dreimahlen; woruͤber endlich der dabey ſtehende General zornig wird, fragend: Was er denn zauderte? weßwegen er nun dreimahl den Zulauff genommen, und immer auf dem Rande ſtehen geblieben ſey? Der behertzte Soldat war nicht faul, ſondern antwortete dem General mit einer groſſen Standhafftigkeit: Monſieur, (denn er war ein Frantzoſe) ihr meynet, es ſey ſo eine Kleinigkeit, ſich von dieſem Felsen herunter zu ſtuͤr- tzen! Es iſt wahr, ich habe es dreimahl verſuchen wollen, und iſt mir noch nicht angegangen; je vous le donne en quattre, ich will euch gerne viermahl geben, wenn ihr fuͤr mich ſpringen wollet. Ueber dieſer freien Antwort muſte ſich jeder- mann, auch der General ſelbſt, verwundern, und dem Kerl wurde das Leben geſchenckt. §. 2. Nun moͤgte mancher Organiſt, ſamt ſeinen Burſchen, ſagen: Du lieber GOtt! wie koͤmmt das hiebey? Was ſoll ich wol aus dieſer Hiſtorie, wieder die Angſt, ſo mir dies leidige Exempel aus dem Cis einjaget, fuͤr Troſt ſchoͤpfen? Was kann mir der Soldat, mit ſeiner naſeweiſen Antwort, fuͤr Erlaͤuterung geben? es moͤget denn ſeyn, daß man dieſes naſeweiſe Prob-Stuͤck damit vergliche. Nein, mein guter Held, du haſt es nicht getroffen: es iſt nicht ſo gemeynt. Jch will dir ſa- gen, wie dieſe Erzehlung hierbey kommt; was fuͤr Troſt du aus der Anwendung der- ſelben zu ſchoͤpffen haſt; und welche Erlaͤuterung du dadurch bekommen kanſt. §. 3. Erſtlich iſt die Aufgabe, wenn sie preſto aſſai und dabey rein geſpielet wer- den ſoll, nicht von der Art, daß ſie auf einmahl vollkommen heraus gebracht wer- den den koͤnne; ſondern es braucht einer zu ſolchem Sprunge wol mehr, als einen Zu- lauff. Auf dieſe Weiſe reimet ſich die Geſchicht. Fuͤrs andere iſt es dir, auf der Probe ſtehendem, ein groſſer Troſt, wenn ich nicht nur zu dir, wie der Soldat zum Generalen, ſage: Je te le donne en quattre,, ich will dichs gerne viermahl durchſpielen laſſen, ehe es recht gelten ſoll; ſondern, Je te le donne en ſix, ich ge- be dirs wol ſechs und mehrmahl frey. Siehe! den Troſt haſt du aus der Anwen- dung meiner kleinen Erzehlung. Drittens folget ja nothwendig daraus, wenn man dir Zeit laͤſſt, das Stuͤck vier- bis ſechsmahl uͤber zu ſpielen, daß dir durch dieſe Uebung eine groſſe Erlaͤuterung zuwachſen werde. Und da haſt du meine Antwort. §. 4. Nun thue dein beſtes, und laß dich hoͤren! Jch verlange nicht, daß die rech- te Hand das geringſte (auſſer ein paar Tertzen dann und wann) machen ſoll, es wird auch keine Zeit dazu ſeyn, wenn das preſto aſſai wol in acht genommen wer- den ſoll. Huͤte dich aber vor Octaven und falſchen Griffen, bey der hoͤchſten Ge- ſchwindigkeit; man hoͤret es ſonſt bald, und wenn noch ſo ſehr daruͤber hingefahren wird. Es moͤgte einem ankommen, daß du ihm etliche Tacte, inſonderheit die ſechs letztern, gantz langſam spielen ſolteſt; alsdann duͤrffteſt du leicht beſchaͤmt ſtehen. Jch ſehe nun nicht, wie dir weiter zu helffen, und wodurch dir ferner, in dieſem Fall, einige Anleitung koͤnne gegeben werden. Die Vorschſrifft iſt ſo gar eigenſinnig, daß, wenn mir nicht dieſes Hiſtoͤrgen dabey eingefallen waͤre, ich ſchwerlich ein Wort zu deinem Vortheil haͤtte vorbringen koͤnnen. §. 5. Den lieben Aeltlingen, die da lehren, der General-Baß beduͤrffe keiner ſol- chen Geſchwindigkeit, indem er nur ſteiff und feſt mit Spanischen Tritten einher ge- hen muͤſſe, will ich nur den eintzigen Umſtand und dieſe Frage, zum Nachsinnen, uͤberlaſſen: Da nemlich gar offt Worte zum Singen vorkommen, die ein Eilen, Lauffen, Rennen, eine groſſe Unruhe, Fluͤchtigkeit u. d. gl. und dergleichen andeuten, wobey mit der Menſchen-Stimme nicht allemahl nach Wunſch verfahren werden kann, weil es ſich nicht ſo geſchwind ſingen, als ſpielen laͤſſt; ob, frage ich, alsdenn der Baß nicht den Affect und die Meinung des Textes auszudruͤcken befugt ſey? Vier-