Der Ober-Classe vierundzwantzigstes und letztes Prob-Stück. §. 1. Bey Anſehung der vorgeſetzten Kreutze dieſes letzten Prob-Stückes fallen mir Printzens Worte ein, die er im dritten Capitel des erſten Theils ſeines Phrynidis alſo führet: Es lachte mir das Herz im Leibe, wenn ich im An- fang des Syſtematis viel Signa chromatica oder ♭ ſähe: ich hielte den Organiſten, der einen ſo gezeichneten General-Baß nicht rein ſpielte, für einen Stümpler; da ich doch ſelbſt ein Ertz-Stümpler war, und nicht wuſte, daß ſo geſetzte Sachen auf keiner Orgel rein geſpielet werden können. Hiebey iſt kürtzlich zu erinnern: (1) Daß man gar wol wiſſe, was auf einer Orgel rein geſpielet werden könne, oder nicht, (2) Erfordert man von einem Organiſten auch das Accompagnement auf Clavicymbeln, und ich ſage ungeſcheut, daß ich den Organiſten, der einen ſo gezeichneten General-Baß, wie dieſer iſt, nicht rein auf dem Clavier ſpielet, wo nicht für einen Stümpler, doch für einen ſchlechten Potentaten halte, (3) Unter- ſcheidet man, wie billig, die Fehler einer Orgel, von den Fehlern eines Organiſten, und ſieht kein Menſch, wie eine übel-geſtimmte Orgel einen übelſpielenden Organi- ſten im geringſten entſchuldigen könne. Es §. 2. Es iſt im Orcheſter, Erſter Eröffnung, bey Gelegenheit dieſer chromatiſchen Tone, pag. 54. und 65. den Meiſtern von groſſer Einbildung geſagt worden, daß man ihnen einen Baß vorlegen könne, deſſen fünff, ja zwo erſte Noten, falls dieſel- be ohne Anſtoß getroffen würden, zu ihrem ſonderbaren Lobe gereichen ſollten. Nun bin ich ſeit dem hie und da angezwacket worden, ſolches dereinſt zu bewerckſtel- ligen, und zwar mit einem gegenſeitigen Geſichte, das gleichſam ſagen wollte: Es ſtünde was darum zu lachen. §. 3. Wie weit ſich dergleichen Leute nun ſelbſt beſchimpfen würden, wenn, bey ei- ner öffentlichen Verſammlung, ihre Blöße ſolcher Geſtalt etwa entdecket werden mögte, (denn in Geheim verbindet dieſer Vorſchlag zu nichts) das laſſe an feinem Orte geſtellet bleiben. Bisher haben wir Bedencken getragen, Anſtalt zu ihrer Schande zu machen; welches aber leicht geſchehen könnte. Indeſſen, obgleich der Baß, auf den man damahls eben ſein Angenmerck gehabt hat, hierin gar nicht an- zutreffen iſt, und noch gantz anders klingt, als dieſe Prob-Stücke (angeſehen je- ner bloß zum Poſſen geſetzt iſt, und hundert dergleichen geſetzt werden mögen; dieſe aber ſich wircklich in die Schrancken einer Notwendigkeit und einer ernſtlichen For- derung einſchlieſſen laſſen) ſo mag doch ein ſolcher ſchon daraus, als aus einer Klaue, den gantzen Löwen kennen lernen, und ſeinen Geiſt prüfen, ob er noch eine ſchärffere Probe als die gegenwärtige iſt, auſhalten wolle? §. 4. Sollten ſich aber auch einige verlauten laſſen, ſie zweiffelten, ob der Verfaſſer ſelber die Sachen, dadurch er andere probiren wolle, ſpielen könnte, wie ich denn ver- nehme, daß ſich hiedurch viele Dümmlinge ſchon ein Sieges-Zeichen in Gedancken aufgerichtet zu haben vermeynen; ſo dienet einem jeden mit wenigen auf dieſen lie- derlichen Einwurff zur Nachricht, daß, wenn derſelbe auch gleich nicht mit hun- dert lebendigen Zeugen den Augenblick zu vernichten, und derjenigen keiner mehr in der Welt wäre, denen ich die Ehre gehabt, meinen geringfügigen Unterricht eben über dieſes Merck mitzutheilen ; wenn, ſage ich, keiner meiner ehemaligen Schüler hier leiſten könnte, was man dem Lehrer ſelbſt nicht zutrauet, welches, da es ja wahr, jenen ein groſſer Schimpft ſeyn mag, die Meiſter heiſſen wollen, und und es nicht können; wenn ich gleich hier, ſo zu reden, keine Ausnahm machen könnte, und mich von jedem Haluncken auf die Probe ſetzen laſſen müſſe: ſo ſehe doch nicht, was den ſcheelsüchtigen Leuten alles dieſes heiſſen würde. Denn erſtlich ſetze ich zum Grunde, daß einer ſolchen Probe niemand vernünfttiger Weiſe unterworffen ſeyn kann, als der ſich aufunbedachtſame Art vermiſſt, alles aus dem Stegreiff, ohne Un- terſcheid, bey dem erſten Anblick, wegſpielen zu können. So weit aber gibt man ſich diſſeits nicht ab; ſondern geftehet gerne, daß, je mehr der Sache nachgeſonnen wird, je unerfahrner man ſich befinde. Es kann auch niemand ſo dencken oder ſprechen, als höchſt-unbedachtſame Menſchen, deren es die Menge gibt, und denen der Kopf zu recht gebracht werden muß. Geſetzt auch, jemand wäre ein bloſſer Verfaſſer musicaliſcher Schrifften, die allerdings zur Praxi gehören, und lieſſe ſich, nebſt andern unnausſetzl- chen Verrichtungen, die förmliche Einrichtung der Wiſſenſchaft, Melodien zu machen, dermaſſen angelegen ſeyn, daß die gehörige Fertigkeit auf dem Clavier eini- ger maſſen dadurch hindan geſetzet würde: wie folgt daraus ein bündiger Schluß, daß andere deßwegen zu entſchuldigen ſind? Es werden tausend Sachen geſetzt, die der Verfaſſer ſelber zu bewerckſtelligen nicht gebunden ist, noch ſeyn kann. Man mögte ja wol für einen Haupt-Violiniſten ein Solo verfertigen, das weder Teutſche noch Ita- liäniſche Capellmeiſter zu ſpielen geſchickt wären; dennoch wird es der beſagte Vir- tuoſe thun. Es würde einer gebeten, etwas ſonderbares auf Wind-Inſtrumente zu ſetzen, damit dieſem oder jenem künstlichen Spieler gedienet wäre: wird denn der Verfaſſer dadurch genöthiget, ſolche Sachen ſelbſt, in der gröſſesten Vollenkommen- heit, herauszubringen; ob er gleich ſonſt eine ziemliche Geige und Flöte ſpielte? Tau- ſend dergleichen wären anzuführen, wenn man ſich dißfalls zu rechtfertigen nöthig hätte; allein, jedermann wird von ſelbſten ſchlieſſen, daß der Beweiß-Grund falſch ſey, wenn geſagt wird: Der Verfaſſer kann dieſe Prob Stücke ſelber nur ſo eben eben ſpielen, dahero dürffens andere gar nicht können. Es ist hier die Frage nicht, was der Verfaſſer kann, ſondern was der eingebildete Burſche kann, der alles wiſſen will. Ich könnte wol den weiſen Horatianiſchen Spruch: Hor. de Art. Poet. V. 306. Es hatte nehmlich Horatius nie ein theatraliſches oder epiſches Ge- dicht geſchrieben, und gab doch Regeln davon, die biß auf den heutigen Tag hochgeachtet werden. Munus & officium, nil ſcribens, ipſe docebo, folgender Geſtalt verteutſchen und ſagen: Laß ich mich ſelber gleich nicht mehr mit Spielen Horen; So kann ich andre doch den General-Baß lehren. Da. Damit man aber nicht meyne, ich wolle es gar von mir lehnen, ſo will ich doch, oh- ne eintzigen Ruhm, hiemit verſichert haben, daß, wenn es eine Probe gel- ten ſollte, man noch endlichſt damit fort zu kommen, und, der ſchlechteſte nicht zu ſeyn, hoffen wollte. Es ist ja wol niemand ſo einfältig, daß er ſich von Hud- lern weiß machen laſſe, es ſey die Organiſten-Probe etwa wie die Platoniſche Republick. Mit meiner unſchuldigen Sonate fürs Clavier habe ſchon dergleichen Vorfälle erlebet, da es erſtlich hieß: Ich könne ſie ſelber nicht ſpielen; und wie dieſe Unwahrheit endlich, bey Gelegenheit öffentlicher Concerte, vor vielen Zuhö- rern zu Schanden wurde, wüſten die Tropffen ſonſt nichts zu ſagen, als: Ich hät- te gut Spielens; es wäre meine eigene Arbeit; andere würdens wol bleiben laſſen; deßwegen hätte ich die Sonate mir auch ſelber, verblümter Weiſe, zuschreiben wol- len, mit den Worten : Didiée à celui, qui la jouera le mieux, und was des ab- geſchmackten Zeuges mehr war, welches wol ein Frauenzimmer mit Spielen wiederlegen kann. Nun ſtelle mir ſchon vor, daß die Pflaster-Treter nicht viel an- ders reden werden, wenn ſie Gelegenheit haben ſollten, ihre, über gegenwärtige Arbeit gehabte Träume vernichtet zu ſehen. Wollen ſie doch mein Harmoni- ſches Denckmahl nicht gelten laſſen, vielweniger ihren Schülern zu kauffen an- rathen, unter dem Vorwand: Die Sachen könnten, wegen der Schlüſſel und anderer Umſtände, hierzu Lande nicht gebraucht werden; da doch die wahre Ur- ſache ist, daß die guten Helden nicht fähig ſind, die Stücke zu ſpielen. Und dero- wegen, ihre Unwiſſenheit zu beſchönen, einfältigen Leuten einprägen wollen, der Verfaſſer ſey eben ſo ein Schöps, wie ſie, und könne ſein eigen Machwerck ſelbſt nicht ſpielen, alsdann vermeynen ſie ſich recht wol verantwortet zu haben. O, mögte ich doch die Freude ſehen, daß ſolche Zwerge, ihrer jämmerlichen Stümpe- rey und ungeſcheyten Verläumdung wegen, einſt durch dieſe gegenwärtige ſchlec- hte Prob-Stücke ſchamroth gemacht würden! §. 5. Hier hätte ich nun ſchöne Gelegenheit, dem ſo genannten Poetiſchen Staar- Stecher Mattheson bezieht sich auf die gleichnamige Publikation (1730) von Gottfried Benjamin Hancke, in der Mattheson scharf kritisiert wurde (vgl. Hancke, S. 111f.). ſeine Quackſalberey zu zeigen, Krafft welcher er mir neulich, ohne meine Schuld und Miſſethat, die Augen auszustechen vermeynet hat: unter dem Schein, das dieſer Organiften-Probe vorgeſetzte Lob-Gedicht zu jenem Lobgedicht hat Mattheson die Worte "–.– rumpantur ut ilia Hancken" ( "dass Hancke [vor Neid] der Magen platzte." ) angefügt. des Hn. Geh. Secretar Königs zu unterſuchen, u.zu tadeln. Allein, ſo lange meine Schrifften der Welt nützen können, wie der Augenſchein erweiſet, ſo lange iſt mirs auch gleichviel, ob ich von dieſem für für einen musicaliſchen Grillenfänger, oder von jenem für den Apollo ſelbſt ge- halten werde. Es kann mir nicht zuwieder ſeyn, ob Hintz oder Kuntz beſſer ſetzet, als ich: und ich würde mich wircklich darüber freuen, wenn hundert Organiſten wären, die mich in den Sack, und wieder heraus ſpielen könnten. Mattheson zitiert damit Hancke, der a.a.O. schrieb: Es giebt aber auch Leute, welche weit beſſer, als Mattheſon ſpielen, wovon ich nur einen, nehmlich den Herrn Bach in Leipzig nennen will, welcher ihn in den Sack und wieder heraus ſpielen wird. Ich weiß die Zeit nicht, da ich ein Clavier angerühret hätte, und dringende Urſachen haben mir auch das Setzen ziemlich verleidet: nicht, daß ich ebenſo unglücklich darin wäre, wie der Staar-Stecher glaubt, und wovon tausend gerührte Zuhörer, die noch leben, das Gegentheil darthun können; ſondern eines natürlichen, von GOtt ver- hängten Zufalles wegen, der kein Spotten leidet. Bezieht sich vermutlich auf die zunehmende Taubheit Matthesons, wegen der er 1728 den Posten des Musikdirektors am Dom aufgeben muſſte. Mir mögte genug ſeyn, daß der neue Verläumder, ehe er ſich nur einen Begriff machen kann, welcher Geſtalt ich geringer eintzelner Mann, in einer Sache die mein Haupt-Weſen nicht iſt, zu über- treffen ſei), wenigſtens vier große und berühmte Ton-Künſtler i. e. Händel, Heinichen, Telemann und Bach. (seinen Breſlaui- ſchen Organiſten ungerechnet) aufſtellen und zusammen ſetzen muß. Allein, es iſt doch gleichwol unter dieſen vieren einer, der, ſeines fertigen Spielens und künſtli- chen Setzens ungeachtet, weder mir, noch einen andern, ſo leicht ein Muster zu ſing- baren Sachen abgeben wird; und mit zween derſelben nähme ichs allemahl im Spie- len auf, ſowohl als im Schreiben; wenn auch noch ihrer vier dazu kamen. Und was ich ſolcher Geſtalt ſchreibe, wie z. E. dieſe Organiſten-Probe, ist ja keine bloſſe Theorie, ſondern eine höhere Praxis, als die im Spielen oder Setzen beſtehet: denn alle meine Regeln ſind aus einer ehemahligen groſſen Uebung hergenommen, und gehen auch wieder dahin. Zwar mögte es eben niemand ſonderlich befremden, wenn etwan ein armes Dutzend Flöten-Sonaten, davon doch im musikaliſchen Pa- trioten, pag. 232. ſo gar von Praag aus, ein gutes Zeugnis ſtehet, nachdem es weit und breit über zehn Jahr nützlich gebraucht worden, endlich etwas unbrauchbar zu werden anfangen ſollte: in Betracht die lieben Noten-Wercke (Fugen und Vor- ſchrifften ausgenomen) gemeiniglich nur das Alter eines Pferdes zu erreichen pflegen, welches, wenn es ſein zehntes Jahr zurück gelegt hat, je länger je gelbere Zähne be- kömmt. Hiernächſt würde ich auch, nach den Regeln einer genauen Beſcheiden- heit, wol eben nicht läugnen, daß Bardus i. e. Bach und Hiagnis i. e. Händel, theils geſchwinder, theils künſtlicher ſpielen; daß Telephanes i. e. Telemann reichlicher fetze, und daß Hermogenes i. e. Heinichen, wenn er länger gelebet hätte, Heinichen starb zwei Jahre vor Veröffentlichung der zweiten Auflage der Organistenprobe. es auch vielleicht mit Bücherſchreiben höher gebracht haben mögte, als ich. Jedoch, ob man ſich gleich in Briefen, ans Höflichkeit, einen gehorſamen Diener nennet; dürffte doch derjenige thöricht genug handeln, der die Aufſchrifft ſeiner Antwort darnach einrichten, und ſchreiben wollte: An meinen gehor- gehorſamen Diener Marſyas Pseodonym für Mattheson selbst.. Die Anwendung iſt leicht zu machen. Jener Su- perintendent in Mecklenburgiſchen hielte einſmahls Unterſuchung in ſeinem Spren- gel, und forſchte nach, was die Pfarr-Kinder gutes aus dem Catechiſmo wuſten. Als er nun zu einem alten Bauren kam, und frug: Wie viel ſind Haupt-Stü- cke der Chriſtlichen Lehre? da antwortete der Bauer: Herr Superintendent, das iſt eine ſeltſame Frage, das wiſſet ihr beſſer, als ich. Was deucht dem Staarſtecher, hätte er es nicht auch ſo machen können, und als denn mehr Ehre von ſeiner unerbetenen Antwort gehabt. Denn Herr König weiß viel beſſer, als er, wie mein Spielen, Setzen und Schreiben, beſchaffen ſey. Herr König hat auch nirgend geſagt, daß ich beſſer ſpiele, ſetze und ſchreibe, als andere, die ſich darinu theilen; als ob es eine Schande wäre, groß, und nicht zugleich der gröſſeſte zu ſeyn; ſondern die Meynung iſt mir geweſen, daß nicht jedermann dieſe drey Ei- genſchafften zugleich in demſelben Grad, und in einer Perſon beſitze. Der Staar- Stecher wird alſo nöthig haben, erſt ſeine eigene Augen zu curiren, um das Wört- lein zugleich genau zu betrachten, ehe er ſich an andre macht. Er kann ja nicht wiſſen, wie mein Spielen vor Jahren beſchaffen geweſen ſey: denn er hat mich nie gehöret, und will doch davon urtheilen. Er macht es wie jener Schneider zu Franck- furt am Mayn, welcher zu andern Schneidern kam, und ſagte: Ach! in der Schnur-Gaſſe, im Wilden Mann, iſt ein köſtlicher Trunck rother Wein. Die an- dern Schneider fragten: Meiſter Hans, wie lange iſt es, daß ihr den Wein verſuchet habt? Meiſter Hans antwortete: Ich habe ihn nicht verſucht, ſondern meines Vatern Bruder Sohn, der kleine Petermann, hat geſehen, daß etliche Leute ihn getruncken, und allzeit die Gläſer rein ausgeleert haben; daraus ſchlieſſe ich, daß es ohne allen Zweiffel ein köſtlicher Wein ſeyn müſſe. Zudem haben faſt alle Lob- und Zuſchrifften Dedications and etwas Panegyricks are frequently ridiculous, let them be addreſſed whe- re they will, Tatler, No. 92. lächerliches, vergrößerndes oder ausſchweif- fendes an ſich; ohne daß ſich jemahls ein vernünfftiger Menſch hat gelüſten laſſen, ſelbige mathematiſch zu unterſuchen. Ich mag nicht erwehnen, was andere groſſe Leute, als die Herren: Brockes, Fabricius, Richey, etc. aus eigener Er- fahrung von meiner Wenigkeit zu rühmen beliebet, und mir dadurch mehr Ehre, als ich verdiene, angethan haben: das alles aber nehmen wir nicht mit Stricken, ſon- dern mit Latten, wie der Staar-Stecher redet. Und da ein eintziger von dieſen in der gelehrten und geſchliffenen Welt wol zehn mahl ſo viel gilt, als funfzig Hancken, ſo ſo mögen die Schmähungen des letztem mit dem, obgleich gar zu höflich ſcheinenden, Beifall jener hochberühmten Männer in keinen Vergleich kommen. Was frägt endlich auch ein reicher Mann darnach, wenn ein Bettler von ihm ſpricht: er ſey arm? Denn, Wer von Gelobten Princibus placuiſſe viris non ultima laus eſt. Hor. Epiſt. Libr. 1. Das heiſſt ſonſt: Laudaria laudatis. wird gelobt, Der achtets nicht, ob Momus tobt: Er weiß ja wol, daß, wenn geſcholtne ſchelten, So könn' es kaum ſo viel, als Weiber-Zeugniß, gelten. §. 6. Damit aber wiederum zum Wercke geſchritten werde, muß ich ben dieſem letzten E- xempel das Bedencken nicht unerinnert laſſen, welches mir, wegen der Notirnug, abſon- derlich bey dergleichen Tonen, aufſtöſſt. Da ſtelle nur zwar feſt, daß (nächft H dur, Cis moll, Gis dur, und B moll) dieſe viere, ſo wie ſie in der Ordnung folgen, die ſchwer- ſten ſeyn mögen, nehmlich: Fis dur,Gis moll, Dis moll, und endlich Cis dur. Es würde ſich aber vieles dabey leichter thun laſſen, wenn man nur Zeichen und Noten genug hätte, alles auszudrücken. Daß wir aber ſolches nicht haben, will ich beweiſen, und zwar nur, Kürtze halber, nach Masßgebung gegenwärtiger letzten Vor- ſchrifft: zumal die mit ♭ bezeichnete Tone dem Ubelſtande nicht ſoſehr unterworffen zu ſeyn ſcheinen. Ich habe jedoch dieſe Prob-Stücke ausdrücklich auf die Art notiret, wie es viele große Meiſter thun, (davon ich hernach Exempel anführen will) damit man mich nicht beſchuldige, daß ich was neues machen wolle. Mir gefällt aber die Art mit den zwey Doppel-Kreutzen nicht zum beſten. Denn da findet man z. E. im neun- ten Tact dieſes letzten Prob-Stücks ein a, welches ausſiehet, als ſey es ein gis. Ein gleiches g trifft man im dreizehnten, vierzehnten, funffzehnten und achtzehnten Tact des erſten Theils an; It. im erſten, zweiten, dritten, vierten, ſechſten, achten, neunten, elfften und dreizehnten Tact des andern Theils, welche alle wie ein fis in die Augen fallen. Es ſtößt im zweiten, ſechſten und dreizehnten Tact des andern Theils ein e auf, welches eben ſo fremd iſt, anbey im ſechſten und achten Tact beſagten Theils ein gewiſſes d, das auch nicht recht gekleidet zu ſeyn ſcheinet. §. 7. Nun mögte zwar wol ſolche Ungeſchicklichkeit bey einem Recitativ nicht ſo ſehr ſehr vermercket werden: weil der General-Baß allda nicht ſo genau an einander hänget; aber in arioſen Sachen ſiehet es wircklich ſehr mangelhafft aus, welches niemand widerſprechen kann. Wie dieſem Mangel inzwiſchen abzuhelffen? das iſt eine Frage. §. 8. Es haben ſchon, nebſt verſchiedenen andern, ſowol Kircher als Buliowſky, zwar nicht ihre eigene, doch die vermeynten vielfältigen Mängel unſers Claviers wahrgenommen, und denſelben, durch drey Ordnungen der Palmulen, zu Hülffe zu kommen geſucht, da, anſtatt der zwölff Stuffen, womit ſich unſere Oktave bis- her behilfft, neunzehn ſeyn müsten, nemlich: ein Tangent zwiſchen h und c, einer über dem cis, einer über dem dis, denn zwiſchen e und f, über dem fis, gis und b, welches eigentlich ins enharmoniſche Geſchlecht treten heiſt. Aber es will doch ſolche vermeynte Verbeſſerung noch lang nicht zurreichen, ſondern entdecket nur immer mehr und mehr, was daran fehlet. Und wenn wir die Octave nach allen dreien Geſchlechtern, der gemeinen Meynung nach, recht vollſtändig haben woll- ten, ſo müsten nach Kirchers vid. Kirch. Muſurg. pag. 150. Entwurff, vier und zwantzig Klang-Stuffen dar- inn befindlich ſeyn. Es ſchrieb mir der berühmte Neidhardt d. 17. Octob. 1719. folgende Worte zu: Den Griechen nichts nachzugeben, habe ich, nach einer gewiſſen Regel, 24. temperirte Tone (Grade) gefunden, wornach ich anderswo ein Instrumen- tum Diatonico Chromatico-Enharmonicum dürffte machen laſſen. Die Zahlen dazu ſind folgende: Den hiher gehörigen ſehr ſaubern Riß, welcher vor dem Herrn Capellmeiſter Neidhardt ſelber dazu verertiget, und dem Kupffer-Stecher vor drittehalb Jahren überreichet worden iſt, hat dieſer letzte, unachtſamer Weiſe, und zu meinem gröſſeſten Verdruß, verleget oder verloren. ... §. 9. Ja, wenn wir noch weiter, und durch commata einhergehen wollten, ſo kä- men gar 53. Grade in einer eintzigen Octave zum Vorſchein. Sauveur voy. Acad. Roy. des Sciences. will deren 43. haben; Merſennus 32. Ein ungenannter Durlacher mag es dieſem abgeſehen haben, indem er ein ſo genanntes fünff-faches Tranſponier-Clavier im Druck vorſchlagen wollen, welches in geometriſcher Fortſchreitung 32. Tangenten in einer Octave begreiffen ſoll. Man kann bald ſehen, wo dieſer in die Schule ge- gangen ſey, wenn er den Ariſtoxenum für einen Nachfolger des Pythagoras angibt, und Merſennum mit unter diejenigen fetzt, die es nicht nach ſeinem Sinn getroffen haben. Hierher gehört daſjenige Clavicimbel, welches Carl Luyton ehmahls von 77. Tangenten verfertiget hat, und deſſen Mich. Praetor. Syntagm. Mus. P. II. c. 40. Prätorius mit groſſen Ruhm geden- cket. Henfling wollte 50 Stuffen in der Octave wiſſen, und hatte eine Erfindung von Claviaturen, die er Claviaria nennet, in ſeinem Poſitiv zum Stande gebracht, darin die Intervalle eine gantz andere Ordnung hielten, und, ſeiner Meynunq nach, weit bequemer zu greiffen ſeyn ſollten, als ſonſt. Man ſoll auf ſolchem Griff-Bret, anderer Vortheile zu geſchweigen, noch eine Quint oder Sext weiter, als die gewöhn- liche Octave gehet, greiffen können. Die Figur ſolches Claviarii, hat, nebſt der Erlau- terung, im zweiten Bande der Berliniſchen Vermiſchungen, nach der Vol. I. Miſcellan. Berol. p. 293. anderſwo gethanen Zuſage, erſcheinen ſollen. Ich habe zwar die erſte und zweite Fortſetzun- gen beſagter Sammlung geleſen; aber noch nichts davon angetroffen. §. 10. Donius Non ſolo non baſtano le voci di queſti Inſtromenti ſpezzati, che dicono chromati- ci, màne meno di quelli che dicono enarmonici. Oltre che ſarebbe gran temeri- tà di dire, che con l'iſteſſa facilità, ommodità e preſtezza ſi poſſa caminare con le dite ſui taſti neri e ſpezzati, diſpoſti in una ſola taſtatura, che ſopra diverſe ta- ſtature e armonie, ſecondo la noſtra inventione, ſenza mettere a conto la com- modità, che ſi riceve da più ſiſtemi, di poter far ſentire gra diverſità trà gli uni- ſoni ſteſſi, mediante maggiore o minore tenſione delle corde, come nelle viole e ne' cembali ſ'è trattico. Doni, Annotaz. p. 6. ſtehet in den Gedancken: Daß es mit den Stoffen der chro- matiſchen Claviere eben ſo wenig, als mit der enharmoniſchen Ein- thei- theilung der Tangenten, auf einer eintzigen Griff-Tafel Art habe, weil man lange nicht ſo leicht, bequem und geſchwind darauf ſpielen könne, als wenn die Palmulen in verſchiedene Griff-Tafeln vertheilet wür- den, da man denn noch dieſen Vortheil erlangen würde, daß man ei- nen groſſen Unterſcheid zwiſchen ſolchen Einrichtungen, ja ſo gar zwiſchen den Uniſonis ſelbſt, bemercken könnte. Wir ſehen hieraus, daß dieſer gelehrte Mann die kleinen Grade der Klänge nicht auf einer eintzigen Tafel, ſondern auf verſchiedene hat anbringen wollen, ſo wie auf unfern Orgeln 3. biß 4. Claviere zu ſehen ſind. §. 11. Andere habens anfnoch andre Arten vorgeſchlagen und eingetheilet; aber ich ſage rund heraus, daß ich von allen dieſen Erfindungen ein gehorſamer Diener bin, d.i. nach dem heutigen Hof-Styl zu reden: ich halte gar nichts davon, und wenn ſie auch noch ſo vollkommen wären. Iſt doch unfern unvollkommenen Ohren nichts vollkommenes nöthig, ſondern vielmehr gewiſſer maſſen zuwieder. Man hat, aller Vernünffteley ungeachtet, noch biß dieſen Tag keine Aenderung, mit Beſtand und allgemeiner Aufnahme, hierunter eingeführet; ſondern wir folgen noch immer der alten Einrichtung. Es läſſt ſich auch dieſelbe, vermittelſt einer geſchickten Tem- peratur (ob ſie eben gleich oder ungleich ſeyn ſoll, will ich nicht ſagen) unſern Ohren gar leidlich düncken; aber die Augen, wovon hier eigentlich die Frage iſt, und durch deren Canal unſere ſpielende Finger gleichſam ihren gemeſſenen, ſchrtfftlichen Be- fehl empfangen, geben es nicht ſo guten Kauffs. §. 12 Es ſtehet wol zu vermuthen, daß nach etlichen hundert Jahren, falls dieſe Welt noch ſo lange im Stande bleibet, die Componiſten und Virtuoſen das Cis dur, B moll etc. eben ſo leicht abfertigen werden, als unſere Dorff-Organiſten ihr C dur, welches ſchier aus der Mode zu ſeyn ſcheinet, und heutiges Tages eben ſo ſelten, als vormahls häuffig, angetroffen wird. Es iſt auch mit den Tonen ei- niger maſſen eben ſo bewandt, als mit andern Dingen, und Ce qui faiſoit honneur il ya cent ans, eſt en quelque maniere honteux aujourdhui. Memoir. de Buſſy, p. 105. was vor hundert Jahren Jahren eine Ehre war, deſſen ſchämet man ſich auf gewiſſe Art bey itzigen Zeiten. St. Lambert ... St. Lambert, Traité de l'Accompagn. p. 27. redet davon alſo: Unter den Tonen ſind etliche, die inan mehr ge- braucht, als andere. Es ſind deren ſo gar einige, die vielleicht doch nie zum Grun- de einer Melodie gedienet haben; aber ich habe ſie darum doch nicht ausfchlieſſen wollen, indem die meiſten Componiſten ſchon verſchiedene davon gebrauchen, wel- che vorhin nicht berühret wurden, und weil es wol kommen könnte, daß man ſie endlich alle mit einander gleich gemein machte. §. 13. Nun habe ich zwar, in der erſten Auflage dieſes Wercks, um den Nachkommen die Notirung einiger Tone deſto leichter zu machen, das Mittel zur Befriedigung der Augen, mit dem nicht unbekannten einfachen Kreutzlein (x), Statt des zwey- fachen Doppel-Kreutzes (##), deſſen man ſich hier bedienet hat, wolmeynend vor- ſchlagen, und der Unförmlichkeit dieſer letzten Bezeichnung dadurch abhelffen wol- len: nicht, als ob ſolches was neues ſey, ſondern, weil es noch beyweitem nicht ſo ſtarck, als die zwey Kreutze, eingeführet iſt, und zu wünſchen ſtünde, daß man ſich einmahl darüber recht vergliche. Denn bisher hat es mit dieſer Uneinigkeit noch ſoviel nicht zu ſagen, angceehen die Fälle ſelten vorkommen; aber weil es gantz gewiß geſchehen wird, daß ſie häuffiger nach dieſen Zeiten aufſtoſſen, ſo wäre wol eine fe- ſte Regel dabey nöthig. Ich fügte vor zehn Jahren obiger Erinnerung noch hinzu, daß ich dieſes Mittel keinem aufdringen, ſondern mich vielmehr nach deſſen Mey- nung richten wollte, der, mit guten Gründen, ein bequemers zu erſinnen und vor- zuſchlagen wüste, damit aus der Sache zu kommen ſey. Hiernächſt wurde auch er- wehnt, daß man wol, an Statt des einfachen Kreutzes (x), ein dreyfaches Kreutz wehlen könnte, falls jenes nicht deutlicher in die Augen fiele, und reiner ſtünde, etc. Endlich brachte ich auch Exempel von unſern gröſſeſten Meiſtern bey, die es noch im- mer mit zweyen Doppel-Kreutzen (##) hielten, und gab zwo Urſachen an, war- um um das einfache Kreutz (x) beſſer ſeyn würde / nemlich: weil man es ſo dann mit einem Zeichen beſtellen könnte, und weil dabey auch ein jedes Ding ſein eignes Zei- chen bekäme. §. 14. Nachdem mir aber das Marcellifche Pſalm-Werck unter die Hände gerathen iſt, und in deſſen dritten Bande ſich eine gelehrte Vorrede befindet, welche über den vorhabenden Punct gantz beſondere Gedancken darleget, davon auch bereits in der Muſicaliſchen Critick p. 126. T. II. mit Abſicht auf die Organiſten-Probe, auf- richtige Erwehnung geſchehen iſt; ſo will ich das nothwendigſte davon allhier anfüh- ren und verteutſchen, damit der ſcharffſinnige Leſer die darinn enthaltene Gründe ſelbſt erwege, und hernach urtheile, was von beiden Vorſchlägen eigentlich zu halten, auch wie dem Dinge ferner abzuhelffen ſey. §. 15. Es ſind aber des Herrn Marcello Affine che creſcano alcune corde d'un intero tuono, dove non ſieno obligati gli accidenti maggiori alla chiave, ſi ſono apoſti due ## chromatici, non uſandoſi mai per cotal effetto nel preſente lavoro l'erharmonico x dieſis, ſiccome in ſimile caſo per alcuni incautamente ſuol pratticarſi. Avvegnacchè non è proprietà di detto enharmonico x ſegno, che l'accreſcere la corda d'un ſolo quarto di tuono, divi- dendo in due parti il ſemituono maggiore. Fuori di detto genere enharmonico l'uſo del ſegno x è improprio ed inconveniente ſì per la figura che per lo effetto. Neppure ſi è pratticata eſſa Zifra x nel lavoro di Salmo 17, e d'altri per accreſce- re la corda d'un ſemituono, dove a detta corda ſia obligato in chiave in chromatico # dieſis: imperciocchè ancora nel caſo ſteſſo malamente detto dieſis x enharmo- nico ſi uſurparebbe; non facendo allora di meſtieri che replicare il ſolito chroma- tico ♯ ſegno, Concioſiacchè effendo allora la cantilena traſportata da'i tuoni naturali e diatonici per mezzo degli accidenti, e cambiandoſi per eſſi natura, a cauſa dello traſporto alle corde minore che ſi riducono maggiori, non conven- gono accreſcerſi del ſemituono diverſamente, che ſe ne Tuoni o Modi diatonici e naturali foſſero naturalemente maggiori, e doveſſero accreſcerſi del ſemituono. Che ſe cio foſſe d'altra maniera, e come capricioſamente, non ſenza licenza ed abuſo, vien pratticato talvolta in oggi, converebbeſi parimente, occorrendo accre- ſcere del ſemituono le ſopradette diatoniche ſemplici corde, uſar queſto ſegno x; e pure nel detto caſo non ſi pone pratticamente in uſo, com'è ragione, che il ſegno chromatico #: non avendo infatti l'enharmonico x, come ſi è detto, facoltà per la ſua inſtituzione di alterare dette corde o ſemituoni maggiori, che d'un quarto di tuono. E quindi anzi avviene che non effendo più in uſo ne'can- ti noſtri troppo concertati ed artificioſi, nè potendo eſſerlo in ver un modo, l'en- harmonico genere, ſi rende vano altreſi e di niun' effetto l'uſo di detto enharmo- nico x dieſis. &c. Worte in gedachter Vorrede p.5. fol- genden Inhalts: Wir haben uns, bey der Erhöhung einiger Klänge, zweier chromatiſchen Kreutze ## bedienet; gebrauchen aber niemahls die enharmoni- ſche Dieſin, x, bey dergleichen Gelegenheit, ob ſie ſchon von etlichen, unbedacht- ſamer Weiſe, in ſolchen Fällen hingeſetzt wird. Denn die Eigenſchafft dieſes Zei- chens x erſtrecket ſich nur auf die Erhöhung eines Viertel-Tons, und theilet den groſſen halben Ton in zween Theile. Auſſer dem enharmoniſchen Geſchlecht, und dem dem Gebrauch der Viertel-Tone hat alſo das x keine Statt, thut auch in der That, wenn es ſo zur Unzeit gebraucht wird, keine andere Dienſte, als ein verdoppel- tes #. Da ferner alle unſere Modulation, ſie mag geſchehen in welchem Ton ſie wolle, gröſſeſten Theils weiter nicht, als diatoniſch iſt, ſo bleiben die Grave über- haupt einerley. Solchem nach müste man ſich des x ebenfalls in den allergebräuch- lichſten Tonen zur Erhöhung bedienen; da doch nur das ♯ mit allgemeinem Bei- fall genommen wird. Weil alſo kein Gebrauch des enharmoniſchen Geſchlechts mehr in der Welt iſt, muß auch der Gebrauch und die Wirckung des enharmom- ſchen Zeichens x wegfallen, etc. §. 16 Wir ſehen hieraus, daß der groſſe Marcell ſehr übel auf das x zu ſprechen iſt, u. ein ſolches Stücklein der Semeiographie (Notenſchreiberey) ſo weitläufttig zu behandeln, für nicht unwürdig geachtet habe. Er nennet diejenige unbedachtſam, eigenſinnig, u.s.w. die ſich des Zeichens in dieſem Fall gebrauchen; er ſagt: es ſey eine Licentz, ein Miſbrauch, unvernünfftig, fanatiſch etc. Ich habe zu viel Hochachtung für den braven Mann, daß ich ihm ſeine angeführten Antiquitäts-Gründe wiederlegen ſollte, und will es lediglich auf des Leſers Urtheil ankommen laſſen; ob es gleich nichts unerhörtes wäre, ein altes Zeichen in einer neuen Deutung zu gebrauchen. Wir haben z. E. das Doppel-Kreutz, oder die chromatiſche Dieſin #: von der- ſelben meynet Zarlinus, Zarlin. Vol. I. pag. 169. mit gutem Fug, daß durch die vier, kreutzweiſe gefloch- tene Strichlein eine Erhöhung von vier Commatibus angezeiget wird, daraus unge- fehr gefehr ein kleiner halber Ton beſtehet. Wenn wir nun den Fall ſetzen, daß ſich dieſes ſo verhalte, und dennoch betrachten, wie eben daſſelbe Zeichen täglich zur Andeutung des groſſen halben Tons gebraucht werde; was ſollen wir denn denckcn? Wenn mir das zweifache Doppel Kreutz ein fis ins g verwandelt, ſo ſind doch die Stuffen von f ins fis, und vom fis ins g, lange nicht einerlei Ding; warum ſollten ſie denn einerley Zeichen haben? Der groſſe halbe Ton ſollte billig an- ders, als der kleine, bezeichnet werden. Wer es nicht mit dem x thun will, nehme einen Stern * dazu, oder das dreifache Kreutz. Mehr weiß ich nicht zu ſagen, und wünſche Einigkeit. Noch ſehe ich ſie nicht. §. 17. Eben ein ſolcher Zwieſpalt regieret auch bisher in einem andern Stücklein der Notirung, da viele vornehme Componiſten unter uns es gar nicht gelten laſſen wol- len, daß ein h, oder ein viereckiges b, geſetzet werde, wenn ein erhöheter oder er- niedrigter Klang wiederum in ſeine gewöhnliche Stelle treten ſoll. Denn ſie ſe- tzen an deſſen Statt, noch immer das hergebrachte runde b, wenns hinunter gehet, oder das #, wenns hinauf ſteiget. Ich will auch deſwegen mit niemand Händel anfangen, noch denjenigen meiſtern, dem es ſo gewieſen worden, und der es nun ſo gewohnt iſt, weil es auf eine Sache ankömmt, die nur zum geringſten Theil der Muſic gehöret, nehmlich zu den Zeichen. Allein es kömmt mir doch, mit Er- laubniß, deutlicher vor, wenn, Z. E. aus einem ♭ wieder ein h werden ſoll, daß man h nicht ♯ dazu gebrauche. Denn, wenn ein ♯ fürs h ſtehet, bedeutet es eigent- lich c, und ſo mit den übrigen. Zwar, wer den Umkreiß der Ton-Art kennet, und den Zuſammenhang der Melodey, inſonderheit aber das vorhergehende und folgen- de betrachtet, der ſiehet leicht, was bey ſolcher Gelegenheit des Verfaſſers Meynung ſey; allein ein jeder, voraus ein Anfänger, hat ſo viel Nachdenckens und Erfahrung nicht, ja, es können Sätze vorkommen, da es der muſicaliſche Gang nicht ſo gar deutlich weiſet, und bey welchen der beſte verführet werden kann. Z. E. Dieſe Sätze ſind aus eines vielgeachteten Mannes Wercke genommen, und ſeine Schreib-Art iſt noch biß dieſe Stunde ſo. §. 18. Wenn nun eine, ſolcher Geſtalt bezeichnet Note, nach ihrer eigentlichen Bedeutung, juſt ſo beſchaffen iſt, daß ſie fremd und ungereimt klingen würde, ſo kann man noch bald mercken, daß der Verfaſſer einen ſolchen Ton nicht gemeynet ha- be; it es aber ein bA oder bE, als welche gar gewöhnlich vorfallen, ſo gibt es wircklich Verwirrung, wie ich ſolches inſonderheit bey unparteyiſchen Schülern ſelbſt offt mit Verdruß erfahren habe. Alles demnach, was einen Irrthum und Ver- druß verurſachen kann, das ſoll und muß abgeſchaffet werden. So lautet in Printzens Satyr. Componiſten, Part. II. Cap. VI, das zweite Axioma; und das vierte, welches auch hieher gehöret, iſt ſo eingerichtet: Ein jedes Zeichen ſoll von dem andern unterſchieden ſeyn; das iſt, es ſoll nicht zwey oder mehr Dinge, ſondern nur ein Ding andeuten. §. 19. Oben ſtehen Exempel vom bA; Bey dem e ſtehet es noch wunderlicher aus, wenn daſſelbe durch ein ♯ erhöhet worden, und wieder zurück in ſeine natürli- che Stelle treten ſoll; deßwegen ich auch bemercke, daß ein gewiſſer Componiſt das b lieber gar dabey weggelaſſen hat, wenn er folgenden Satz anbringet: §. 20. Dahingegen eben derſelbe Mann ſich des h, nicht nur bey dem eigentlichen h, ſondern auch bey dem e gar vielfältig bedienet, wenn ſolche Klänge vom ♭ oder dis wieder hinauf in ihre natürliche Stelle treten ſollen: wodurch denn ja der Gebrauch des h ſattſam gebilliget, und im Aufſteigen behauptet wird: weil ſich an ſolchen Or- ten das ſonſt alles erhöhende ♯ nicht gerne meldet. Was nun aber auf dieſe Weiſe das ♯ im Aufſteigen verliehret, wenn der Klang ſeinen natürlichen oder gewöhnli- chen Sitz wiederhaben ſoll, das kann auch billig dem ♭ im Herunterſteigen entzogen, und in dieſem Fall lieber das h genommen werden: weil bey beiden Vorfällen, ſo wol im Steigen, als auch Fallen, der Endzweck einerley iſt, nemlich dieſer: Daß die Note ihren vorigen alten und gewöhnlichen Sitz, es ſey fallend oder ſteigend, wieder einnehmen ſoll. Daher es ein groſſer Irrthum iſt, wenn man lehret: Das h erhöhe, und das ♯ auch. Warum ſollten wir zwey Zeichen zum Erhöhen haben, da es eines beſtellen kann. Aber es verhält ſich nicht alſo; ſon- dern, wie geſagt, das h hebt alle Erhöhung und Erniedrigung gäntzlich auf, und zeiget an, daß die Note wieder in ihre gewöhnliche Stelle trete. Könnte ſolches das b oder h allenthalben füglich und ohne Zweydeutung verrichten, ſomögte man des h gerne überall müſſig gehen; allein wir haben aus obigen wahrgenommen, daß es ſich nicht wol thun laſſe: dahero, weil das h allen Zweifel hebet, und man es an einem Orte ohne Bedencken gebrauchet, ſoll man es von dem andern, da es einer- ley Zweck und Abſicht führet, keines weges ausſchlieſſen. Demnach iſt das ♯ ein Zeichen der Erhöhung; das ♭ ein Zeichen der Erniedrigung; und das h ein Zeichen der Erſetzung: damit alſo ein jedes Zeichen ſeine eigentliche Bedeutung, und jedes Ding ſein eigentliches Zeichen habe. Das viereckte be, h, iſt ein diatoniſches; das Doppel-Kreutz ♯ ein chromatiſches, und das runde be, b, ein enharmoniſches Zeichen. Wegen des erſten ſchreibt ein Frantzösiſcher Quadrato: c'eſt l'epithete qu'on donne au b, quand il eſt ſigne diatonique, ou na- turel, & figurè ainſi h, & pour lors ſon effet eſt de remettre les corde alterées par le dieze ou par le b mol, dans leur ſituation naturelle, & de deſcendre d'un demi- ton celle que le dieze aura hauſſé. Broſſard dans ſon Diction. de Mus.. Voy. auſſi Rouſſeau, dans ſa Methode pour chanter, p. 77. Verfaſſer alſo: Man le- get dem h das Beiwort, viereckigt, zu, wenn es ein diatoniſches Zeichen iſt; und als denn hat es die Wirckung, daß es die Saiten oder Klänge, welche durch Kreutze, oder runde ♭, verändert worden ſind, wieder in ihre natürliche Stelle ſetzet, einfolglich die Note, ſo durch ein ♭ erniedriget war, wiederum erhöhet, und diejenige, welche durch ein ♯ erhöhet war, wiederum erniedriget. §. 21. Ich kehre wieder zum Vorhaben, wegen der Kreutze, und bemerke, daß Mſr. St. Lambert noch eine andere Erfindung hat, da er nemlich, vorne auf den den Linien, gleich das eine ♯, von dem andern auf derſelben Stelle befindlichen, mittelſt eines Durſchnitts, abſcheidet und trennet. Mit dem ♭ hat er auch eine ſol- che Verdoppelung, und es kann die Sache in Erwegung gezogen werden. Seine Sätze, bey welchen er ſich ebenfalls des einfachen Kreutzes, wieder den Marcelliſchen Sinn, bedienet, ſehen Z.E. ſo aus: Oder noch ein paar ſtärckere: Er bringet gleichwol nur den bloſſen, Sprengel, oder die Grade der diatoniſchen Octave, und ſonſt kein Exempel vor. Ob aber dieſe Verdoppelung der ♯ und ♭ nicht mehr Verwirrung machet, als wenn, obberührter maſſen, die zierlichern Saiten mit einem x, oder *, oder dreifachen Kreutz, in dem Lauff der Melodie, bezeichnet würden, laſſe jedem zum Urtheil über. Man ſehe die Exempel an: §. 22. Wenn auch eine Verdoppelung des ♭ nöthig wäre, welches ich zwar noch nicht nicht erlebet habe, ſo könnte etwan, dafern es ſo gefällig wäre, das β dazu genommen werden, weil doch kurtzum alles Griechiſch ſeyn ſoll. Jch will, zur Nachricht, ein Exempel zweyer ♭ vor einer Note geben: §. 23. Mancher wird dieſen anhang für Grillenfängerey Wenn der oberwehnte Staarſtecher mir doch die Ehre thut, daß er mich endlich für einen muſicaliſchen Grillenfänger und Theoreticum mit ſchlentern laſſen will, ſo wird er wol ſchwerlich wiſſen, welcher Geſtalt in denen Leipziger Zeitungen von gelehrten Sachen be- reits vor 13. Jahren gerade das Gegentheil behauptet worden iſt. Es müste derjenige auch einen wunderlichen Begriff von der muſicaliſchen Theorie oder bloſſen Betrach- tung haben, der z. E. dieſe Groſſe General-Baß-Schule nicht hauptsächlich für ein practiſches Werck halten wollte, das durch nützlichen Erwegen zur wircklichen Ausübung gedeiet. und Kleinigkeiten, oder auch für überflüſſig achten, und dabey glauben, man könne die Zeit wol mit wichtigern betrachtungen zu bringen ; allein, ein rechtſchaffener Liebhaber und ſeiner Wiſſenſchaft Befliſſener achtet es für keine Kleinigkeit, wenn er auch nur ein ein eintziges Pünctgen in der Sache, die er zu unterſuchen vorgenommen hat, wo nicht verbeſſert, wnigſtens, wenn etwas daran fehlet, den Mangel entdecket. Jſt ſonſt niemand damit gedienet, ſo kann es vielleicht der Jugend nu- tzen. Jch ſpreche mit jenem Quod ſi forte erunt, qui has minutias contemnendas judicauerint, illi ſciant, nihil minutum aut leue eſſe, quod cum juuentutis commodo cunjunctum eſt. Mor- hof. Polyhiſt. Tom. I. Libr. 2. cap. 13. groſſen Mann: Sollten ſich Leute finden, die ſolche Kleinigkeiten für verächtlich hielten; ſo mögen ſie wol wiſ- ſen, daß nichts klein oder geringe ſeyn könne, welches mit dem Vor- theil der Jugend verbunden und verknüpfet iſt. Zudem finde ich im Printzen Satyr. Componiſt, Part. II. cap. 19. §. 15. einen ziemlichen ſcharffen Ausſpruch, der hieher gehöret, und ſo lautet: "Es ſoll ſich einer vorſehen, daß er nichts ſetze, das nicht ſeinen Grund in Muſica ſignatoria habe: denn diejenigen, ſo hierinn fehlen, geben ſich nicht wenig bloß, weil zu vermuthen, daß der, ſo in ſolchen geringen Dingen verſtöſſet, ge- gewiß ſonſt auch nicht viel verſtehe." §. 24. Da mir übrigens vor einiger Zeit berichtet werden wollen, ob hätte ein gewiſſer Freund in Engeland ſich ein ſo genannten chromatiſches Clavier verferti- gen laſſen, darauf er Wunder-Dinge machen ſoll; ſo kann nicht umhin, mich dar- über zu erfreuen, und zu wünſchn, daß er viele Nachfolger haben möge. Wie ſolches Jnſtrument aber eignetlich beſchaffen ſey, davon habe keinen rechten Begriff: zumal mir der Nahme eines chromatiſchen Claviers kein Genügen ge- ben kann. Denn alle unſere Claviere haben ſchon die chromatiſche Octaven. Jch zweifle dannenhero, ob es in enharmoniſche Wenn ich dieſes Wort, an ſtatt Palmul, Taxill, Tangent etc. einführe, und von dem ver- bo taſten, toucher, herleite, drückt es das Ding beſſer aus, als alle andre Wörter, und kömmt auch mit den ausländiſchen Benennungen der Taſtaturen überein. Taſten, oder gar in lauter Com- mata habe zertheilet werden können, weil ſolches einen groſſen Raum erfordern würde. Eine commatiſche Eintheilung, davon oben ſchon etwas erwehnet worden, will ich doch, denen zu Gefallen, die gar keinen Begriff von der Sache haben, all- hie auf das gröbſte entwerffen. Jch ſage billig auf das gröbſte, weil mir nicht un- be- bekannt, daß ein kleiner Ton mehr, als acht, und weniger als neun Theilgen, inglei- chen, daß ein kleiner halber Ton mehr, als drey, und weniger als vier haben ſollen, davon Zarlin und Boethius Zarl. Vol. I. pag. 169. Boet. Libr. III. 14 & 15. geleſen werden können. Alſo muß man aus die- ſer Vorbildung nichts genaues, oder nach der Algebra abgemeſſenes machen. §. 25. So viel Strichlein als nun hier befindlich ſind, ſo viel Taſten müste ein Werck haben, das commatiſch heiſſen wollte. Und wenn, nach ſolchem Entwurff, 53. Grade in eine Octave kämen, ſo müste die gantze Griff-Tafel, von vier Octaven, welche unſer gebräuchliches Clavier aufweiſet, in weniger nicht, als in 112. Theil- gen zerſchnitten werden. Das würde in einem kleinen Raum thun, groſſe Kunſt erfordern; aber noch gröſſere, richtig und rein darauf zu ſpielen. Ich ſe- tze dieſe Muthmaſſungen deſwegen hieher, weil es wol ſeyn kann, daß derjenige, von dem der Bericht des Engeländiſchen Ertz-Claviers herkömmt, chromatiſche genennet, und commatiſche gemeynet habe. Werckmeiſter beſtimmet, in ſeiner Temperatur, zwantzig Theilgen; Neidhardt aber ſechs mehr zu einer Octave, welches im gantzen Clavier, nach der erſten Art 80, und nach der andern 104. Ta- ſten betragen, einfolglich der obigen commatiſchen Eintheilung ſehr nahe treten würde. Wir behelffen uns inzwiſchen noch mit 48 Tangenten, in vier Octaven, und haben beide Hände voll damit zu thun. §. 26. Zarlin Siehe was unſere Vorbereitung p. 4. und das Gelehrte Lexicon p. 1602.Bd. 2, Sp. 1975. von dieſem Mann ſagen. Er war Capellmeiſter der Republick Venedig. und Salin, zween der beſten muſicaliſchen Scribenten, hiel- ten nicht gar viel von dergleichen zerhackten Clavieren, die man in ſo ſchrecklich kleine kleine Glieder eintheilte, ob wol der erſte Zarl. Volum. I. Inſtit. harmon. pag. 172. ein ſo genannte Grauecembalum vor- ſtellig macht und abmahlet, daß er ſich Anno 1548. zu Venedig, von Meiſter Domenico Peſareſe, verfertigen laſſen, und vermuthlich nicht ſo wol zum Spie- len, als an Statt eines Probier-Steins (wie ſeine Worte lauten), gebraucht hat. Es enthälgt daſſelbige zwo Octaven, deren jede in 20. Taſten, oder Griff-Schlüſ- ſel, die gantze Tafel aber zuſammen in 39. eingetheilet iſt. Es fänget unten vom A an, und gehet bis ins aa hinauf, nach der damahls üblichen Weiſe; hat in jeder Octave ein gebrochenes b, eine Tangente zwiſchen h und c, eine andere zwiſchen e und f, ein doppeltes cis, dis fis und gis; jedoch nur in zwo Ordnungen oder Griff-Reihen, deren öberſte geſpaltene Taſten hat, auſgenommen zwiſchen h und c, ingleichen zwiſchen e und f, da die Tangenten nur halb ſo breit, als die andern, und ungetheilet ſind. §. 27. Salin, wenn er von dem enharmoniſchen Geſchlecht de Muſ. Libr. III. cap. 8. pag. 126. 127. handelt, auch Meſſen, Motetten und Madrigalen anführet, die in ſolchem Geſchlecht wircklich, und beſondern von Joanne Montoni geſetzt worden ſind, gibt uns zu verſtehen, er habe ſolche enharmoniſch-theilte Jnſtrumente zu Florenz geſehen und gehöret; das aller vollkomenſte aber ſolcher Art, bey ſich zu Salamanca, welches in Rom gemacht, und auf welchem alle drey Geſchlechter mit Fleiß vor Augen gele- get worden. Vom Spielen ſagt er kein Wort, gibt auch keinen Abriß noch fernere Beſchreibung dieſes Jnſtruments: daß man alſo nicht weiß, ob es mit dem Zarli- niſchen einerley, oder von demſelben noch unterſchieden ſey. Des Salins Mey- nung geht ſonſt dahin, Vid. ej.ejusdem Lib. III. de Muſ. cap. 27. pag. 166. circa med. daß man der andern Subſemitonen, wie ſie mit Unfug und auf verderbte Art genennet werden, gar wol entbehren könne; allein, zwe- en müste man doch nothwendig in jeder Octave hinzu thun, nemlich: eines bey dem dis, das andere aber bey dem gis, damit, wie er Quod nunc Inſtrumentorum defectui meritò adſcribitur, tunc ipſius Organiſtae cul- pae tribueter. Id. ibid. ſpricht, was dem Mangel des Jnſtruments anjetzo mit Recht beigelegt wird, alsdenn dem Organiſten zur Schuld gereiche, wenns nicht rein klingt. Man findet findet auch noch hin und wieder dieſe Einrichtung in alten Orgel-Wercken, Z.E. hier, in Hamburg in der Marien-Magdalenen-Kirche. Wobey denn anzumercken iſt, daß erwehnter Salin, der zuerſt dergleichen Eintheilung verordnet hat, in Spanien, auf der hohen Schule zu Salamanca, Profeſſor der Muſic, und Abt zu St. Pancratz geweſen iſt; daß er, ungeachtet des im zehnten Jahr ſeines Alters verlohrenen Geſichts, eine auſnehmende Gelehrſamkeit beſeſſen; daß er ein herrli- ches Werck von der Muſic geſchrieben, ſo in ſieben Büchern annoch vorhanden iſt; gemeint ist die Schrift De Musica libri Septem, 1577. und das 77. Jahr ſeines Alters erreicht hat. Siehe die Vorbereitung, oder erſte Claſſe dieſes Wercks p. 4., ingleichen das Gelehrten-Lexi- con, p. 886.Bd. 2, Sp. 995. §. 28. Es iſt indeſſen gantz gewiß, daß dieſe beide berühmte Scribenten, de- ren wir ſo eben Meldung gethan, durchgehends weit mehr von einer guten Tempe- rament im Stimmen, als von ſolchen gebrochenen Man muß hier nicht die ſo genannten Clavecins brisés verſtehen, die nur deſwegen ſo genannt werden, weil man ſie zuſammen legen, und auf Reiſen mit ſich führen kann. Griff-Taffeln gehalten haben: ungeachtet es das Anſehen gewinnet, als hätten ſie die rechte Temperatur noch nicht getroffen. Salin hatte dreierley Wege, ſein Comma zu theilen, dabey denn hal- be, dritten, viertel und ſiebtel herhalten muſten. Zarlin aber blieb bei den ſieben Theilgen allein, nach Maßgebung der ſieben diatoniſchen Stuffen. Jeder hat ſeine Urſachen, und werden inſonderheit die Jrrthüber des Glareans, des Ludwig Follians, ei- nes Modeniſchen Muſici, Er hat Muſicam theoricam geſchrieben, welche 1529. zu Venedig in Folio gedruckt worden. und ſo gar zehn bis zwölff Fehler des Zarlins vom Salin Salin de Mus. p. 228-232, ſqq. Doni Annotaz. p. 11. ſagt: Es habe Zarlin von der Form und von dem rechgten Weſen der Tone gar keine Wiſſenſchaft gehabt. Das mögte mancher Wunder nehmen; und kann doch eben ſo wahr ſeyn, als daß heutiges Ta- ges die zwölfftel vom Commate, welche, nach Anlaß der zwölff chromatiſchen Stuf- fen, cdie Sache ins feine bringen ſollen, gleichfalls ihre Gegenſprecher finden. Wie denn der offt gedachte Henfling Nec illi, qui duodecimam commatis partem ab hypate quavis ſubducunt, diapaſon claudere queunt, qui, ſi inſtituto ſuo recte inhaereant, ultra illud quintate progrediuntur. Miſcell. Berol. Vol. I., p. 287. ſchon vor vielen Jahren dargethan hat, daß die- ſes ſes zwölfftel die Octave nicht rein liefert, ſondern überſchreitet. Jch wollte wol, daß ein gewiſſer Mann hierauf antwortete, und mich verlanget, den Streit einmahl ſo geho- ben zu ſehen, daß dem höchſten Urtheil des Gehörs ein Genüge geſchehen mögte. §. 29. Salin ſchreibet ſonſt im dritten Buche ſeiner Muſic ein gantzes Capitel Es iſt das ſieben und zwantzigſte Capitel des dritten Buchs, mit dieſer Uberſchrifft: De prava conſtitutione cujuſdam Inſtrumenti, quod in Italia circa quadraginta annos fabicari coeptum eſt, in quo reperitur omnis tonus in partes quinque diviſus. Der groſſe halbe Ton hat drey, und der kleine zwo Taſten. Henfling giebt zwar dem kleinen Ton fünff Theilgen, und der gantzen Octave 38, welche er abermahl in 81 kleine Abſchnitte, oder Commata zerglie- dert; allein er ſetzt auſdrücklich dabey, man könne ſolche Einrichtung auf keinem Jnſtrument zur Ausübung bringen, ſondern es komme auf eine Temperatur an. vid. Miſcell. Berol. Vol. I. pag. 280. über die Erfindung eines Jnſtruments, das die Octave in 31. Theile zerleget, und wieder- ſpricht ihr mit guten Gründen. Nach ihm hat Merſenn auch darüber ſeine Gedan- cken eröffnet, und eben ſo wenig als Salin, davon gehalten. Das Jnſtrument hat man Archicymbalum, das iſt: ein Ertzcymbel-Werck, geheiſſen, und des Erfinders Nahme iſt unbekannt. Chriſtian Huygens glaubet zwar, daß ſich beide, Salin und Merſenn betrogen haben; er aber allein auf dem rechten Wege ſey, und die 31. gleiche Theile der Octave nicht nur vor Augen legen, Voy. Hiſtoire des Ouvrages des Savans. Octobre. 1691. ſondern leicht, ich weiß nicht mit welcher Art aufgeſetzter und beweglicher Claviere, zum Gehör und zur wirck- lichen Ausübung bringen könne. Allein, weil der gute und gelehrte Mann noch im- mer mit Quart- und Viertel-commaten,ja mit gröbern Sachen handelt, mag ich ihm keinen Beifall geben, wenn er auch die logarythmiſche Rechnung beſſer, als der Quedlinburgiſche Organiſt verſtünde; halte es hergegen zehnmal lieber mit einer guten Temperatur, ſie ſey gleich oder ungleich, dafern ſie nur geſunde Ohren vergnüget, beweget und ergetzet. §. 30. Denn, wenn man auch Werckmeiſter p. 70. ſeiner Temperatur. P. de Thyard de la Mus. p. 8. 9. hundert oder tauſend ſo genannte Subſemitone in ein Clavier machte, ſo wird doch die Zuſammenbindung der Harmonie unvollkom- men und lahm ſeyn und bleiben. Jch bin auch, mit Unterwerffung an diejenigen, die klüger ſind, als ich, eben derſelben Meynung, und pflichte den Worten obgedachten Ver- faſſers bey, die er kurtz vorher anführet, alſo: Darum hat es GOTT ſo weiß- lich geordnet, und unſer Gemüth alſo zugerichtet, daß es mit einer guten Tem- Temperatur zufrieden iſt; ja, GOtt hat alles, was in der Natur iſt, in die Temepratur geſetzt, warum wollten wir dieſelbe aus der Muſic ver- bannen und verwerffen, zumahl es nicht anders ſeyn kann. Der Hr. Neidhardt gibt es Jn ſeiner beſten und leichteſten Temperatur. p. 27. auf dieſe Art: Es bleibet auſgemacht, daß es wieder alle Gründe der Natur lauffe, eine reine Scalam Diatonico-Chromaticum zu wünſchen, geſchweige zu haben. Man kann ja die Diatonicam nicht ein- mahl reine haben, welche man doch, bey Erfindung einer Diatonico-Chro- maticae, zum Grunde ſetzen muß. Wann dieſes alſo wahr und feſt iſt, wie es denn die erfahreneſten Temepratur-Meiſter wahr und feſt befinden: Mein! Was ſoll denn das Koffbrechen der Algebraiſten helffen, die durch ihre vermeynte Reinigkeit nur alles deſto unreiner hervorbringen? §. 31. Was ſonſt bey unſerm letzten Prob-Stück inſonderheit zu erinnern vorfallen mögte, iſt wenig, und kömmt meiſtens darauf an, daß die Achtel, davon dieſeſmahl drey auf ein Viertel gehen, alleine ſpielen, und zur erſten Note derſelben nur das gehörige oder überzeichnete angeſchlagen werde. Viele Künſte bey dergleichen Tonen ſehen zu laſſen, leidet der Umſtand bishero nicht; jedennoch könnte bey den Schlüſſen, als nehmlich, im fünfften, ſechzehnten, und fünff und dreiſſigſten Tact, etwas gebrochenes gar zierlich angebracht werden. Jch will es aber, wie durchgehends alle ſolche Auſzierungen und Schmü- ckungen, nicht als ein nothwendig erfordertes Stück bey einem gewöhnlichen General-Baß, ſondern als eine beliebte und artige Zugabe bey der Probe, bey der Uebung, und bey erſehener Gelgenheit, betrachtet haben, weil ich völlig in dieſem Stück mit St. Lambert übereinſtimme, da er ſich alſo heraus läſſt: Wenn die Bäſſe nicht mit vielen Noten überhäuffet ſind, ſondern, nach des Spielers Sinn, gar zu ſehr ſchleppen und zögern, mag er wol andre Noten hinzu thun, und mehr Figuren hervor bringen; da- fern er nur gewiß verſichert iſt, daß ſeine Zuſaätze der Melodie, inſonderheit aber der ſingenden Stim- me keinen nachtheil bringen. Denn der General-Baß iſt zu anders nichts verordnet, als dem Sän- ger Beiſtand zu leiſten; nicht aber deſſelben Beſtreben, durch ein unzeitiges Geklängel, zu hindern, oder zu verſtellen. Es giebt Leute, die ſo viel von ſich ſelbſt halten, daß ſie glauben, ein gantzes Concert von Vir- tuoſen tuoſen ſey ihrer kaum werth, und laſſen ſichs daher recht ſauer werden, vor allen andern hervorzuragen. Dieſe Organiſten überhäufften ihre vorgeſchrieben Bäſſe mit vielen krummen Sprüngen, verbrämen alles hinten und vorn, und bringen hunderterley Dinge an, die vielleicht an und für ſich ſelbſt ſehr ſchön ſind, aber dennoch zur Unzeit kommen, und dem Concert überaus ſchädlich fallen, indem ſie ſolchen Umſtänden zu nichts anders dienen, als die Kunſt-reiche Ruhmſucht und Eitelkeit des Spielers zu bezeugen. Wer demnach in einem Concert ſpielet, muß es ſo machen, da0 er der gantzen Verſamm- lung zur Ehre und zum Vergnügen gereiche; nicht aber, da0 nur er allein den Preiß davon trage. Denn, wenn ein jeder bloß für ſich, und um ſein ſelbſt willen, ſpielet, ſo iſt es kein Concert mehr. §. 32. Jch will dieſen gantz geſunden Gedancken noch hinzufügen, daß, wer nicht im Concert, ſondern zur Probe, oder etwa hie und da viele Täcte allein ſpielet, derſelbe alſo ſpielen müſſe, daß nicht nur die andern Ehre davon haben mögen, ſondern daß hauptsächlich er, der auf die Probe ſpielet, den Preiß ſeiner Kunſt und Wiſſenſchaft erhalte. Denn, wenn ſolcher Geſtalt einer für ſich, und in ſeiner eige- nen Abſicht ſpielet, ſo ſoll und darff es kein Concert heiſſen. Wiewol auch durch das Wort Concert ſelbſt angedeutet und erfordert wird, daß ein jeder ſeine beſten Künſte gebrauche, und mit den andern gleichſam um den Gewinn certire, kämpfe oder ſtreite. §. 33. Nun muß es wol für dieſes mahl geſchieden ſeyn, mein lieber Leſer! Wer einen Leſer nennet, nen- net eine Perſon, deren ſaures Geſicht und ſtörriſches Weſen alle Annehmlichkeiten verjaget; einen Rich- ter, der ſich aus anders keiner Urſach auf den Stuhl zu ſetzen ſcheinet, als einen Verfaſſer nur zu verdam- men; einen unbeſtändigen Freund, der ihm die vorher-geſchenckte Gunſt den Augenblick wieder entziehet, ſo bald ein Wörtgen kömmt, das ihm nicht anſtehet. Da iſt deine Schilderey und Abbildung mein lie- ber Leſer! Urtheile nun, ob ich Mühe habe, dich zu verlaſſen. Du ſieheſt wol, daß ich dich gar nicht ſchmincke. Jch bin kein ſolcher Menſch, der Luſt hat, dir zu Fuſſe zu fallen; es wäre alles, was man vor einer ſchönen Leſerinn thun könte. Haſt du mich nun in dieſem Buche von oben biß unten ſpöttiſch genug betrachtet; ſo glaube, daß ich eben ſo ſpröde, und noch wohl ſpröder auſſehen kann, als du. Es könte aber doch wol ſeyn, daß ich dir hin und wieder nicht gäntzlich mißfallen hätte. Wolan, ſind wir mitein- ander nur einiger maſſen zufrieden, ſo will ich bey dir, meinem Verſprechen nach, bey Gelegenheit noch manchen guten Beſuch abſtatten. Jch will mich indeſſen des Leſers und Spielers Andencken und Gunſt, ſo viel einer oder der andere davon zu miſſen hat, und ich brauche, empfohlen; alle rechtſchaffene Orga- niſten meiner freundlichen Dienſte nochmahls verſichert; alle Verläumder verlachet; den Lehr-begieri- gen meinen äuſſerſten Beiſtand angeboten; den Hudlern und Stümplern aber ein rechtes, ſtarckes Ge- fühl ihres Unvermögens und fleiſſige Beſſerung angewünſcht haben: der ich ein aufrichtiger Beförderer muſicaliſcher und anderer Wahrheiten lebe und ſterbe. Ende.