Der Ober-Classe drittes Prob-Stück. Erlaͤuterung. §. 1. DA iſt gut General-Baß ſpielen, wenn nicht mehr Ziffern vorkom̃en, als in dieſem Exempel. Ey! wie wird ſich mancher freuen, daß die Zahlen ſo duͤn- ne geſaͤet sind. Die Warheit zu geſtehen, ich muß den guten Leuten auch dann und wann goͤnnen, daß sie Athem schoͤpffen; ſonſt wuͤrde es ihnen all- zu ſauer. Es koͤnnte aber doch wol ſeyn, daß, in Betrachtung des Vortheils, den wir nun vermeynen zu haben, indem ich in dieſer Claſſe keine Lehrlinge mehr, ſondern lauter Alt-Geſellen erkenne, eine oder die andere Signatur nicht eben ſo genau uͤbergeſchrieben, ſondern mit Fleiß weggelassen worden waͤre: damit auch der Spieler ſein eignes Urtheil ſchaͤrffen, und ohne Stock gehen lerne. §. 2. Sonſt kann ich wol ſagen, daß in gegenwaͤrtiger Vorschrifft mehrentheils auf die so nuͤtzliche Befoͤrderung, einer guten Ordnung der lauffenden Finger geſe- hen worden: maſſen man ſich, bey vorfallender Gelegenheit, ſonderlich, wenn der Baß viel unterwerts laͤufft, nicht genug uͤber das garſtige Stolpern etlicher Bursche verwundern kann; welches aber eintzig und allein daher ruͤhret, daß ih- re Finger keine gewiſſe Ordnung halten, nocht geweiſte Wege haben. Hievon macht nun offt ein jeder Meiſter (der es verſteht) ein eigenes Weſen, und giebt drey oder vier Regeln, vermittelſt welcher der Schuͤler lerne, was fuͤr Finger er, auf und nie- derwaͤrts, in beiden Haͤnden gebrauchen muͤſſe. Das ist denn wol alles gut, und mag ſeinen Nutzen eben ſo haben, als die Vorſchriften eines geschickten Schreib-Mei- sters. Allein, gleichwie dem ungeachtet mancher ſich hieran, bey ſelbst-anwachſendem Verstande, gar nicht kehret, ſondern ihrer wenige gefunden werden, die sich nicht ſolten eine eigene Hand zu schreiben wehlen, welche mit ihres Schreib-Mei- sters seiner offtermahls auf keine Weise uͤbereinkoͤmmt: alſo geht es auch mit der Finger-Ordnung auf dem Clavier. So mancher als ſpielet, fast ſo manche Art der so genannten Application wird man auch finden. Einer laͤufft mit vier, der ander mit fuͤnff, etliche gar, und faſt eben ſo geſchwind, mit nur zween Fingern. Es liegt auch nichts hieran; ſo lange man ſich nur eine gewisse Richt- ſchnur wehlet, und beſtaͤndig dabei bleibet. Daran aber liegt es: die meisten ſind ſo zweiffelhafft, und ſo wenig feſt bey dieſer Sache, daß ſie eine Viertel- Stun- Stunde gebrauchen, ehe ſie mit ſich ſelbst uͤber die Finger koͤnnen eins werden. Jch schlage demnach hier keine beſondere Ordnung vor, ſondern verlange, daß ſich einer, durch fleißige Uebung, feſt und unbeweglich zu einer eintzigen gewehne; doch ſo, daß ſie auf alle Faͤlle paſſe: welches Nachdencken erfordert. Jn gar ge- meinen Gaͤngen iſt ſonſt nur dieſes zu beoabchten, daß man in der rechten Hand aufwerts den Gold-i.e. Ringfinger und Mittel-Finger; unterwerts also aber Mittel- und Zeige- Finger nehme. Dahingegen sich die lincke Hand aufwerts des Zeige-Fingers und Daumens, herunter aber des Zeige- und Mittel-Fingers, Abwechſlungs-Weiſe, bedie- net. Jch ſage, dieſes iſt der gemeine Weg und Unterricht; der ſich doch nur auf gar wenige Vorfaͤlle ſchicket. §. 3. Jm zehnten und folgenden Tact schlaͤgt die rechte Hand allemahl vor, wo die Pause ſtehet, solches giebt eine gar angenehme Brechung. Jm siebenzehnten Tact aber wird es umgekehret, und da ſchlaͤgt der Baß ſeine ehrbaren Viertel voran, wozu die rechte Hand, mit den Signaturen oder Accorden, auf die vorige Weiſe ſyncopirt. Eben alſso wird es mit allen vorkommenden Vierteln gehalten, die durch Sech- zehn-Theile abgeloͤſet werden, etwa auf dieſe Art: §. 4. Wobey ebenfalls zu mercken: daß alle dergleichen Brechungen um ſo viel an- genehmer klingen, je weiter die Jntervalle voneinander entlegen ſind: ſolche muͤſſen wol nie kleiner werden, als eine Quarte: denn die Verhaͤltniß der Ter- tzen (zumahl in der rechten Hand) klinget gar zu enge, und kann faſt nicht gebraucht werden. Wenn demnach im ſechs und zwantzigſten Tact H dur ſtehet, muß nicht von der Tertz, vielweniger von der Octave, ſondern bloß von der Quint in die Tertz, Sexten-Weise, aufwaͤrts geſprungen werden. Vier-