Der Ober-Classe fünfftes Prob-Stück. Vid. Keiſers Land-Luſt p. 21. wenn jemand etwann ſonſt um ein Stück aus dem C dur verlegen wäre, das ich doch nicht hoffen will. Er- Erlaͤuterung. §. 1. Man wird des Lermens muͤde. Alle Muſic muß ihre Abwechſlung ha- ben, und wenn lange genug auf dem Claviere gedonnert hat, ſo muß ein Calme kommen. Jch meyne, es muß eine ſuͤße, liebliche Melodie auf etwas rauſchendes und wildes ſuccediren. §. 6. Damit auch hierunter kein Mangel verſpuͤhret werde, ſo hat man in ge- genwaͤrtiger Pieçe einem Liebhaber des mannierlichen Spielens Gelegenheit ge- ben wollen, ſeinen Krahm auszulegen, naͤmlich an den Orten, wo die Worte: ſi ſuona, befindlich, welches ſo viel heiſt: Man ſpielet, und zwar ſecundum excellentiam, man laͤßt ſich gantz allein in der rechten Hand hoͤren. Hievon nun, und wie gedachtes Spielen ſoll eingerichtet seyn, etwas gewiſſes und ſpe- ciales zu ſagen, ist die lautere Unmoͤgligkeit, maſſen ſolches aus freyen Einfaͤllen herflieſſen und gar nicht gezwungen ſeyn will. So viel iſt in genere zu melden, daß der Baß, accompagnieret oder voll greifft, die rechte Hand aber nur einſtim- mig, i.e. ſolo, auf das allermelodieuſeſte dazu componirt. Nun sind aber die Gaͤnge auch ſo leicht und natuͤrlich eingerichtet, daß einer ſehr unerfahren ſeyn muͤſte, der nicht augenblicklich darzu eine geschickte Stimme erfinden ſollte, ſin- temahl der bezieferte Baß alles ſelbst angiebt, und einem gleichsam in die Haͤnde thut. Du magst aber auch in dieſem Stuͤcke deinen Candidaten auf die Probe stel- len, und wenn er ſich nicht haͤlt, hinwiederum nicht viel von ſeiner Virtù halten. §. 3. Wo das Preſto befindlich, greiffet man das Clavier auffs ſtaͤrckeſte, und ſchlaͤgt zu jeder Note hurtig an, da denn dieſe Abwechſlung nicht unangenehm ſeyn, sondern beydes den Studierenden ermuntern, und dem Zuhoͤrer nicht miß- fallen wird. §. 4. Meine Obſervation bey diesem allergemeinſten Tone, (welcher bey je- Klimperer Trumpff ist) waͤre ſonſt dieſe, daß, ſo wie man aus mollen und betruͤbten Tonen was flieſſendes und munters mit Succeſs ſetzen und ſpielen kan; alſo aus dieſem harten und triviali Modo etwas zaͤrtliches und bewegliches nicht uͤbel klinge. Z.E. Ein Solo auf der Viole d'Amour §. 5. Ubrigens wird hierdurch der Satz bewieſen werden, daß, wer nicht ſingen koͤnne, auch nicht zu ſpielen wiſſe. Das moͤchte manchem Orga- niſten ungereimt vorkommen, inſonderheit denen in Staͤdten, die nicht zugleich Kuͤſter mit agiren; denn auf dem Lande ist man aus Noth und Sparsamkeit ſo beſcheiden, und contradiciret mir hierin ſo wenig, daß auch beyde Officia einer Perſon conferiret werden, wordurch meiner Meynung ſehr viele Vota zuwachſen. Aber, Schertz bey Seite geſetzet; wer mir und ſo viel ehrlichen Bieder-Maͤnnern nicht glauben will, der probire es bey den haͤuffigen Kirchen-Sachen, die ein un- melodieuſer Organiſte etwañ geſchmader, (denn es gibt fruchtbare Naͤchte bey die- ſen Leuten, in welchen die Pilze ich meyne ihre ſo genannten Compoſitiones, auf einmahl aus der Erden Dutzen-weiß hervordringen) und ſehe zu, wie ſchlecht die Melodien an einander haͤngen, wie armselig es klinge. Exempla ſunt odioſa. Und wer weiter gehen will, der laſſe einen ſolchen im Singen unerfahrenen Meiſter (von denen, die in der Singe-Kunst das ihre gethan, wird nicht geredet) diß Exempel ſpielen, ſo wird er Miracul ſehen. §. 6. Es iſt aber dieſe Sang-Regel nicht ſo zu verſtehen, daß einer nothwendig ein Cantor practicus, oder ein Saͤnger in der That ſeyn muͤſte, wenn er wohl ac- compagniren wolle; Denn es gibt viele wackere Leute, die doch von der Natur kei- ne Stimme zum Singen haben. Es iſt auch nicht noͤthig, daß alle Muſici eben mit einer ſchoͤnen Kehle groß thun muͤſſen, den wenigſten iſt es gegeben; aber die Theorie muß nicht nur ein Componiſte, ſondern jeder Accompagnateur, ja jeder Inſtrumentaliſte verſtehen, und wenn ſein Hals gleich nichts nutzet, ſo muͤſſen doch ſeine ſingenden Gedancken den Fingern ihre Order ertheilen, ſonſt ist alles hoͤl- tzern und todt.