Der Ober-Classe fünfftes Prob-Stück. Erlaͤuterung. §. 1. MAn wird des Lermens muͤde. Alle Muſic muß ihre Abwechſlung haben: und wenn lange auf dem Clavier gedonnert worden iſt, ſo muß ei- ne Stille kom̃en. Jch meyne, es muß eine ſuͤſſe, liebliche Melodie, auf etwas rauſchendes und brauſendes, folgen. §. 2. Damit auch hierunter kein Mangel verſpuͤhret werde, ſo hat man, in ge- genwaͤrtiger Vorſchrift, einem Liebhaber des manierlichen Spielens Gelegenheit geben wollen, ſeinen Vorrath auszulegen, nehmlich an den Orten, wo die Wor- te: si ſuona, befindlich ſind, welche auf Teutsch heiſſen: Man ſpielet, und zwar auf das beſte, d.i. man laͤſt ſich gantz beſonders mit der rechten Hand hoͤren. Hie- von nun, und wie gedachtes Spielen ſoll eingerichtet ſeyn, etwas gewiſſes oder eigentliches zu ſagen, iſt die lautere Unmuͤgligkeit: maſſen ſolches aus freien Ein- faͤllen herflieſſen muß, und gar nicht gezwungen ſeyn will. So viel ist uͤberhaupt zu melden, das der Baß accompagnirt oder voll-greifft, die rechte Hand aber nur einſtimmig, i.e. id est solo , auf das allerſingbarſte dabey einhergehet. Nun sind gleichwol die Baß-Gaͤnge auch ſo leicht und natuͤrlich hier eingerichtet, daß einer ſehr unerfahren ſeyn muͤſte, der nicht augenblicklich darzu eine geſchickte Ober-Stimme erfinden ſollte: ſintemahl der bezieferte Grund alles ſelbſt angiebt, und jedem gleichſam in die Haͤnde leget. Man mag aber doch in dieſem Stuͤcke ſeinen Wer- ber auf die Probe ſtellen, und, wenn er ſie nicht haͤlt, hinwiederum nicht viel von ſeiner Kunſt halten. §. 3. Wo das Presto befindlich iſt, da greiffet man das Clavier aufs ſtaͤrckeſte, und ſchlaͤgt zu jeder Note hurtig an. Die Abwechſelung kann hiebey nicht unangenehm ſeyn, ſondern wird zugleich den Studirenden ermuntern, und den Zuhoͤrer be- luſtigen. §. 4. Meine Anmerckung uͤber den vorhabenden allergemeinſten Tone, (welcher bey bey jedem Klimperer ein Trumpff iſt) waͤre ſonſt dieſe, daß, ſo wie man aus wei- chen und betruͤbten Tonen was flieſſendes und munteres, mit Beifall, ſetzen und ſpielen kann; alſo aus dieſem harten und Gaſſen-maͤßigen C dur etwas zaͤrtli- ches und bewegliches nicht uͤbel klinge. Z.E. Zum Exempel Ein Solo auf der Viole d'Amour &c. §. 5. Uebrigens wird hierdurch der Satz bewieſen werden, daß, wer nicht ſin- gen koͤnne, auch nicht zu ſpielen wiſſe. Solches moͤgte manchem Organiſten ungereimt vorkommen, inſonderheit denen in Staͤdten, die nicht zugleich Kuͤ- ſter-Amt mit verrichten; denn auf dem Lande iſt man aus Noth und Sparſam- keit ſo beſcheiden, und widerſpricht mir hierin ſo wenig, daß auch beyde Aem- ter einer Perſon aufgetragen werden, wodurch meiner Meynung ſehr viele Stim- men zuwachſen. Aber, Schertz bey Seite geſetzet; wer mir und ſo viel ehrlichen Bieder-Maͤnnern nicht glauben will, der probire es bey den haͤuffigen Kirchen- Sachen, die ein Sangloser Organiſt etwa geſchmadert hat, (denn es gibt frucht- bare Naͤchte bey dieſen Leuten, in welchen die Piltze, ich meyne ihre ſo genannte Compoſitiones, auf einmahl aus der Erden, Dutzent-Weiſe, hervordringen) und hoͤre zu, wie ſchlecht die Melodien an einander haͤngen, wie armſelig es klinge. Wer auch weiter gehen will, der laſſe einen ſolchen im Singen unerfahrenen Men- ſchen (von denen, die in der Singe-Kunst das ihre gethan haben, redet man nicht) dieſes Exempel ſpielen, so wird er Wunder ſehen und hoͤren. §. 6. Es iſt aber unſre Sang-Regel nicht ſo zu verſtehen, daß einer nothwendig ſein Handwerck und Weſen davon machet, oder ein Saͤnger in der That ſeyn muͤſte, wenn er geſchicklich ſpielen will; Denn es gibt viele wackere Leute, die doch von der Natur keine Stimme zum Singen haben. Es ist auch nicht noͤthig, daß je- dermann eben mit einer schoͤnen Kehle groß thun muͤſſe: den wenigſten ist ſie gege- ben; aber die Wiſſenſchaft des Singens muß nicht nur ein Componist, son- dern jeder General-Baſſiſt, ja jeder Jnstrumentaliſt, inne haben, und wenn ſein Hals gleich nichts nutzet, ſo muͤſſen doch ſeine ſingenden Gedancken den Fingern ihren Befehl ertheilen; ſonſt ist alles hoͤltzern und todt. Es wuſſte dieſes schon D. Lippius Tanto perfectior organicus eſt muſicus, quanto plura in vocali confecit ſpatia. M. Jo. Lippii Diſput. II. deMuſica. zu ſagen: Daß, nehmlich, ein Jnſtrumentaliſt deſto vollkomme- ner iſt, je mehr er ſich auf die Singe-Kunſt geleget hat. Sech-