Der Ober-Classe sechstes Prob-Stück. Erlaͤuterung. §. 1. ES iſt ſchon zuvor erinnert worden, daß alles, was man in dieſen Exempeln der rechten Hand gerne beilegen wollte, ſich entweder vor oder hernach im Baß dergeſtalt befindet, daß es nur darff hervorgeſuchet oder auch nach- geahmet werden. Hier moͤgte man nun gerne wiſſen, ob einer ſo viel Nachden- cken haͤtte, mittelſst dieſer Anweiſung gegenwaͤrtiges Stuͤck zu behandeln; oder ob ihm alles Haar-klein vorgeſchrieben werden muͤsse? Wer die Probe anſtellen will, der laſſe dieſe Erlaͤuterung ſo lange zuruͤck bleiben, bis er mercket, ob sein Or- ganiſt das rechte Fleckgen getroffen habe, oder nicht. Trifft ers; ſo wuͤnschet ihm Gluͤck. Verfehlt ers; ſo wird ers muͤſſen geben laſſen, und ſich nach ein- genommenem Unterricht weidlich wundern, daß er den Lunten nicht ſelber riechen koͤnnen. Mancher wird hiebey eben ſo eine Nase auffwerffen, als Luthers Ge- sellschafft, wie er ihr das Ey ſtehend machte, und ſagen: O! iſt es nichts an- ders als das? ich dachte Wunder, was es ſeyn wuͤrde. Mit ſolchen Anwei- ſungen gemahnet michs faſt eben, wie mit Artzneyen, die man ſehnlich verlan- get, und, wenn ſie geholffen, gerne wiſſen wolte, woraus ſie beſtanden. Erfaͤh- ret man denn, daß es lauter gemeine Kraͤuter und Gewaͤchſe geweſen, so verliehrt man ſchon die Hochachtung dafuͤr, ob das Mittel gleich noch ſo gute Wirckung gehabt haͤtte. Das ſind lauter vorgefaßte Meynungen; ich bitte darum, man lasse die- ſelbe, ſonderlich in der Musik, fahren, und beurtheile die Sachen, gewiſſer maſſen, nach keinen anderen Gruͤnden, als nach dem Wol- oder Uebellaut, die Einrichtung mag kuͤnſtlich, oder ſchlecht, bunt, oder einfaͤltig gerathen; gnug, wenn es gut klingt. §. 2. Geſchaͤhe es nicht, ehrlichen Leuten zu gefallen, die ſich dieſes Werck- leins auch bedienen moͤgen, ich kann verſichern, meine gute Organiſten und ihre Burſchen ſollten noch ein Weilgen zappeln, ehe ſie erfuͤhren, wo Bartold hier den Moſt holet; Jch wuͤrde Anſtand nehmen, ihnen ſogleich zu ſagen: daß die vier- zehn Taͤcte, welche der Baß vorher ſpielet, Note vor Note, in der rechten Hand zu den folgenden dreyzehen Taͤcten nachgeholet, und nur zum vierzehnten und funff fuͤnffzehnten ein wenig veraͤndert werden koͤnnen. Nun wird mein Organiſte den- cken, iſt das das ſchoͤne Geheimniß? Das iſt ja was schlechtes! Habe ichs nicht geſagt, es wuͤrde so kommen? Doch ſinge noch kein Sieges-Lied, mein guter Held, ehe der Triumph da iſt; laß hoͤren, wie klingt es? Zoͤgere nicht, fahre fort, ey lieber, fahre fort; bedencke die lincke Hand dabey; laß den Baß nicht ſo kahl daher tre- ten; kanſt du die Vollſtimmigkeit nicht ſo geſchwinde finden, ſo muſt du wenig- ſtens Octaven-Weiſe damit verfahren, bis endlich zum Schluß ins c mit Ehren gelanget ſeyn wird. §. 3. Die gewoͤhnlichen Gruͤnde der Baß-Veraͤnderungen ſind ſonſt diese, daß die Haupt-Noten vorher, die zufaͤlligen aber hintennach anſchlagen: doch bey heutiger Art zu ſpielen, abſonderlich, wenn ſich das Clavier allein hoͤren laͤßt, kehrt man es offt um, und macht es wie mit den Conſonanzen und Diſſonantzen, welche auch ihre Note cambiate oder Wechsel-Noten zulaſſen: ob es gleich ſonſt ſtarck wieder den Compositions-Bocks-Beutel laͤufft. Doch muͤſſen die Haupt- Noten, wenn ſie nachſchlagen, in der Tiefe, die Brechungen aber in der Hoͤhe vorgenommen werden. Und ſolchemnach ſind die Grund-Noten im 9. 10. 11. 12. ꝛc. Tact des vorhabenden Exempels dieſe: Ob was legalers, grundrichtigers und deutlichers ſeyn koͤnne, weiß ich nicht. §. 4. Nun folgen neun biß zehn bunte Taͤcte im Baſſe; und obgleich hin und wieder eine Zieffer ausgelassen waͤre, ſo wird man doch wol urtheilen, wohin etwan eine Sexte oder ♭5 gehoͤre. Wer auch gerne wiſſen will, was bey dieſen sogenann- ten bunten Taͤcten die eigentlichen Grund-Noten ſind, darauf ſich die Veraͤnderun- gen oder Brechungen beziehen, dem will ich ſie hier vor Augen legen, zumahl da nicht immer die erſten Noten im Tact die vornehmsten ſind, ſondern gar offt nur als Fuͤll-Stimme da ſtehen. Jch habe geſagt, es waͤren neun bis zehn Taͤcte; in den vier er- erſten melden ſich zwar die Grund-Noten gleich bey dem Niederſchlage und Anfange eines jeden Viertels; im fuͤnfften aber iſt es anders beſchaffen, und in den vier folgen- den moͤgte mancher auch zweiffeln, ob er ſie oben oder unten ſuchen ſollte. Weil denn nun ſehr viel an dieſem Unterricht von den Grund-Noten, bey dergleichen Veraͤnderungen oder Variationen, gelegen iſt, wird ſich ein Lehrbegieriger desfalls allhier Raths erhohlen koͤnnen, und gegenwaͤrtige Vorfaͤlle, ſamt ihrer Erlaͤuterung, gleichfalls auf andre Gelegenheiten anwenden lernen. Anschlagende Haupt-Gaͤnge, pag. 331. lin. 3. tactu. 5. gemeint ist Takt 31. u.s.w. bis zu Ende der Seite. §. 5. Aber weiter im Text. Was ſchlaͤgſt du denn zu dieſem letzten d und dessen zwo Viertel-Pausen? Ja, was zu den folgenden fuͤnff oder ſechs Taͤcten? Nimm dirs aus dem vorhergehenden, jedoch dißmahl nicht Note vor Note; ſtolpere auch nicht, ich rathe dirs. Du ſieheſt wohl, daß in den neun biß zehn Taͤcten, die ich (Apollo verzeih mirs) bunt genennet habe, nach dem ſechſten Tact die Gaͤn- ge ſich etwas weniges umkehren; solches wird man auch belieben nachzuma- chen, wenn er an den fuͤnfften Tact der sogenannten ſchlechten Noten koͤmmt. Kann einer nach dieſem die letzten zwoͤlff Taͤcte in der rechten Hand, bey guter Einrichtung, Tertzen- und Sexten-Weise mitnehmen, ſo wird es zu loben ſeyn, und von ihm heiſſen koͤnnen: Er hat ſeine Sache ſchon recht gethan. §. 6. Es iſt bereits, wegen der Sexten und Quarten, das noͤthige mehrmahlen erinnert worden; wem ſie aber ſo, wie ich ſie hier gerne haben wollte, nicht anſtehen, der kann im erſten und dritten Tact dieſes Exempels lieber den Accord dafuͤr nehmen, und zweimahl auf einem Viertel weghacken. Das wird legal ſeyn, und wunderſchoͤn heraus kommen. Sie-