Der Ober-Classe siebendes Prob-Stück. Erlaͤuterung. §. 1. Taͤglich wird bemercket, daß den Clavicymbalſten, nebſt dem Semicant, kein Clavis ſo fremd vorkomme, als der Alt. Die Urſache ruͤhret daher, daß, wenn ja ein Knabe zum Singen Diſpoſition und Anfuͤhrung im Singen hat, unter funffzig wol kaum zwey ſind, die einen Alt ſingen, beſondern es ſchreyet alles den leidigen Diſcant. Bey ſo bewandten Umstaͤnden lernet er nur ſeinen Schluͤssel kennen, und bekuͤm̃ert ſich dabey um keinen andern, als um den Baß; damit iſt ſeine gantze Clavier-Weißheit aufgeschloſſen. Neͤchſt dieſem ſind wir hier in Teutschland gu- ten Theils ſehr eckel in Anſehung der Frantzoͤſiſchen Hand-Sachen, ob wol ſonſt alles andere, was Frantzoͤſiſch iſt und heiſſet, par Affectation auch ſo gar >das Tact- Pruͤgeln, bey uns willkommen. Jeder Informator vermeynet, seine eigene Gebur- ten ſind die beſten zum Unterricht; ich aber halte dafuͤr, es mag einer noch ſo vor- trefflich componiren, und wenn ers auch, ich weiß nicht wem, gleich thaͤte, ſoll er doch allezeit anderer Leute Arbeit, ſonderlich bey der Information, mitnehmen, und ſich gesagt ſeyn laſſen: Nec tua laudabis studia, aut aliena reprendes. Horaz epist. 1, 18, 39 Wer nun in Frantzoͤſiſchen Hand-Sachen etwas bewandert, der wird ſchwerlich bey den Clavibus Schwierigkeit finden, maſſen die Veraͤnderung derſelben nirgend haͤuffi- ger vorkomẽn, ob ſie ſich gleich ſonſt wol halten laſſen. Drittens schaͤmet ſich ein Kna- be oder Bursche, der einmahl dencket Organiſte zu werden, daß er ſolte eine Geige in die Hand nehmen, gerade, als waͤre es ſchimpfflich; benimmt man aber dieſen abge- ſchmackten Point d'honneur ſeinem Untergebenen, und laͤſt ihn zu Zeiten eine Mit- tel-Partie oder Braccio mitſpielen, ſo werden ihm die Claves beſſer eingedruckt und bekandt werden. Doch hievon vor dißmahl genug; nur muß ich ſagen, daß dieſer Man- gel mich veranlaſſet, das beſagte gemeine Alt-Zeichen hier offt zu gebrauchen. §. 2. Solte einem das Prestissimo ſogleich nicht anſtehen, demſelben wird nichts darum wiederfahren, wenn er die Pieçe ſchon etwas langſamer vors erste ſpielet. Dieſes ſage von Studierenden. Einem ſeyn-wollenden Meiſter aber wird die- ſes nicht erlaubet, er mag das Stuͤck eine Weile an- und durchſehen; ſetzt er aber die Hand an, ſo muß es gehen, wie es gehen ſoll, das iſt, auf das allerhurtigſte. §. 3. Hiebey kann ich nicht unberuͤhret laſſen, was Monſr. von St. Lambert in ſei- nem Traité d'accompagnement, von der Geſchwindigkeit fuͤr beſonders traͤge Ge- Gedancken fuͤhret. Es heiſſet daſelbſt pag. 58 alſo: Quand la meſure eſt ſi preſſée (da er doch nur von dem drey-viertel-Tact handelt) que l'accompagneur n'a pas la commodité de jouer toutes les Notes, il peut ſe contenter de jouer & d'accom- pagner ſeulement la premiere Note de chaque meſure, laiſſant aux Basses de Viole ou de Violon à jouer toutes les Notes, ce qu'elles peuvent faire beau- coup plus aiſement, n'ayant point d'accompagnement à y joindre. Les grandes viteſſes ne conviennent point aux Inſtrumens qui accompagnent; c'est pourquoi quand il ſe trouve des Passages fort vites, même dans une meſu- re lente, l'accompagneur les peut laisſer jouer aux autres Inſtrumens, ou, ſ'il les joue, il peut reformer cette viteſſe, ne touchant que les Notes principales de ces Passages; c'eſt à dire, les Notes qui tombent ſur les principaux tems de la meſure. Jch muß geſtehen, die Invention gefaͤllt mir nicht uͤbel und ſie iſt ſehr ge- maͤchlich; ich mag die Wotte aber nicht verteutschen, damit ſich meine Organiſten nicht bey dieſer Pieçe derselben bedienen. Es koͤmmt ſonſt bald ſo heraus, als wenn Signor Caraffa bey geſchwinden und flüchtigen Noten im Baſſe eine priſe To- back mit der lincken Hand nimmt, wie uns der Herr Kuhnau deſſen pag. 23 ſeines Musſicaliſchen Quacksalbers berichtet. §. 4. Es ſtehet uͤbrigens zu wissen, daß der gantze Brillant darin beruhet, wenn man Note vor Note mit der rechten Hand, es ſey nun Tertien-Weiß (welches das meiſte ausmacht) oder aber mit Sexten und Quarten, wie es dann und wann die Harmonie erfordert, ſo accompagniret, daß es immer in eins ohne Abſatz fortgehe, als wenn beide Haͤnde einerley ſpielten; da es doch ſehr verſchiedene Dinge ſind. Wer es nicht recht begreifft, dem will ich ein Paar Taͤcte zu Ge- fallen anatomiren; da denn zu den ersten fuͤnff Noten lauter Tertien; zu der Sechſten eine Quar- te. zu der ſiebenden wieder eine Tertie, und zur achten eine Quarte ſchlägt, die neunte hat eine Tertie, die die zehnte aber eine Quarte, denn folgen wieder ſechs Tertien , und ſo weiter. Jm erſten Tact des andern Theils haben die vier erſten Noten lauter Tertien, die fuͤnffte aber eine große Quarte, (so die 6⃥ exprimiret zum Fis) die vier folgenden brauchen wiederum Tertien, und, wo die Septime ſtehet, ſchlaͤgt zur erſten Note nur die Tertie; zur andern eine Sexte; (welche die Septime von Fis aus- macht) und zur dritten abermahl eine Sext hinunterwaͤrts. Solcher Geſtalt wird mit allem ver- fahren. §. 5. Die Freyheit ſo ich mir ſonſt hier gegeben, aus dem Ambitu zu weichen, und eine Ca- dence in die Secund anzubringen, entſtehet daher, weil ich endlich auch nicht gar der Mode ab- ſagen mag; da es ſonſt bey mir etwas rares iſt, allen bizarren Galanterien Zutritt zu verſtatten. Dann und wann laͤſt ſichs thun, ein Handwerck moͤgte ich nicht daraus machen. So iſt es auch mit der Secunde bey den duren Tonen noch ziemlich naturel; aber nicht bey mollen, welche es lieber in die Septime haben. Ach-