Der Ober-Classe achtes Prob-Stück. Vid. Keiſers Erl. Sätze etc. pag. 30 & 36. Monſr. de St. Lambert ſagt pag. 27. ſeines Tractats, von diesem Ton: Que le G Re ſol n'a point de modulation qui lui ſoit plus naturelle que l'autre, & qu'on eſt obligè d'exprimer le mode quand on parle d'un Air en G Re ſol. Er meynet, wenn man G ſage, könne niemand wiſſen, obs dur oder mol ſeyn ſoll, weil dem G das eine ſo natürlich als das andere ſey. Ich aber halte jedoch dafür, es ſey dem G aller- dings das dur weit natürlicher als das mol; Ob ich gleich nicht mißbillige, daß man bey jeden Ton distincte rede. Er- Erlaͤuterung. §. 1. WEil einmahl bey dem General-Baß ſpielen, ſo wie es ordinair geſchieht, we- nig mannierliches angebracht wird, da doch die groͤſte Douceur darinn, und nicht ſo wol in der Fauſt-fertigkeit, beruhet, ſo habe allhier zur Ab- wechſelung, eine kleine Aria einflieſſen lassen, wobey ein Liebhaber nicht nur ſeine Principia, als ein Accompagnirrender, gebrauchen, sondern zugleich hoͤrẽ laſſen kan, wie einer ſingen muͤſſe, der gut wolle accompagnirt werden. Ohne iſt es nicht, das Haupt-weſen des General-Baſſes koͤmmt auf Accompagnement einer ſin- genden Stimme an; da mag man leicht ſehen, wie judicieux und diſcret einer iſt, ob er ſich nur allein hoͤren laſſen, oder ob er dem Saͤnger einen luſtre ertheilen will; Dieſes kann einer aber ſchwerlich wol ins Werck richten, zu rechter Zeit nachgeben, favoriſiren, die Harmonie auszieren und fuͤllen, wo es noͤthig iſt, falls er nicht ſich selber in des Saͤngers Stelle ſetzet, und demnach wol penetrire, auch aus Er- fahrung wiſſe, wo derſelbe ſich etwas auffhalten, eine Manier anbringen, oder wo er uͤberhin fahren und kurtz abbrechen wird. Diejenigen, die ſelbst zu ihrem Singen accompagniren, wiſſen am beſten, wie es beſchaffen ſeyn muß, allein; Non omnibus datur. Zwar findet sich itzund die Menge ſolcher Saͤnger und Saͤngerinnen, die ſich ſelbst zu accompagniren praetendiren; aber es kommt mannichmahl auch ſo affectirt heraus, und klingt ſo armſelig und nothduͤrfftig, als wenn der Schulmeiſter auch ein Barbierer, oder der Federſchneider zu- gleich ein Glaͤſer ſeyn muß. Es gehört gewiß ſehr viel Geſchicklichkeit dazu, zu ſingen und ſich ſelbst zu accompagniren, daß es an keinem Theil gebreche. Wer indeſſen dieſe Eigenschafft beſitzet, hat wol den Gipffel in der Muſic groͤ- ſten Theils, quoad praxin erſtiegen. Jch kenne ein Frauenzimmer dieſer Art in Ober-Sachsen, das es vielen Mannsleuten hierinn zuvor thut. Ob die Person blond oder Schwartz sey, mag einer errathen. §. 2. Keiner wolle ſich indeſſen einbilden, man gebe dieſe Aria fuͤr Hand-Sa- chen aus; denn die muͤſſen anders kommen: Ein Curieuſer beliebe auch nur et- wann auch nur eine Suite des Herrn Capell-Meister Graupners Clavier-Sachen, oder aus meinem Harmonischen Denckmahl dagegen zu halten, ſo wird er den Unterscheid leicht finden. Jene Arbeit will exerciret ſeyn, und wer ſich unter- ſtehet, dieſelbe ex tempore zu treffen, handelt ſehr vermeſſen, und gedencket den Zuhoͤrern durch ſeine Brouillerien eines aufzubinden, wenn er auch der Archi- cybaliſte ſelbſt waͤre. Dieſe Pieçe aber iſt ſo eingerichtet, daß ein Ausgeſchriebener ſie ex tempore ſpielen muß, oder er wird ſich abzufuͤhren wiſſen. Jſt es nun eben nicht ſo zierlich und manierlich wie es wol ſeyn ſolte, zum erſtenmahl, ſo wird es doch das andere und drittemahl beſſer werden. Solches dienet zur Pro- be. Es geſchiehet uns Teutschen theils gar recht, wenn man uns dann und wann den Muthwillen ein wenig vertreibet; andere Nationes pochen ſo ſehr nicht auf ihr ex tempore, auf ihr Treffen, auf ihr à livre ouvert; und wann einem unter den Frantzoſen das Lob beygeleget wird, daß er eine Ouverture à livre ouvert ſpielet, das hat wuͤrcklich was zu bedeuten, und admiriret man einen ſolchen unter seinen Landesleuten, wie einen Raritaͤts-Kaſten die Kinder. Hier zu Lande aber meynen wir, alle Gloire beſtehe im Treffen; wer nicht treffe, der tauge nichts. Koͤmmt ein Fremder, flugs wird gefragt: Trifft er was? Antwort: So, ſo! Darauf wirfft der andere die Naſe in die Hoͤhe oder ziehet die Achſeln, welches eben ſo viel bedeutet, als waͤre der Candidat ſchon excommuniciret. Jhr lieben Leute! Das Treffen hat ſeine Meriten, ſeine groſſe Meriten; allein deß0wegen gibt es noch andere Meriten, die, wo nicht vor- zuziehen, doch wenigſtens jenen gleich zu ſchaͤtzen. Jch kan das nicht verachten, wenn einer fleißig iſt, und, was er ſpielen will, ſtudirt; es koͤmmt deſto beſſer heraus. Jst der Mahler deßwegen kein Mahler, weil er nicht trifft? die groſſen Treffer treffens offt am wenigſten. Sie verlaſſen ſich auf ihre gluͤckliche Nati- vité, und ſchlentern uͤber alles hin, als verlohne es ſich der Muͤhe nicht. Sie ge- ben ſich Millionen Airs, als ob ſie alles mit auf die die Welt gebracht und niemanden was zu dancken haͤtten. Das zierliche, das reine Weſen in der Musick wird gaͤntz- lich hindangeſetzet; Das Judicium, mit welcher Grace eine Sache will geſpielet ſeyn, gilt gar nichts; Stolpern und Brouilliren gehen in allen Zeilen vor; und wenn ein Ding auf ſolche Art zu Ende gebracht worden, ſo ſolls getroffen ſeyn. Koͤñt ihr denn treffen? wohlan! hier iſt was zu treffen; nur umgeſchlagen! Neud-