Der Ober-Classe achtes Prob-Stück. Der oberwehnte St. Lambert ſagt, auf der 27ſten Seite ſeines Buchs, von dieſem Ton, G, uͤberhaupt: Man koͤnne, bey deſſen Benennung, nicht wiſ- ſen oder unterſscheiden, ob er hart oder weich ſey, weil ihm die kleine Tertz eben ſo bequem oder natürlich falle, als die groſſe. Ich halte aber jedoch, mit Urlaub, dafuͤr, es ſey dem G die harte Tertz weit natuͤrlicher, als die weiche; ob ich gleich nicht misbillige, daß man bey jeder Ton-Art mit Un- terſchied rede, und den gewöhnlichen Zuſatz, moll oder dur, gebrauche. Erlaͤuterung. §. 1. WEil einmahl bey dem General-Baß ſpielen, ſo wie es gemeinglich ge- ſchieht, wenig manierliches angebracht wird, da doch die groͤſte Anmuth darinn, und nicht ſo wol in der Fauſt-fertigkeit, beruhet, ſo habe all- hier zur Abwechſelung, eine kleine Melodie einflieſſen lassen, wobey ein Liebhaber nicht nur ſeine Grund-Saͤtze, als ein Clavier-Spieler, gebrauchen, sondern zu- gleich hoͤren laſſen kann, wie einer ſingen muͤſſe, der gut accompagnirt werden will. Ohne iſt es nicht, das Haupt-Weſen des General-Baſſes koͤmmt auf die Beglei- tung einer ſingenden Stimme an: da mag man leicht ſehen, wie vernuͤnfftig und beſcheiden einer iſt, ob er ſich nur allein hoͤren laſſen, oder ob er dem Saͤnger einen Vorzug geben will? dieſes kann einer aber ſchwerlich wol ins Werck richten, zu rech- ter Zeit ausweichen, behuͤlfflich ſeyn, nachgeben, die Harmonie zieren und fuͤllen, wo es noͤthig ist, falls er sich nicht selber in des Saͤngers Stelle ſetzet, und demnach wol einſiehet, auch aus der Erfahrung weiß, wo derſelbe ſich etwas aufhalten, eine Manier anbringen, oder wo er uͤberhin fahren und kurz abbrechen wird. Die- jenigen, die ſelbst zu ihrem Singen zugleich ſpielen, wissen am beſten, wie es be- ſchaffen ſeyn muͤſſe; allein es iſt nicht jederman gegeben. Zwar findt sich jetzund die Menge ſolcher Saͤnger und Saͤngerinnen, die das Anſehen haben wollen, als koͤnnten ſie ſich ſelbſt accompagniren, aber es koͤmmt manchesmahl auch ſo gezwungen heraus, und klingt ſo armſelig und nothduͤrfftig als wenn der Schul- meiſter ein Barbierer, oder der Federſchneider zugleich ein Glaͤſer und Faͤhnrich ſeyn muß. Es erfordert gewiß ſehr viel Geſchicklichkeit, zu ſingen, und den Ge- neral-Baß dazu ſelbſt alſo zu ſpielen, daß es an keinem Theil gebreche. Wer indeſſen dieſe Eigenschafft beſitzet, hat wol den Gipffel in der Muſic, was die Ausuͤbung betrifft, groͤſſeſten Theils erſtiegen. Jch kenne ein Frauenzimmer die- ſer Art in Ober-Sachsen, das es vielen Mannsleuten hierinn zuvor thut. Ob die Person Weiß oder Schwartz sey, mag man leicht errathen.