Der Ober-Classe neuntes Prob-Stück. Erlaͤuterung. §. 1. ES wird allhier verſchiedenes zu notiren ſeyn, falls man anders die Sache nach dem Sinne des Autoris ſpielen will. Dieſes aber (es sey en paſſant geſagt) muß allemahl geſchehen, wenn etwas in der Perfection heraus kommen ſoll; und wer den Sinn des Verfaſſers nicht erraͤth oder trifft, der fehlet weit, ob ers auch am beſten ſonſt getroffen zu haben meynen ſolte. Wenn man demnach im ſiebenden Tact die Cadence gemacht hat, so muß gleich die rechte Hand etwas mehrers als die kahlen Accorte und Sexten dazu ſpielen, denn ſolches kann die Lincke wohl allein verrichten, nun findet ſich aber ehender kein Contra-ſubjectum als im zwantzigſten Tact, daſſelbe muß hier beym c mit der Tertie anfangen, und immer einen Ton hoͤher viermahl wiederholet werden. Woraus denn leicht zu ſchlieſſen, daß nachgehends im dreyzehenden Tact dergleichen abermal erfordert werde, da aber nicht mit der Tertie, ſondern beym g mit der Octa- ve angefangen, auch der Lauf, wie vorhin, viermahl, jedes mahl um einen Ton hoͤ- her, wiederholet wird. Jm zwantzigſten Tact erſcheinet der bisherige Contra- Thema im Baſſe, einfolglich kann man das Ding umkehren und den Gang, wel- chen vorhin der Baß gehabt, im Diſcant gebrauchen, wobey die Griffe gantz wohl vollſtimmig bleiben koͤnnen. Wenns zur letzten Helffte des zwey und zwan- tzigſten Tacts kommt, da drey Viertel ſtehen, thut man wohl, mit der rechten Hand vom dreigeſtrichenẽ c ad imitationem ins zweygeſtrichene d herunter zu lauf- fen; doch dabey die 6 und 5 im Baß unvergeſſen. Der vier und zwantzigſte Tact wechſelt abermahl mit beiden Subjectis ab; und im zwey und dreyßigſten mag man mit Tertien lauffen, bey den drey Vierteln aber das itzt beruͤhrte Imita- tions--Clauſulgen wieder anbringen. Jch beſorge zwar, die muſicalischen Stoici werden mir einen Proceß an den Hals werffen, darum, daß ich im General-Baß das dreygeſtrichene c brauche; aber meine Defenſion iſt ſchon fix und fertig. Nur heraus! §. 2. Der ſieben und dreyßigſte Tact will nebſt den folgenden, eine beſondere, wiewohl aus den vorhergehenden zunehmende Syncopation haben, wobey die uͤber- ſtehen- ſtehende Species alle gantz genau zu exprimiren ſind. Da ſolches aber einem jeden etwas ſchwer zu errathen fallen moͤchte, will ich, propter juniores, ein Eckgen davon ſpecifiren: §. 3. Nun koͤnnte zwar ſolches zur Anweiſung ſattſam dienen, und waͤre das fol- gende daraus natuͤrlicher Weiſe zu begreiffen; allein, damit man mich nicht aber- mahl beſchuldige, ich wolle was geſpielet wiſſen, das nicht da ſtehe, und der Hencker (denn das ist ein erfahrner Kerl) moͤchte rathen, was ich da juſt haben wolle; ſo will ich noch ein paar Taͤcte mehr herſetzen. Und Und dieſes mag auch genug ſeyn, fuͤr einen, der ſich gar nicht zu helffen weiß. Die was heiſſen und bedeuten wollen, muͤſſen ſolche Dinge noch ſchoͤner und kuͤnſtlicher, als hier angewieſen worden, ex tempore heraus bringen; ſonst ſind ſie, ob wohl eben keine Stuͤmper, doch nur gantz kleine Dreyling-Lichter. Ein "Dreyling" bezeichnet eine sogenannte Scheidemünze im Wert von drei Pfennigen. Es gefaͤllt mir ſonderlich wohl, daß der Mr. de St. Lambertauch ſo gar gut heiſſet, wenn man eine eintzige Stimme accompagnirt, und die Subjecta oder Fugen der Arie mit allen Par- teyen auf ſeinem Clavier dabey imitiret. Seine Worte lauten pag. 63 alſo: Quand on accompagne une voix ſeule qui chante quelque Air de mouvement, dans lequel il y a pluſieurs imitations de chants, NB. tels que ſont les Airs Ita- liens, on peut imiter ſur ſon Clavecin le Sujet & les Fuges de l'Air, faisant entrer les Parties l'une après l'autre; mais cela demande une ſcience consommée, & il faut etre du premier Ordre pour y reussir. Hierunter koͤnnen diese Exempla als Muſter, dienen. Jch haͤtte gerne etliche mehr de ce premir Ordre in der Welt, es ſind ihrer gar zu wenig. Ceux du dernier Ordre dominent. §. 4. Die drey folgenden Taͤcte ſpielet man bloſſerdings mit Tertien, welche bey dem Allegro ſchon genug fuͤllen, und ſchließlich die zwey Taͤcte für dem letzten mit dem Contra-Subjecto und vollem Baß biß zu Ende. Vid. Keiſers Solil. p. 4 & 22. Zehn-