Johann Mattheson: Probstück 24 (Edition 1719). Ed. by Niels Pfeffer and Klaus Rettinghaus. In: Probstücke Digital, version 1.0.0. https://probstuecke-digital.de/ps24-001/.
Der Ober-Classe vierundzwantzigstes und letztes Prob-Stück. NOTA. WEnn im Orch. II. pag. 438. gelehret worden, daß alle Modi, deren Haupt- Ton ein Creutz vor ſich hat, von Natur minores oder molles ſind, das iſt, ſie erfordern natuͤrlicher Weiſe, die kleinen oder weichen Tertien; Hergegen, daß alle Modi, deren Haupt-Ton ein b vor der Note fuͤhret, von Na- tur majores oder duri ſind, und alſo natuͤrlicher Weiſe die groſſen oder harten Ter- tien zu ſich nehmen: So iſt leicht zu erachten, daß, wenn ich Z. E. Cis dur waͤhlen, und ein Specimen daraus zu Papier bringen will, es natuͤrlicher ſey, ſolches mit dem bD, als mit dem ♯C zu verrichten. Deñ das bD erfordert von ſelbſten Terti- am majorem, und darff ſolche (als das rechte f) im Syſtemate nicht durch ein ab- ſonderliches Zeichen bemercket werden. ♯C hergegen, wenn es ſoll dur ſeyn, muß per dieſin dur gemacht werden, weil es ſonſt, ſeiner Natur nach, moll iſt, Und kan aus dieſem Principio auf die uͤbrigen ungewohnte Tone geſchloſſen wer- den, wie nemlich dieſelbe am bequemſten zu notiren ſind. Wir haben uns hier die Bequemlichkeit eben nicht allenthalben vorgeſetzet, zumahl da es auf Proben an- koͤm̃t. Ferner hat man bey dem bD das C, als ſeptimam majorem, gantz natuͤr- lich, und darff ſich nicht mit ſo viel Creutzen, derer aufs wenigſte ſieben ſeyn muͤſſen, ſchleppen. Doch werden an deren ſtatt fuͤnff b noͤthig ſeyn, die manchem eben ſo ſpaniſch vorkommen duͤrfften, ob gleich die Tertia und Septima majores rein blei- ben. Der Gang ins B moll, welcher beym Cis dur Clauſula ſecundaria iſt, faͤllt auch auch beſſer ins Auge, wenn bD zum Grunde ſtehet, als wenns ♯C iſt. Und was noch ſonſt vor Raiſons dieſer Diſtinction halber auffſtoſſen moͤchten. Z. E. die Vermeidung der verdoppelten Creutze vor einer Note. ꝛc. Ob aber Fis dur, wenn ſolches durch bG exprimiret wird, eben den Vortheil habe, daran ſolte faſt zweifeln. Denn es will auch bey dieſer Obſervation das be- kannte: nulla regula ſine exceptione, ſtatt haben, maſſen, ob alles gleich gar gut bey dem bH, bA, bE, und bD eintrifft, ſo nimmet ſich doch, wie es ſcheint, das eintzi- ge Fis dur davon aus. Cis dur, wenn ♯C zum Grunde ſtehet, erfordert 6 biß 7 Creutze. Hergegen darff bD nur 5 b haben; welches eine groſſe Avantage im Schreiben und Spielen bringt. Dis dur, wenn ♯D zum Grunde geſetzt werden ſolte, erfordert nicht nur gleichfalls 7 Creutze, ſondern im dritten Grad gar ein zweyfaches. Hergegen darff bE mehr nicht als nur 3 b haben. Ferner, wenn beym Gis dur ♯G zum Fundament gebraucht wuͤrde, muͤſten abermahl 7 Creutze, und noch uͤberdem ein zweyfaches im ſiebenden Grad herhalten; dahingegen, wenn bA pro baſi befindlich, nicht mehr als 4 b noͤthig ſind. Was das B anlanget, ſo ſiehet ein jeder die Inconvenience leicht, wenn ♯A den Grund Ton andeuten ſolte; denn da gehoͤren nicht nur wiederum 7 Creutze, ſondern noch uͤberdem 3 verdoppelte oder zweyfache, im dritten, ſechſten und ſiebenden Grade, dazu; welches ein abſcheuliches Weſen geben wuͤrde: hingegen beſtellet es bH mit 2 b auf das allerbeſte. Nur das eintzige Fis dur ſcheinet gleichſam anceps zu ſeyn, ſintemahl, ob ich ♯F oder bG zum Grunde ſetze, eines Theils 6 Creutze, und andern Theils 6 b erfordert werden; wobey doch dieſer Unterſchied: daß bey den Creutzen die Quarta unbezeichnet und frey bleibet, bey den bb aber nur die Septima natuͤrlich iſt; wodurch, meines Erachtens, den Creutzen, in dieſem Stuͤcke, ein Vortheil zuwaͤchſt, weil man mehr mit der Quarta als mit der Septima (inſonderheit Ma- jori, wie ſie hier iſt) zu thun hat, deßwegen ich lieber beym ♯F bleiben wollen. Wegen des Dis mollis aber halte ich gewiß dafuͤr, daß es aus obigem Principio beſſer und natuͤrlicher ſey, ſelbiges durch ♯D; das Dis dur aber, wie gewoͤhn- lich, durch bE zu exprimiren. Doch hindert ſolches nicht, daß man es nicht auch umkehren, und ſo wohl Cis dur durch ♯C, als Dis dur durch ♯D aufzeich- nen koͤnne; nur ſcheint es ſo commode und naturel nicht. Ein Meiſter muß es auf alle Art wiſſen, denn es koͤmmt affinaliter taͤglich vor; und damit es ein Schuͤler lerne, findet er hier, nebſt den Uhrſachen, das Cis dur, zum Exem- pel, auf beyderley Weiſe, da er denn waͤhlen kan, was ihm am beſten anſtehet. Jch wuͤrde das erſte erkieſen. Daſ- Erlaͤuterung. §. 1. BEy Anſehung der vorgeſetzten Creutze dieſes letzten Prob-Stuͤckes fal- len mir Printzens Worte ein, die er im dritten Capitel des erſten Theils ſeines Phrynidis alſo fuͤhret: „Es lachte mir das Hertz im Leibe, wenn ich „im Anfang des Syſtematis viel Signa chromatica oder b ſahe: Ja ich hielte den Or- „ganiſten, der einen ſo gezeichneten General-Baß nicht rein ſpielte, fuͤr einen „Stuͤmpler, da ich doch ſelbſt ein Ertz-Stuͤmpler war, und nicht wuſte, daß ſo „geſetzte Sachen auf keiner Orgel rein geſpielet werden koͤnnen.“ Hieruͤber gloſſi- re ich kuͤrtzlich ſo: (1) Jſt uns wohl bekandt, was auf einer Orgel rein geſpielet werden koͤnne oder nicht. (2) Erfordert man von einem Organiſten auch das Accompagnement auf Clavicymbeln, und ich ſage ungeſcheut, daß ich den Or- ganiſten, der einen ſo gezeichneten General-Baß, wie dieſer iſt, nicht rein auf dem Clavier ſpielet, wo nicht fuͤr einen Stuͤmpler, doch fuͤr einen ſchlechten Potenta- ten halte. (3) Diſtinguiret man zwiſchen die Fehler einer Orgel und die Fehler ei- nes Organiſten, wie billig, und ſieht kein Menſch, wie eine uͤbel-temperirte Orgel einen uͤbelſpielenden Organiſten im geringſten entſchuldigen koͤnne. Jm §. 2. Jn meinem Orcheſtre, Erſter Eroͤffnung, iſt bey Gelegenheit dieſer chro- matiſchen Tone, pag. 64 und 65, den Meiſtern von groſſer Suffiſance geſagt wor- den, daß man ihnen einen Baß vorlegen koͤnne, deſſen fuͤnff, ja zwey erſte Noten, falls dieſelbe ſine hæſitatione getroffen wuͤrden, zu ihrem ſonderbahren Lobe gereichen ſolten. Nun bin ich ſeit dem hie und da angezwacket worden, ſolches dereinſt zu bewerckſtelligen, und zwar mit einer gegenſeitigen Air, die da gleichſam ſagen wolte: Es ſtuͤnde was darum zu lachen. §. 3. Wie weit ſich dergleichen Leute nun proſtituiren wuͤrden, wenn, bey einer oͤffentlichen Verſammlung, ihre Bloͤſſe ſolcher Geſtalt etwan entdecket werden moͤchte (denn privatim verbindet dieſer defi zu nichts) das laſſe an ſeinem Or- te geſtellet bleiben. Bisher hat man Bedencken getragen, Anſtalt zu ihrer Be- ſchimpffung zu machen, welches ſonſt leicht geſchehen koͤnte. Jndeſſen, ob gleich der Baß, den man damahls eben en veüe gehabt, hierinn gar nicht anzutreffen, und noch gantz anders klingt, als dieſe Prob-Stuͤcke (angeſehen jener bloß zum Poſſen geſetzt iſt, und hundert dergleichen geſetzt werden moͤgen; dieſe aber wuͤrcklich ſich in die Schrancken einer Nothwendigkeit und eines ernſtlichen Re- quiſiti einſchlieſſen laſſen) ſo mag doch ein ſolcher ſchon daraus, quaſi ex ungue, leonem kennen lernen, und ſeinen Geiſt pruͤfen, ob er noch eine ſchaͤrffere Probe, als gegenwaͤrtige, aushalten wolle? Und ſo viel ſey dieſen Herrn vorgetragen. §. 4. Solten ſich aber auch die Sceptici und Anhaͤnger der Pyrrhonismi gar ver- lauten laſſen, ſie zweiffelten, ob der Autor ſelber die Sachen, dadurch er andere probiren wolle, ſpielen koͤnte, wie denn vernehme, daß ſich hiedurch viele Idio- ten ſchon eine Trophée auffgerichtet zu haben vermeynen; So dienet mit we- nigen auf dieſen liederlichen Einwurff zur Nachricht, daß, wenn derſelbe auch gleich nicht mit hundert lebendigen Zeugen den Augenblick zu vernichten, und der- jenigen keiner mehr in der Welt waͤre, denen ich die Ehre gehabt meine geringfuͤgi- ge Information eben uͤber dieſes Werck mitzutheilen, wenn, ſage ich, keiner meiner ecoliers hier præſtiren koͤnte, was man dem Autori und Maitre ſelbſt nicht zu- trauet, welches, da es ja wahr, jenen ein groſſer Schimpff ſeyn mag, die Mei- Meiſter ſeyn wollen, und es nicht koͤnnen; Wenn ich gleich hier, ſo zu reden, keine Exceptionem fori machen koͤnte, und mich von jedem Holuncken auf die Probe ſetzen laſſen muͤſte, ſo ſehe doch nicht, was den Suͤndern alles dieſes helffen wuͤr- de. Denn erſtlich ſetze zum Grunde, daß einer ſolche Probe niemand raiſonna- blement unterworffen ſeyn kan, als der ſich unbedachtſamer Weiſe vermißt, al- les aus dem Stegreiff, ohne Unterſcheid, ex tempore wegſpielen zu koͤnnen. So weit aber gibt man ſich diſſeits nicht ab; ſondern geſteht gerne, daß, je mehr der Sache nachgedacht wird, je unerfahrner man ſich befinde. Es kan auch niemand ſo dencken oder ſprechen, als hoͤchſt-unbeſonnene Menſchen, deren es die Menge gibt, und denen der Kopff zu rechte gebracht werden muß. Geſetzt auch, man waͤre ein bloſſer Componiſte, und lieſſe ſich, nebſt andern unausſetzlichen Verrich- tungen, das Studium melopoeticum ſo angelegen ſeyn, daß die gehoͤrige Praxis des Claviers einiger maſſen dadurch hindan geſetzet wuͤrde, ſo daß, was wohl ehe fertig von der Fauſt weggegangen, aus Mangel der Ubung, anitzo nicht ſo gar glatt heraus kaͤme; Wie folgt daraus ein buͤndiger Schluß, daß andere deßwe- gen zu entſchuldigen ſind. Man ſetzet tauſend Sachen, die der Autor ſelber zu executiren nicht gebunden iſt, noch ſeyn kan. Jch koͤnte wohl vor dem hauptferti- gen Virtuoſen, Monſr. Loſen, Jun. ein Violino Solo ſetzen, daß weder ich noch zehen andere zu ſpielen capable; deßwegen wird ers doch thun. Es baͤte mich, zum Exempel, der habile Kuͤnſtler, Monſieur Keiſer, ich moͤchte ihm ein Solo vor die Floͤte ſetzen (darauf er wie ein Vogel iſt) ſo wuͤrde mich wohl nicht unterſte- hen ſelbiges zu ſpielen, ob ich gleich ſonſt eine ſehr troͤſtliche Geige und ſtoltze Floͤte tractire; Hergegen ihm wuͤrde die Wegerung verdacht werden. Tauſend der- gleichen waͤren anzufuͤhren, wenn man ſich dißfalls zu juſtificiren noͤthig haͤtte; allein, jedermann wird von ſelbſten ſchlieſſen, daß das Argument falſch ſey, wenn man ſagte: Der Autor kan dieſe Pieçen ſelber nur ſo taliter qualiter ſpielen, ergo, duͤrffens andere gar nicht koͤnnen. Es iſt hier die Frage nicht, was der Autor kan, ſondern was der eingebildete Burſche kan, der ein Omniſcius ſeyn will? Damit er aber nicht meyne, ich wolle es gar von mir lehnen, ſo will ich doch, ohne eintzigen Ruhm, hiemit verſichert haben, daß, wenn es auf eine Probe an- kommen ſolte, man noch endlich wohl damit fortzukommen, und der ſchlechteſte nicht zu ſeyn, hoffen wolte. Es wird ja niemand ſo naͤrriſch ſeyn, daß er ſich von Hudlern weiß machen laſſe, es ſey die Organiſten-Probe etwan wie die Pla- Platoniſche Republic. Mit meiner unſchuldigen Sonata vors Clavier habe ſchon dergleichen Fata erlebet, da es erſtlich hieß: Jch koͤnne ſie ſelber nicht ſpie- len; und wie dieſe Unwahrheit endlich, bey Gelegenheit oͤffentlicher Concerte, vor vielen Zuhoͤrern zu Schanden wurde, wuſten die Tropffen ſonſt nichts zu ſa- gen: Als ich haͤtte gut ſpielens; es waͤre meine eigene Arbeit; andere wuͤrdens wohl bleiben laſſen; deßwegen haͤtte ich die Sonata mir auch ſelber indirecte dediciren wollen, mit den Worten: Dediée à celui qui la jouera le mieux, und was des abgeſchmackten Zeuges mehr war, welches wohl ein Frauenzim̃er mathe- matice, das iſt zu ſagen: mit Spielen, widerlegen kan. Nun ſtelle mir ſchon vor, daß die Pflaſter-Treter nicht viel anders raiſonniren werden, wenn ſie Gelegen- heit haben ſolten, ihre uͤber gegenwaͤrtige Arbeit gehabte Traͤume vernichtet zu ſehen. Wollen ſie doch mein Harmoniſches Denckmahl nicht gelten laſſen, vielweniger ihren Schuͤlern zu kauffen anrathen, unter dem Vorwand: Die Sachen koͤnten wegen der Schluͤſſel und anderer Umſtaͤnde hier zu Lande, quod mirum, nicht gebraucht werden; da doch die wahre Urſache iſt, daß die guten Helden nicht capables ſind, die Suiten zu ſpielen. Und derowegen, ihre Unwiſſen- heit zu beſchoͤnen, einfaͤltigen Leuten einpraͤgen wollen, der Autor ſey eben ſo ein Schoͤps wie ſie, und koͤnne ſein eigen Machwerck ſelbſt nicht ſpielen, alsdann vermeynen ſie ſich recht wohl verantwortet zu haben. O! moͤchte ich doch die Freu- de ſehen, daß ſolche Pygmées, ihrer jaͤmmerlichen Stuͤmperey und und ungeſcheu- ten mediſance wegen, einſt durch dieſe gegenwaͤrtige ſchlechte Prob-Stuͤcke ſchamroth gemacht wuͤrden! ich hoffe es. §. 5. Damit aber wiederum zum Propos geſchritten werde, muß ich bey dieſem letzten Exempel den Scrupel nicht unerinnert laſſen, der mir, wegen der Signaturen, in ſpecie bey dergleichen Tonen, aufſtoͤſt. Da ſtelle nun zwar feſt, daß naͤchſt H dur, Cis moll, Gis dur, und B moll, dieſe viere, ſo wie ſie in der Ordnung folgẽ, die ſchwer- ſten ſeyn moͤgen, nemlich: Fis dur, Gis moll, Dis moll, und endlich Cis dur. Es wuͤr- de ſich aber vieles dabey leichter thun laſſen, wenn man nur Signa und Noten genug haͤtte, alles zu exprimiren. Daß wir aber ſolches nicht haben, will ich beweiſen, und zwar nur, Kuͤrtze halber, nach Maßgebung gegenwaͤrtiger letzten Pieçe, zu- mahl die mit b bezeichnete, der Inconvenience nicht ſo ſehr unterworffen zu ſeyn ſcheinen, Jch habe aber dieſes Prob-Stuͤck expreſſe auf die Art notiret, wie es vie- viele groſſe Meiſter thun (davon ich hernach Exempel anfuͤhren will) damit einer ſehe, ob ihm dieſe oder die p. 55, 89 und 216 gebrauchte Weiſe am bequemſten. Mir gefallen ſie beyde nicht recht. Denn da findet man im neunten Tact dieſes Exempels ein a, welches ausſiehet, als ſey es ein gis. Ein gleiches g trifft man an im dreyzehn- ten, vierzehnten, funffzehnten, ſechszehnten und achtzehnten Tact des erſten Theils. It. im erſten, zweyten, dritten, vierdten, ſechſten, achten, neunten, elfften und dreyzehnten Tact des andern Theils, welches wie ein fis in die Augen faͤllt. Es ſtoͤſſt im zweyten, ſechſten und dreyzehnten Tact des zweyten Theils in e auf, wel- ches eben ſo fremd iſt, anbey im ſechſten und achten Tact beſagten Theils ein gewiſ- ſes d, das auch nicht legitim heiſſen kan. ꝛc. §. 6. Nun moͤchte zwar ſolche Inconvenience beym Recitativo nicht ſo ſtarck er- ſcheinen, weil das Accompagnement alda nicht ſo genau aneinander haͤnget; aber in arieuſen Sachen ſiehet es wuͤrcklich ſehr mangelhafft aus, welches niemand widerſprechen kan. Wie dieſem Mangel aber abzuhelffen, das iſt eine Frage. §. 7. Es haben ſchon, nebſt verſchiedenen andern, ſowohl Kircherus als Buliows- ki, zwar nicht ihre eigene, doch die vermeinten vielfaͤltigen Maͤngel unſers Claviers wahrgenommen, und denſelben geſucht durch die drey Ordnungen der Palmularum zu Huͤlffe zu kommen, da, anſtatt der 12 Intervallen, womit ſich unſere Octave be- hilfft, neunzehn ſeyn muͤſten, nemlich: eine Clavis zwiſchen h und c, eine uͤber dem cis, eine uͤber dem dis, denn zwiſchen e und f, uͤber dem fis, gis und b, (welches ei- gentlich ins genus enharmonicum treten heiſt) ſo will doch ſolche prætendirte E- mendation noch lange nicht zureichen, ſondern entdecket nur immer mehr was daran fehlet, und wenn wir die Octavam diatono-chromatico-enharmonicam, der gemeinen Meinung nach, recht vollſtaͤndig haben wolten, ſo muͤſten, ſecundum Kircheri Syſtema, 24 Intervalla daraus werden. vid. ej. Muſurg. pag. 150. Ja, wenn wir noch weiter gehen, und per commata procediren, ſo kommen gar 47 In- tervalla in einer eintzigen Octave fuͤr. Allein, obgleich die ratio hier eadem iſt, ſo iſt doch etwas vollkommenes (geſetzt es ſey vollkommen) unſern unvollkomme- nen Ohren nicht noͤthig, ſondern in gewiſſen Stuͤcken zuwider, und wolte ich die Confuſion ſehen, die einer haben wuͤrde, auf einem ſolchen Clavier zu ſpielen, er muͤſte denn von neuem in die Schule gehen, und das waͤre eben keine Schande. Bey Bey wem aber? Es iſt auch, allem raiſonniren ungeachtet, noch biß dato keine Aenderung hierinnen, mit Beſtand und generaler Aufnahme, vorgenom̃en, wie- wohl ſolches beym erſten Anblick nicht unrecht zu ſeyn ſcheinet; ſondern wir folgen dem alten Satz: Uſus eſt Tyrannus. Es laͤſt ſich auch, vermittelſt einer geſchick- ten Temperatur (davon Werckmeiſter etwas gutes, Neidhardt aber etwas beſſers ans Licht gegeben) unſer Gehoͤr handeln und leicht befriedigen; aber die Augen, durch deren Canal, beym Spielen, unſere Finger gleichſam ihre Ordre em- pfangen, geben es nicht ſo guten Kauffs, und davon nur iſt hier die Rede. §. 8. Jch wolte wohl ein kleines Mittel zu ihrer Befriedigung vorſchlagen; al- lein, wer weiß, ob es angenommen wird. Zu ſolchen Projecten gehoͤret nicht nur ein allgemeiner Credit, und die daraus folgende Approbation; ſondern es depen- diren dergleichen Sachen, eben ſo wohl als andere, ſo zu reden, von einer gewiſſen Fa- talité. Jndeſſen, da wir heutiges Tages aus vielen Tonen ſpielen, die den Alten unbekandt geweſen ſind, ſo moͤchten auch unſere Nachkommen vielleicht der Sache mehr nachdencken als wir, und wuͤrde eine kleine Handleitung bey ihnen nicht un- willkommen ſeyn. §. 9. Jch vermuthe mir gantz gewiß, daß nach etlich hundert Jahren, wenns der juͤngſte Tag nicht verhindert, die Muſici das Cis dur und Gis moll eben ſo leicht tractiren werden, als unſere Dorff-Organiſten das C dur; ja, ich halte ſie werden ſich dieſes letzten Tons wohl gar ſchaͤmen, wie ich denn ſchon bemercket habe, daß er ſich in galanter Compoſition wenig oder gar nicht mehr ſehen laͤſt. Es liegen Z. E. eben wie ich dieſes ſchreibe, bey mir ungefehr auf dem Tiſche, die Fuͤrſtl. Weyma- riſchen Concerte, und L’Eſtro Armonico von Vivaldi, in welchen beyden Wercken kein Stuͤck aus dem C dur, in jedem aber ein Concert aus dem E dur vorkommt, darinn ſich ♯H, ♯E, ♯A, Cis dur, Cis moll, Gis dur, Gis moll, Fis dur, &c. auff allen Seiten und Zeilen finden laſſen. Wenn ich die Muͤhe nehmen wolte, weiter nach zu forſchen, duͤrffte ſich das Exilium des C dur noch klaͤrer zeigen, und meine obige Anmerckung bekraͤfftigen; falls auch aus præreritis ad futurum zu ſchlieſ- ſen erlaubet iſt, wird meine Muthmaſſung wohl nicht ſo gar ungereimt ſeyn. Ce qui faiſoit honneur il y a cent an, eſt en quelque maniere honteux aujourdhui. i. e. i. e. Was fuͤr hundert Jahren eine Ehre war, deſſen ſchaͤmet man ſich heut zu Tage einiger maſſen; ſo ſagt der beruͤhmte Comte de Buſſy pag. 105. ſeiner Memoires. §. 10. Monſr. de St. Lambert pflichtet meinen Gedancken, auf eine muſicaliſchere Weiſe als Buſſy, ziemlich bey, wenn er in offt angefuͤhrtem Tractat vom General- Baß, pag. 27 von unſern Tonen ſo redet: Parmi ces Tons il y en a qui ſont d’un plus grand uſage que les autres. Il y en a meme quelques uns, qui n’ont peute- tre jamais eté mis en oeuvre (cela veut dire, pour fondement abſolu d’une pieçe) mais je n’en ai voulu omettre aucun dans la demonſtration, parce que la plus part de nos Compoſiteurs en employant maintenant pluſieurs, qui n’etoient point en uſage auparavant, il ſe pourra faire, NB. qu’ils viendront enfin à les rendre TOUS auſſi communs les uns que les autres. D. i. Es giebt unter dieſen Tonen etliche, die gebraͤuchlicher ſind als die andern; ja, es ſind gar einige darunter, die noch vielleicht niemahls zum Grunde eines Stuͤckes gelegt worden. (vid. die Vorbereitung) Dennoch habe deren keine in dem Verzeichnuͤs auslaſſen wollen, (ich auch hier nicht,) weil (ratio) die meiſten heutigen Compoſiteurs ſchon viele davon mitnehmen, die vormahls nicht in uſu waren, und NB. es gar wohl kommen koͤnte, daß der eine Ton mit der Zeit eben ſo gemein und gebraͤuchlich wuͤrde, als der andere. §. 11. Um aber wieder zu unſerm kleinen Vorſchlag zu kehren, wie waͤre es, wenn wir uns der nicht unbekandten einfachen chromatum bey der Notirung der oben §. 5. angefuͤhrten Tone bedienten, und ob gleich ſchon ein gewoͤhnliches Doppel- Creutz ♯ vorne auf dem Syſtemate vorgeſchrieben ſtuͤnde, noch ein ſolches einfa- ches x bey der Note ſelbſt hin zu ſetzten? Denn ſo lieſſe ſich der vorhin citirte neunte Tact dieſes letzten Exempels alſo notiren: Notenbeispiel, nicht codiert: der neunte Takt der Cis-dur-Fassung, mit einem einfachen x vor dem g. Und mit dem dreyzehnten, vierzehnten, funffzehnten und ſechszehnten Tact wuͤrde es folgende Geſtalt gewinnen: Hier- Notenbeispiel, nicht codiert: der dreizehnte bis sechzehnte und der achtzehnte Takt der Cis-dur-Fassung in zwei Systemen, mit einem einfachen x vor dem f; über den Takten ihre Nummern (13.) bis (16.) und (18.). Hiernaͤchſt moͤchten auch die im andern Theil des Prob-Stuͤckes bemeldte Taͤcte, nemlich: Der erſte, zweyte, dritte, vierdte, ſechſte, achte, neunte, elffte und drey- zehnte, beſſer, auf dieſe Art, ins Auge fallen: Notenbeispiel, nicht codiert: der erste bis vierte, sechste, achte, neunte, elfte und dreizehnte Takt des zweiten Teils der Cis-dur-Fassung in drei Systemen, mit einem einfachen x vor den doppelt erhöhten Noten; über den Takten ihre Nummern (1.) bis (13.). §. 12. Keinem will ich indeſſen dieſes Mittel aufdringen, ſondern mich vielmehr nach deſſen Meinung richten, der mit guten Gruͤnden ein bequemers zu erſinnen und vorzuſchlagen weiß, damit aus der Sache zu kommen ſey. Man koͤnte zwar wohl an ſtatt des x das chroma triplex Im Druck ein Kreuz aus je drei sich kreuzenden Strichen. nehmen, allein ich halte dafuͤr, es ſiehet dem dem ♯ mehr aͤhnlich als das x, und erfordert mehr Schreibens und mehr Raums, ſonſt moͤchte es gleich viel gelten. Von groſſen Meiſtern habe Exempel, daß ſie bey ſolchen Faͤllen, wenn gleich ſchon ein ♯ vorne auf Syſtemate geſtanden, noch eins, eben dergleichen Art, vor der Note die zum andernmahl erhoͤhet werden ſol, hin zu ſetzẽ, ſo wie ichs hier und anderswo imitirt habe; obs aber gut und zu defendiren ſey, weiß ich nicht. Ein erfahrner ſieht und merckt die Meinung leicht, ein Unerfahr- ner aber wird dabey ſtutzen. Jch will ein paar Taͤcte herſetzen, darinn ein f vier- mahl vorkom̃t, das ſchon ein ♯ vorne auf den Linien hat, und noch eins, eben der- gleichen, bey der Note zu ſich nimmt, damit endlich ein g daraus werde, und an ſol- chen Orten haͤtte ich lieber, wenn es thunlich waͤre, das x; doch jedem ſeine Meinung. Del Sigre. Hendel. Notenbeispiel, nicht codiert: zwei Akkoladen aus Oberstimme im Violinschlüssel und Baß, mit Kreuzen vorgezeichnet; Noten mit einem zweiten ♯ sind mit Sternchen bezeichnet. &c. Del Del Sigre Heinchen, nella Cantata: Bella, ti laſcio &c. Notenbeispiel, nicht codiert: Singstimme im Sopranschlüssel mit dem Text „do - len - - - - te“ und Baß, zunächst im C-, dann im F-Schlüssel, mit Ziffern; doppelt erhöhte Noten haben ein zweites ♯. &c. Conf. p. 192. 193. §. 13. Meine erſte Raiſon, warum ich lieber das x einmahl, als das ♯ zwey- mahl haͤtte, iſt dieſe: Weil ich mit dem x, auch ohne vorgeſetztem ♯, meine Inten- tion, wie und wo ich nur will, es ſey in welchem Syſtemate es wolle, entdecken und mit leichter Muͤhe an den Tag geben kan; Von Erfindung des ♯ hat Zarlinus eine artige Muthmaſſung, daß man nemlich mit dieſen vier creutzweiſe geflochtenen Strichlein die Erhoͤhung durch vier Commata habe anzeigen wol- len, welches ungefehr ein hemitonium minus betragen mag. vid. Zarlin. Vol. I. p. 169. welches in Sachen, da geſchwind aus einem Ton in den andern gearbeitet wird, und nicht allemahl alles vorne auf den Linien angedeutet werden kan, von groſſem Nutzen ſeyn muß: dahingegen, wenn ich ein wiederholtes ♯ gebrauche, nothwendig eins derſelben ſchon wuͤrcklich vorne auf dem Syſtemate ſtehen muß, und alſo zwey ſigna fuͤr eins noͤthig ſind, die fi- gura & poteſtate nicht; aber doch locatione von einander differiren, und ziem- lich ferne gehohlet werden muͤſſen. Wenn ich nun auf dieſe Art Z. E. das gis um einen halben Ton erhoͤhen, und ein a daraus machen wolte, muͤſte es, wenn vorne auf den Linien nichts befindlich, alſo unfoͤrmlich gezeichnet werden: Notenbeispiel, nicht codiert: im Baßschlüssel ohne Vorzeichnung zwei ♯ vor der Note g. Da es doch auf jene Art bequemer, und nur dieſes erfordert wuͤrde: Notenbeispiel, nicht codiert: im Baßschlüssel ein einfaches x vor der Note g. §. 14. §. 14. Meine andere Ratio, warum ich lieber ein x als zwey ♯ ♯ haͤtte, iſt die- ſe: weil mir deutlicher ſcheinet, zweyerley Sachen auch mit zweyerley ſignis, als zweyerley Sachen mit einem und einerley doppelten oder wiederhohltem ſi- gno zu bemercken. Denn ob ich zwar, wie oben erwieſen, allerdings dafuͤr hal- te, daß man die ſigna (ohne Noth) nicht vermehre, ſo erfordert doch eben die- ſe Noth, wenn Res ſignata nicht dieſelbe Res bleibet, (wie wenn aus gis ein a wird) oder, wenn durch das Zeichen ein æquivocum entſtehet, daß ſo dann, ver- nuͤnfftiger Weiſe, das ſignum nicht eben daſſelbe ſignum bleiben koͤnne, ſondern nothwendig ein Abzeichen haben muͤſſe. §. 15. Aus eben dieſer Urſache bediene ich mich ſonſt gerne des ♮, wenn ein er- hoͤheter oder erniedrigter Ton wiederum in ſeine natuͤrliche Stelle treten ſoll (wie es denn die neueſten Jtaliaͤner auch thun) ob es gleich von gar vornehmen Com- poſitoribus nicht allerdings angenommen, ſondern an deſſen Statt noch immer das hergebrachte und gewoͤhnliche b und ♯, nachdem der Ton erniedriget oder er- hoͤhet werden ſoll, hingeſetzet wird. Jch will auch deswegen mit keinem Haͤn- del anfangen, noch jemand, dem es ſo gelehret worden, und der es nun ſo ge- wohnt, meiſtern, weil es eine Sache iſt, die nur ad infimam Muſices partem, nempe ſignatoriam, gehoͤret. Allein, es koͤmmt mir doch, mit Erlaubniß, deut- licher fuͤr, wenn Z. E. aus einem b wieder ein h werden ſoll, daß man ♮ und nicht ♯ dazu gebranche. Denn, wenn ein ♯ fuͤrs h ſtehet, bedeutet es eigentlich c, und ſo mit den uͤbrigen. Zwar, wer den Ambitum kennet, und die Connexion der Melodie, inſonderheit aber das vorhergehende und folgende betrachtet, ſiehet leicht, was bey ſolcher Gelegenheit des Autoris Meinung ſey; Allein ein jeder, voraus ein Incipient, hat ſo viel Nachdenckens und Erfahrung nicht, ja, es koͤn- nen Saͤtze vorkommen, da es der muſicaliſche Context nicht ſo gar deutlich weiſet, und der beſte verfuͤhret werden kan. Z. E. Del Sigre. Ceſarei. e. Keiser. nell’Opera Inganno Fedele. §. 16. §. 16. Wenn nun eine ſolchergeſtalt bezeichnete Note, nach ihrer eigentlichen Bedeutung, juſt ſo beſchaffen iſt, daß ſie fremd und mal à propos klingen wuͤrde, ſo kan man noch bald mercken, daß der Verfaſſer eine ſolche Note nicht gemeynet habe; iſt es aber ein bA oder bE, als welche gar gewoͤhnlich vorfallen, ſo gibt es wuͤrcklich Confuſion, wie ich ſolches inſonderheit bey unpartheyiſchen ecoliers ſelbſt offt mit Verdruß erfahren habe. Alles, was einen Jrrthum und Ver- druß verurſachen kan, das ſoll und muß abgeſchaffet werden. So lautet in Printzens Satyr. Componiſten, Parte II. Cap. VI. das zweyte Axioma, und das vierte, ſo auch hieher gehoͤret, iſt ſo eingerichtet: Ein jedes Zeichen ſoll von dem andern unterſchieden ſeyn; das iſt, es ſoll nicht zwey oder mehr, ſondern nur ein Ding andeuten. §. 17. Oben ſtehen Exempel vom bA; Bey dem e ſiehet es noch wunderlicher aus, wenn daſſelbe durch ein ♯ erhoͤhet worden und wieder zuruͤck in ſeine natuͤr- liche Stelle treten ſoll; deßwegen ich auch bemercke, daß der Herr Capellmeiſter Keiſer das b lieber gar dabey weggelaſſen hat, wenn er pag. 54. del’Inganno fe- dele folgenden Satz anbringet: §. 18. Dahingegen wohlgedachter Autor ſich des ♮, nicht nur bey dem eigentlichen h, ſondern auch bey dem e gar vielfaͤltig bedienet Vid. Erleſene Saͤtze pag. 41. & 55. wenn ſolche Claves vom b oder dis wieder hinauf in ihre natuͤrliche Stelle treten ſollen; wodurch denn ja der uſus des ♮ ſattſam gebilliget und aſcendendo behauptet wird, weil ſich an ſolchen Orten das ſonſt alles erhoͤhende ♯ nicht gerne meldet. Was nun aber ſol- chergeſtalt das ♯ aſcendendo verliehret, wenn die Note ihren natuͤrlichen oder gewoͤhnlichen Klang wieder haben ſoll, das kan auch billig dem b deſcendo entzo- gen, und in dieſem Fall lieber das ♮ genommen werden, weil bey beyden Vor- faͤl- faͤllen, ſo wohl im Steigen als Fallen, der Endzweck einerley iſt, nemlich dieſer: Daß die Note ihren vorigen alten und gewoͤhnlichen Sitz, es ſey fal- lend oder ſteigend, wieder einnehmen ſoll. Daher es denn ein Jrrthum iſt, wenn man ſchreibet: das ♮ erhoͤhe, und das ♯ auch. Warum ſolte man zwey ſigna zum Erhoͤhen haben, da es eins beſtellen kan? Aber es verhaͤlt ſich nicht ſo, ſondern wie geſagt: Das ♮ hebt alle Erhoͤh- und Erniedrigung auf, und zeiget an, daß die Note wieder in ihre rechte Natur trete. Koͤnte ſolches das b oder ♯ allenthalben fuͤglich und ohne Zweydeutung verrichten, ſo moͤchte man des ♮ gerne muͤßig gehen; nam ſigna non ſunt multiplicanda præter neceſſitatem, allein wir haben aus obigen wahrgenommen, daß es ſich nicht gar zu wohl thun laſſe; dahero, weil das ♮ allen Zweifel hebet, und man es an einem Orte ohne Scrupel gebrauchet, ſoll man es von dem andern, da es einerley Zweck und Ab- ſicht fuͤhret, keines weges relegiren. Jſt demnach das ♯ ſignum intenſionis, das b ſignum remiſſionis, und das ♮ ſignum reſtitutionis, damit alſo ein jedes Zei- chen ſeine eigentliche Bedeutung, und jedes Ding ſein eigentliches Zeichen habe. §. 19. Jch kehre wieder zum Propos wegen der Chromatum, und bemercke, daß Mſr. de St. Lambert noch eine andere Invention hat, da er nemlich, vorne auf den Linien, gleich das eine ♯, von dem andern auf derſelben Stelle befindlichen, mittelſt eines Durchſchnitts, ſepariret. Mit dem b hat er auch eine ſolche Ver- doppelung, und kan die Sache in conſideration gezogen werden. Seine Sy- ſtemata, bey welchen er ſich ebenfals des x bedienet, ſehen Z. E. ſo aus: Notenbeispiel, nicht codiert: im Baßschlüssel eine Vorzeichnung aus Kreuzen, darüber ein x; nach einem Taktstrich zwei weitere Kreuze und das Zeichen ₵. B Fa Si Dieze mineur. Nach unſrer Redens-Art: C mol, dafuͤr es ſchwerlich jemand ſo leicht anſehen ſolte. Notenbeispiel, nicht codiert: im Baßschlüssel eine Vorzeichnung aus ♭; nach einem Taktstrich zwei weitere ♭ und das Zeichen ₵. G Re Sol Be mol mineur Jn unſerm kuͤrtzern Sylo: Fis mol. Oder Oder noch ein paar ſtaͤrckere: Notenbeispiel, nicht codiert: im Baßschlüssel eine Vorzeichnung aus Kreuzen, darüber ein x; nach einem Taktstrich vier weitere Kreuze. B Fa Si Dieze majeur (laconicè C dur.) Notenbeispiel, nicht codiert: im Baßschlüssel eine Vorzeichnung aus ♭; nach einem Taktstrich vier weitere ♭. F ut Fa Be mol mineur. (i. e. E mol.) Er bringet gleichwohl nur den Ambitum ſimpliciſſimum, oder die Gradus Octa- væ diatonæ, und ſonſt kein Exempel vor. Ob aber dieſe Verdoppelung der ♯ und b nicht mehr Verwirrung machet, als wenn obberuͤhrter maſſen die Chordæ ele- gantiores mit einem x, in dem Lauff der Melodie, bezeichnet wuͤrden, laſſe jedem zum Urtheil uͤber. Wenn auch eine Verdoppelung des b noͤthig waͤre, (welches ich noch nicht erlebet) ſo koͤnte etwan, cum pace aliter ſentientium, das β dazu genommen werden, weil doch kurtzum alles Griechiſch ſeyn ſolle. Jch will par curioſité ein Exempel zweyer bb vor einer Note geben: §. 20. Mancher wird dieſen Diſcours fuͤr Grillenfaͤngerey und Kleinigkeiten, oder auch pro nimio achtẽ, und dabey glaubẽ, man koͤnne die Zeit wol mit wichtigern Betrach- tun- tungen zubringẽ; Allein, ein rechtſchaffener Liebhaber und ſeiner Wiſſenſchafft Be- fliſſener achtet es fuͤr keine Kleinigkeit, weñ er auch nur ein eintziges Puͤnctgen in der Sache, der er ergeben iſt, wo nicht verbeſſert, wenigſtens, wenn ihm etwas fehlet, den Mangel entdecket. Jſt ſonſt niemand damit gedienet, ſo kan es vielleicht der Ju- gend nutzen. Jch ſpreche mit jenem groſſen Mann: Quod ſi forte erunt, qui has mi- nutias contemnendas judicaverint, illi ſciant, nihil minutum aut leve eſſe, quod cum juventutis commodo conjunctum eſt. Morhoff. Polyhiſt. T. I. L. II. c. 13. c. 23. Zu dem finde ich in Printzens Phrynide eine Lection, eine ziemliche ſcharffe Lection, die hieher gehoͤret, da es P. II c. 19. §. 15. ſo lautet: „Es ſoll „ſich einer fuͤrſehen, daß er nichtes ſetze, das nicht ſeinen Grund in Muſica ſigna- „toria habe. Denn diejenigen, ſo hierinn pecciren, proſtituiren ſich nicht we- „nig; weil zu vermuthen, daß NB. der, ſo in ſolchen geringen Dingen ver- „ſtoͤſſet, gewiß ſonſt auch nicht viel verſtehe.“ So weit Printz. §. 21. Da mir bey Schlieſſung dieſes Wercks berichtet werden wollen, ob haͤtte ein gewiſſer Freund in Engeland, ein teutſcher Licentiatus Muſices, ſich ein ſo genanntes chromatiſches Clavier verfertigen laſſen, darauf er merveille machen ſoll; ſo kan nicht umhin mich daruͤber zu erfreuen, und zu wuͤnſchen, daß er viele Nachfolger haben moͤge. Wie ein ſolches Inſtrument aber eigentlich beſchaffen ſey, davon habe keine rechte Idée; zumahl mir der Nahme eines chromatiſchen Claviers keine Satisfaction geben kan, denn alle unſere Claviere haben ſchon die chromatiſche Octaven; Zweifele dannenhero, ob es in enharmoniſche claves oder gar in lauter commata habe dividirt werden koͤnnen, weil ſolches einen groſſen Raum erfordern wuͤrde. Eine commatiſche Eintheilung, davon oben §. 7. et- was erwehnet worden, will ich doch denen zu gefallen, die gar keinen Begriff von der Sache haben, allhie auf das groͤbſte Jch ſage auf das Groͤbſte, weil mir nicht unbekannt, daß Tonus minor 8--9 mehr als acht, und weniger als 9 commata, it. daß das hemitonium minus mehr als drey, und weniger als 4 commata begreifft, einfolglich das Ding noch nicht recht ausgemacht iſt. Vid. Zarlin. Vol. I. p. 169. Boet. L. III. c. 14. & 15. Derowegen man dieſe rude Vor- bildung ja nicht mit der accuraten Demonſtration aller und jeder Intervallorum bey heu- tiger Schwebung confundiren noch vergleichen muß. entwerffen: Diat. Diat. C D E F G A H c Chrom. Cis Dis Fis Gis B Comm. Schema, nicht wiedergegeben: über einer Reihe von Strichlein, den Commata (Comm.), die chromatischen (Chrom.) und darüber die diatonischen Stufen (Diat.) einer Octave. §. 22. So viel Strichlein als nun zwiſchen jedem Buchſtaben befindlich, ſo viel claves oder palmulæ, (Gallis touches) muͤſten zwiſchem jedem gebraͤuchlichen Intervallo eingeſchaltet werden, falls man ein commatiſches Es kan ſeyn, daß derjenige, von dem ich den Bericht des Engellaͤndiſchen Archicymbali habe, an ſtatt eines commatiſchen Claviers, von einem chromatiſchen geſprochen. Werck hervor bringen wolte. Daß demnach, wenn 53 in eine Octave kaͤmen, nothwendig das gantze Clavier, von vier Octaven, weniger nicht, als 112 claves haben wuͤrde, welches, in compendio zu thun, Kunſt erfordern duͤrffte, doch nicht ſo viel, als richtig darauf zu ſpielen. §. 23. Werckmeiſter macht in ſeiner Temperatur (nur zur Demonſtration) zwantzig Intervalla Vid. §. 7. pag. 240. , Neidhardt aber ſechs und zwantzig; welches im gan- tzen Clavier, nach der erſten Art 80, und nach der andern 104. Claves betragen wuͤrde; aber dennoch ſtarck in die commatiſche Eintheilung treten muͤſte. Wir behelffen uns inzwiſchen vors erſte noch mit 48 touches, in vier Octaven, und ha- ben beyde Haͤnde voll damit zu thun. §. 24. Zarlinus und Salinas, zwey der beſten Autorum Muſicorum, hielten nicht gar viel von dergleichen zerhackten Clavieren, die man in ſo ſchrecklich viele Intervalla eintheilete, ob wohl der erſte Volum. I. Inſtit. harmon. pag. 172. ein Grauecembalum vorſtellig macht und abmahlet, das er ſich Anno 1548 zu Venedig, von Meiſter Domenico Peſa- re- reſe, verfertigen laſſen, und vermuthlich nicht ſo wohl zum Spielen, als ſtatt eines Probier-Seins (wie ſeine Worte lauten) gebraucht hat. Es enthaͤlt daſſelbige zwo Octaven, in deren jeder, incluſivè, 20 touches, oder claves, uͤberhaupt aber 39 befindlich. Es faͤngt unten vom A an, und geht biß ins aa, nach der damahls uͤblichen Weiſe; hat in jeder Octave ein gebrochenes b, ein Intervallum zwiſchen h und c, ein doppeltes cis und dis, ein Intervallum zwiſchen e und f, und ein doppel- tes fis und gis, jedoch nur in zwey Ordnungen oder Reihen der Palmularum, Vid. §. 7. pag. 240. de- ren oberſte getheilet iſt, ausgenommen in den touches zwiſchen H und c. Item zwiſchen e und f, als die da nur halb ſo breit, und ungetheilet ſind. §. 25. Salinas, wenn er von dem genere enharmonico de Muſ. Lib. III. cap. 8. pag. 126. 127. handelt, und Exempla practica, als Meſſen, Moteten und Madrigalien anfuͤhret, die in ſolchem Genere wuͤrcklich, und in ſpecie von Joanne Montoni, geſetzt worden, gedencket: er habe ſolche enharmoniſch-getheilte Jnſtrumente zu Florenz geſehen und gehoͤret; das allervollkommenſte aber ſolcher Art, bey ſich zu Salamanca, welches in Rom ge- macht, und auf welchem alle drey Genera mit Fleiß demonſtrirt worden. Von der Demonſtration redet er; aber vom Spielen ſagt er kein Wort. Er giebt aber keinen Abriß noch fernere Beſchreibung dieſes Jnſtruments, daß man alſo nicht weiß, ob es mit dem Zarliniſchen einerley, oder von demſelben noch un- terſchieden ſey. §. 26. Des Salinæ Meinung geht ſonſt dahin, Vid. ej. Lib. III. de Muſ. cap. 27. pag. 166. circa med. daß man der andern Subſemi- tonien (wie ſie corrupte genennet werden) gar wohl entbehren koͤnne; allein, zwey muͤſte man doch nothwendig in jeder Octava hinzuthun, nemlich: eines bey dem dis, das andere aber bey dem gis, damit nicht (wie er ſpricht) quod nunc Inſtrumentorum defectui meritò adſcribitur, tunc ipſius Organiſtæ culpæ tribuetur. Man findet auch noch hin und wieder dieſe Diſpoſition in alten Orgel- wercken, Z. E. hier in Hamburg bey der Marie Magdalenen Kirche. Wobey denn denn einer anmercken kan, daß der Mann, welcher ſolche Eintheilungen verordnet, blind geweſen; Salinas geheiſſen; als Abt zu St. Pancratii; und auf der Academie zu Salamanca in Spanien als Profeſſor Muſicæ geſtanden, von welcher ſeiner Profeſ- ſion er ſieben ſchoͤne Buͤcher in Folio heraus gehen laſſen, die Anno 1577. daſelbſt gedrucket worden ſind. §. 27. Gewiß iſt es indeß, daß obige beyde beruͤhmte Autores durchgehends mehr von einem guten Temperament, als ſolchen, meiſt zur Speculation dienlichen, ge- brochenen Keiner muß hier unter den gebrochenen Jnſtrumenten etwan die Claveçins briſés verſtehen; denn dieſe kan man zuſammen legen und auf Reiſen mit ſich fuͤhren; jene aber werden nur in Anſehen der vielfaͤltigen palmu- larum ſo genennet. Jnſtrumenten gehalten haben, wiewohl ihnen die rechte Temperatura fehlete. Denn, da hat Salinas dreyerley Wege, das Comma einzutheilen, die er ſo wohl ſeparatim als conjunctim zu behaupten meynet, nemlich: in 2, 3, und 5. Theile; dabey denn halbe, drittel, viertel und ſiebtel Commata herhalten muͤſſen. Zarlinus aber bleibt bey ſieben particulis allein, nach Maßgebung der ſieben dia- toniſchen Klaͤnge. §. 28. Ein jeder hat nun hiebey ſeine rationes, und arbeitet mit halben und Quart- Commatibus drauf loß, daß es einem Wunder nehmen moͤchte; ſie zancken ſich, dem Anſehen nach, auch wohl ein bißgen darum, wer von ihnen der erſte Erfinder dieſer groben Streiche ſeyn ſoll, (wie etwann der Goldſchmidt und ſein Junge, die ſich einander in den Haaren fielen wegen eines kuͤnfftig zu findenden Stuͤck Goldes) wobey Ludovicus Follianus vom Salina pag. 164. & 228. einen Fang be- koͤmmt, Zarlinus hergegen, mit ſeinen zwoͤlff Fehlern, pag. 232. ſeq. noch ziemlich glimpflich abgefertiget wird. Wir wiſſen aber nunmehro, GOtt Lob! daß man, nach Maßgebung der zwoͤlff chromatiſchen Klaͤng, mit zwoͤlffteln vom commate, und mit keiner andern Eintheilung, zu verfahrene habe, wenn ein gutes und leidliches Temperament ſoll getroffen werden. Welches wir, der Erfindung nach, dem Herrn Neidhardt zu dancken haben. Mich ſoll verlan- gen, wer es dereinſt in allen Stuͤcken ad Praxin bringen wird. Die Herren Geo- metræ werden es ſchwerlich thun. Wie geſagt: Aurium ſuperbiſſimum judi- cium muß gebraucht werden. §. 29. Salinas ſchreibt ſonſt im dritten Buch ſeiner Muſic ein gantzes Capitel Es iſt das ſieben und zwantzigſte Capitel des dritten Buchs. uͤber die Erfindung eines Jnſtruments, das die Octavam in 13Lies: 31; so in der Ausgabe von 1731. Theile darleget, und und refutiret es unter folgendem Titel: De prava conſtitutione cujusdam Inſtru- menti, quod in Italia citra quadraginta annos fabricari cœptum eſt, in quo repe- ritur omnis Tonus in partes quinque diviſus. Nach ihm hat Merſennus auch den Lunten gerochen, und haͤlt eben ſo wenig davon. Das Jnſtrument hat man Archicymbalum geheiſſen, und iſt geweſen incerti Autoris. Monſr. Huygens glaubet zwar, daß ſich beyde, Salinas und Merſennus, betrogen haben, er aber al- lein auf dem rechten Wege ſey, und die 31 gleiche Theile der Octavæ nicht nur de- monſtriren, Voy. Hiſtoire des Ouvrages des Scavans, Octobre, 1691. ſondern leicht, neſcio quo azylo ignorantiæ, ich weiß nicht mit welcher Art aufgeſetzter und beweglicher Claviere, ad Praxin bringen koͤnne. Al- lein, weil der gute und gelehrte Mann noch immer mit Quart-commaten und groͤ- bern Sachen handelt, mag ich ihm keinen Beyfall geben, wenn er auch die loga- rythmiſche Rechnung beſſer, als ein Menſch in der Welt, verſtuͤnde; Halte es herge- gen in dieſem Stuͤck zehnmahl lieber mit einer guten Temperatura, es muͤſte denn erſt naͤhere Nachricht einlauffen. §. 30. Denn, wenn man auch (ſagt Werckmeiſter pag. 70. ſeiner Temperaturæ Monochordi) 100, oder 1000 Subſemitonia in ein Clavier machte, ſo wird doch die Zuſammenbindung der Harmoniæ unvollkommen und lahm ſeyn und bleiben. Jch bin auch, mit Submiſſion vor diejenigen die kluͤger ſind, eben derſelben Mei- nung, und pflichte den Worten obgedachten Autoris bey, die er kurtz vorher anfuͤh- ret, alſo: Darum hat es GOtt ſo weißlich geordnet, und unſer Ge- muͤth alſo zugerichtet, daß es NB. mit einer guten Temperatur zu frie- den iſt; ja, GOtt hat alles, was in der Natur iſt, in die Temperatur geſetzt, warum wolten wir dieſelbe aus der Muſic verbannen und ver- werffen, znmahl es nicht anders ſeyn kan. ꝛc. Der Hr. Neidhardt in ſeiner beſten und leichteſten Temperatur p. 27. gibt es auf dieſe Art: Es bleibet aus- gemacht, daß es wieder alle Gruͤnde der Natur lauffe, eine reine Scalam Diatonico-Chromaticam zu wuͤnſchen, geſchweige zu haben. Man kan ja die Diatonicam nicht einmahl reine haben, welche man doch bey Er- findung einer Diatonico-Chromaticæ zum Grund ſetzen muß. ꝛc. Hiebey mag der geneigte Leſer conferiren, was in unſerer Vorbereitung §. CLXII. ſeq. von der Temperatura Practica des Herrn Sinnes angefuͤhret worden iſt. §. 31. §. 31. Was ſonſt bey unſerm letzten Prob-Stuͤck inſonderheit zu erinnern vorfallen moͤchte, iſt wenig, und koͤmmt das meiſte darauf an, daß die Achtel, davon die- ſesmahl drey auf ein Viertel gehen, alleine ſpielen, und zur erſten Note derſelben nur das ge- hoͤrige oder uͤbergezeichnete angeſchlagen werde. Viele Kuͤnſte bey dergleichen Tonen ſehen zu laſſen, leidet wohl der Umſtand bishero nicht; jedennoch koͤnte bey den Caden- cen, als nemlich, im fuͤnfften, ſechzehnten, und fuͤnff und dreyßigſten Tact, etwas gebroche- nes gar zierlich angebracht werden. Jch will es aber, wie durchgehends alle ſolche Auszie- rungen und embelliſſemens, nicht als ein requiſitum beym gewoͤhnlichen Accompagnement, ſondern als eine galante Zugabe bey der Probe, beym exercitio, und bey erſehener Gelegenheit, be- trachtet haben, weil ich voͤllig in dieſem Stuͤck mit Mſr. Lambert uͤbereinſtimme, wenn er ſich, p. 58. ſeines offt angefuͤhrten Werckes vom General-Baß, alſo heraus laͤſſt: Quand les Baſſes ſont peu chargées de Notes, & qu’elles trainent trop au gré de l’Accompagnateur, il peut y ajouter d’autres notes pour figurer d’avantage, pourvû qu’il connoiſſe que cela ne fera point de tort à l’Air, & ſur tout à la voix qui chante. Car l’accompagnement eſt fait pour ſeconder la voix, & non pas pour l’etouffer ou la defigurer par un mauvais carillon. Il y a des Accom- pagnateurs qui ont ſi bonne opinion d’eux memes, que croyant valoir ſeuls plus que le re- ſte du Concert, ils s’efforcent de briller par deſſus tous les concertans. Ils chargent les Baſſes continues de Paſſages; ils figurent les Accompagnements & font cent autres choſes qui ſont peutetre fort belles en elles mêmes; mais qui pour lors nuiſent extremement au Con- cert, & ne ſervent qu’à montrer l’habile vanité du Muſicien qui les produit. Quiconque iouë en Concert doit jouer pour l’honneur & la perfection du Concert, & non pas pour ſon honneur particulier. Ce n’eſt plus un Concert, quand chacun ne joue que pour ſoy. „d. i. Wenn der Baß wenig Noten hat, und nach des Accompagnateurs Sinn zu ſehr ſchleppet, „kan er die Noten variiren und figuriren, dafern er weiß, daß ſolches der Melodie, inſonderheit aber „NB. der Sing-Stimme nicht nachtheilig faͤllt. Denn wer accompagniret, der ſoll der Stim- „me zu Huͤlffe kommen, keinesweges aber dieſelbe unterdruͤcken, oder durch ein ungeſchicktes Geklaͤn- „gel verſtellen. Es gibt Leute, die ſo gute Meinung von ſich ſelbſt hegen, daß ſie dencken, das gantze „Concert ſey ſo viel nicht werth als ſie allein, und laſſen ſichs ſauer werden, fuͤr allen andern hervor zu „ragen. Die Baͤſſe uͤberhaͤuffen ſie mit Paſſagen; Das Accompagnement verbraͤmen ſie hin- „ten und vorn, nehmen auch dabey noch hundert andere Sachen vor, die vielleicht an und vor ſich „ſelbſt ſehr ſchoͤn ſeyn moͤgen, aber dennoch, bey ſo bewandten Umſtaͤnden, dem Concert ſchaͤd- „lich ſind, und zu nichts anders dienen, als die gekuͤnſtelte Ruhm-Sucht des Spielers zu bezeugen. „Wer demnach in einem Concert ſpielet, muß ſo ſpielen, daß es dem gantzen Concert zur Ehre und „Vollenkommenheit gereiche, und nicht ſo, daß er nur allein Ehre davon haben moͤge. Wenn jeder „nur fuͤr ſich, und in ſeiner eigenen Abſicht ſpielet, ſo iſt es kein Concert mehr.„ §. 32. Jch will dieſen gantz geſunden Sentimens noch hinzufuͤgen, daß, wer nicht im Con- cert, ſondern zur Probe, oder etwan hie und da viele Taͤcte allein ſpielet, ſo ſpielen muͤſſe, daß nicht nicht nur die andern, ſondern hauptſaͤchlich er, der auf die Probe ſpielet, Ehre davon haben moͤ- ge. Denn, wenn ſolcher Geſtalt einer fuͤr ſich, und in ſeiner eigenen Abſicht ſpielet, ſo ſoll und darff es kein Concert heiſſen. Wiewohl auch durch das Wort Concert ſelbſten angedeutet und erfor- dert wird, daß ein jeder ſeine beſten Kuͤnſte gebrauche, und mit den andern gleichſam um den Preiß certire, kaͤmpfe, oder ſtreite. §. 33. Nun muß es wohl vor diesmahl geſchieden ſeyn, mein lieber Leſer! Wer einen Leſer nennet, nennet eine Perſon, deren ſaures Geſichte und ſtoͤrriſches Weſen alle Annehmlichkeiten verjaget; ei- nen Richter, der ſich aus anders keiner Urſach auf den Stuhl zu ſetzen ſcheinet, als einen Autorem nur zu verdammen; einen unbeſtaͤndigen Freund, der ihm die vorher geſchenckte Gunſt den Augenblick wieder entziehet, ſo bald ein Woͤrtgen kommt, das ihm nicht anſtehet. Da iſt dein Portrait, mein lie- ber Leſer! Urtheile nun, ob ich Muͤhe habe, dich zu verlaſſen. Du ſieheſt wohl, daß ich dich gar nicht ſchmincke. Jch bin kein Autor der Luſt hat dir zu Fuſſe zu fallen; es waͤre alles, was man vor einer ſchoͤnen Leſerinn thun koͤnte. Haſt du mich nun in dieſem Buche von oben biß unten ſpoͤttiſch genug betrachtet, ſo glaube, daß ich eben ſo fier, und noch wohl ſproͤder ausſehen kan, als du. Es koͤnte aber doch wohl ſeyn, daß ich dir hin und wieder nicht gaͤntzlich mißfallen haͤtte. Wohlan, ſind wir mitein- ander nur einigermaſſen zu frieden, ſo will ich dir, meinem Verſprechen nach, bey Gelegenheit noch manchen guten Rendesvous geben. Vielleicht erſcheinet dereinſt eine Organiſten-Probe in einem andern Artickel, wenn man dieſer ihre Fata erſt erlebet haben wird. Jch will mich indeſſen des Leſers und Spielers Andencken, ſo viel einer oder der andere davon zu miſſen hat und ich brauche, empfohlen; alle rechtſchaffene Organiſten meiner freundlichen Dienſte nochmahls verſichert, den Lehrbegierigen meinen aͤuſſerſten Beyſtand angebothen; den Hudlern und Stuͤmplern aber ein rechtes, ſtarckes Ge- fuͤhl ihres Unvermoͤgens, und fleißige Beſſerung angewuͤnſchet haben, der ich ein aufrichtiger Befoͤr- derer muſicaliſcher Wahrheiten lebe und ſterbe: Mon Lecteur jusqu’au revoir, Ie ne me mets en fraix que d’un petit bon ſoir, Si j’ai gagné ta bienveuillance, Nous nous verrons au même lieu; Si je ſuis honoré de ton indifference, Je te préſente un grand Adieu. Heur. perd. du Ch. de R. ENDE. Re-