Johann Mattheson: Probstück 10 (Edition 1731). Ed. by Niels Pfeffer and Klaus Rettinghaus. In: Probstücke Digital, version 1.0.0. https://probstuecke-digital.de/ps10-002/.
Der Ober-Classe zehntes Prob-Stück. Erlaͤuterung. §. 1. DJe erſte Zeile dieſes Stickes ſpielet man nur mit Octaven im Baß, und loͤſet die Septime ein wenig zierlicher auf, als gewoͤhnlich. Nach Verflieſſung zweer Taͤcte, in der andern Zeile, koͤm̃t der Haupt-Satz wieder vor; jedoch veraͤndert, wobey ſonſt nichts beſonders zu bemercken. Jm ſiebenzehenden Tact wolle man aber den daſelbſt anhebenden Lauff wol in acht nehmen, und ſich denſelben feſt eindruͤcken, weil ihn die rechte Hand hernach gebrauchen wird. §. 2. Bey dem ein und zwantzigſten Tact faͤllt der Haupt-Satz in die Repercusſion der Quint, wobey abermahl, wann es nur fein rein geſpielet wird, nichts buntes noͤ- thig iſt. So dann hat man im ſechs und zwantzigſten Tact den oberwehnten Lauff in der rechten Hand, gleich mit dem Schlag der Septime in die Quint anzubringen, und damit drey Tacte, bey vollen Griffen des Baſſes, fort zu fahren. Vom neun und zwantzigſten biß zwey und dreyßigſten Tact wird ſo ſtarck geſchlagen, und zu jeder Note das gehoͤrige ſo vollſtimmig angebracht, als nur immer moͤglich iſt. Will man die geſchwinde Brechung mit beiden Haͤnden um einander hier gebrauchen, wird es nicht ſchaden koͤnnen. §. 3. Der drey und dreyßigſte Tact hebt eine neue Erfindung an, und erfordert, daß daß die rechte der lincken auf canoniſche Art, daß iſt, Note vor Note, nachfolge, wenn dieſe erſt drey Schritte voraus genommen hat: und damit waͤhret es biß im ſie- ben und dreißigſten Tact, alwo die im dreizehenten Tact vorgeweſene Wendungen, gleich als ein Zwiſchen-Spiel, durch die Quart wieder angebracht werden. §. 4. Nach Verflieſſung vier Menſuren ergreifft der Baß abermahl den vorer- wehnten Lauff in der Verſetzung, welchen man ſich gleicher Geſtalt wol zu mercken hat: weil er hernach noch einmahl in der rechten Hand zu gebrauchen ſeyn wird. Etwa im ſechs und viertzigſten Tact erſieht man das erſte Thema und zwar auf eine zweite Art veraͤndert, wobey zu beobachten, daß die Septime und ihre Auf- loͤſung auf dieſelbe Weiſe veraͤndert und gebrochen werden koͤnnen, wie aus beigeſetz- tem mit mehrerm zu erſehen iſt: §. 5. Nach dieſem Satz kommt der offtgemeldete Lauff mit der rechten Hand gleich zu dem groſſen C in der Quinte vor, und wird damit biß in den vierten Tact fortgefahren; jedoch, wie allezeit geſchehen muß, mit vollſtimmigen Griffen im Baß. §. 6. Zum Beſchluß folget was ſchon im neun und zwantzigſten biß zwey und dreiſ- ſigſten Tact geweſen, und wird mit allen Kraͤfften, ſo vollſtimmig als muͤglich, auch wol durch die Brechung mit beiden Haͤnden, geſpielet. Was dieſer Brechung eigent- lichen Gebrauch betrifft, angeſehen dieſelbe ein groſſes Geraͤuſche macht, und die durchdringenſte Art zu ſpielen auf dem Clavier iſt, ſo muß dieſelbe nirgend an- derſt, als in vielſtimmigen Sachen, wie da ſind, ſtarcke Concerten, Ouverturen, Symphonien, und Choͤre, angebracht werden, zumahl wo ein forte und tutti ſte- het; denn ſonſt wuͤrde alles dadurch gar leicht uͤbertaͤubet und verdorben werden. Statt anzufuͤhrender Sachen aus fremden Verfaſſern kan folgende Arie dienen. Aria Jch laſſe dieſe recht ſchoͤne Arie aus verſchiedenen wichtigen Urſachen hier ein- flieſſen: (1) damit ſich einer druͤber mache, und ſelbige ſolmiſire; (2) weil ♭D, ♭G, ♭C und ♭F haͤuffig darinn vorkom̃en; (3) weil der letzte Theil beides im Dis mol und im Gis mol theils modulirt, theils abſetzet; (4) weil es einen groſſen Meiſter erfordert, dieſe Arie, ohne Bezieferung, richtig zu accompagniren: maſſen dem ſiebenden, achten, neunten und zehnten Tact keiner ihr Recht thun wird, der nicht aus dem drey und ſechtzigſten und folgenden erſehe, wie jene muͤſſen behandelt werden; und (5) weil auf der vorhergehenden Seite, im andern Tact der zweiten Zeile, in der Sing-Stimme, und denn im zehnten und dreizehnten Tact des letzten Theils, das erſtemahl pag. 358. tact. penult. uͤber der Sylbe ne, das andermahl pag. 359. tact. 2. uͤber der Sylbe ven-ein Intervallum vorkoͤmmt, das unter die ſoge- nannte gebraͤuchliche wol eben nicht zu zehlen iſt, und dennoch weiſet, wie ſich ein geſchickter Meiſter deſſen wol bedienen koͤnne. Es iſt eine kleine None, in Anſehung der Grund-Stim̃e, und ich geſtehe es gerne, die erſte die ich damahls, in einer Melodie, auf ſolche Art, gefunden oder auch brauchbar geglaubet habe. So iſt auch der Schluß des erſten Abſatzes in die Septime etwas merckwuͤrdiges, und nichts alltaͤg- liches; daß ſie mich aber deßwegen ſonderlich entzuͤcken ſolte, zumahl, wann ich die Wiederhohlung betrachte, kann ich eben nicht ſagen: doch jeder hat ſeinen Ge- ſchmack. Elff-