Johann Mattheson: Probstück 19 (Edition 1719). Ed. by Niels Pfeffer and Klaus Rettinghaus. In: Probstücke Digital, version 1.0.0. https://probstuecke-digital.de/ps19-001/.
Der Ober-Classe neunzehntes Prob-Stück. Er- Erlaͤuterung. §. 1. HJer moͤchte nun wohl ein wenig Tactirens noͤthig ſeyn, zumahl vor einem, der nicht feſt im Sattel ſitzt. Jch zweifle aber, ob ein ſolcher ſelber ſchla- gen, oder ſich den Tact vorſchlagen laſſen wolle. Das andere waͤre meines Erachtens das beſte, ſo koͤnte man mit mehrer Attention das uͤbrige verrichten. Vom Tact-ſchlagen, wie ſolches dem Directori allein, und ſonſt keinem zuſtehet, beſiehe Printzens Satyr. Comp. II. Th. c. 18. §. 10. Jnzwiſchen bedarff ein Meiſter weder des einen noch des andern, wenn er allein ſpielet? und muß doch kein Haͤrlein fehlen, falls ihm nicht gepfiffen werden ſoll. §. 2. An den Orten dieſer Pieçe, wo die 6 ſo haͤuffig ſtehet, als wenns ih- rer aller Rendesvous waͤre, kan man, inſonderheit bey zweygeſchwaͤntzten No- ten, entweder mit der 6 allein, oder mit der Tertie zukommen, doch ſo, daß wenn die Sexte die geſchwinden Noten mit accompagniret, die Tertie nicht mangele, ſondern liege, & vice verſa, wo die Tertien mitlauffen, muß die Sexte auch gegenwaͤrtig in der Hand ſeyn. An welchen Orten aber die Sexte ſo geſchwinde abwechſele, und an welchem es die Tertie thun kan, ſolches will ich anmercken. §. 3. Jm andern und dritten Tact verrichten die Sexten die Expedition, und bleibt das fis, als die Tertie zum d, dabey beliegen, welche dann zum cis eine Quar- te, und folglich nichts unangenehmes, ſondern was galantes wird. Jm neun- ten und zehnten Tact hingegen thut ſich die Tertie mehr Muͤhe, und laͤſt die Sexte ruhen, welche zum fis zwar diſſonirte, wenn es langſamere Noten waͤren, da ſie aber geſchwinde durchgehen, und zuletzt bey der Tertie alles aufhoͤret, ſo kan daruͤber eben den Ohren nichts widriges begegnen; Bey dem andern Satz indeſſen macht die liegende Sexte zu den zwiſchen-ſpielenden Noten eine wohlklingende Quinte aus. §. 4. Wo der Tact mit einer Pauſe anfaͤngt, nemlich mit einer ſolchen da wird zu der darauf folgenden Note nichts, auch billig allhier nicht einmahl vor- geſchlagen; wiewohl ich hievon den Anfang ausnehmen will, und rede nur von den Vorfaͤllen im 7. 8. 12. 20. 21, 22. 29. 30. 31. 32. 33. 42. 45. 47. 48. und 27ſtenDie Zählung dieser Aufzählung weicht von Takt 19 an von der Partitur ab. Die Verweise folgen der berichtigten Aufzählung im Druck von 1731 (Takte 7, 8, 12, 19–21, 28–32, 41, 44–46 und 52); mit dem „27sten“ ist vermutlich der 27. Takt des zweiten Teils, also Takt 52, gemeint. Tact. Tact. Nun faͤnget zwar an allen dieſen Stellen der Tact nicht juſt mit der Pauſe an, es hat aber eben die Raiſon alda, daß zu der Note, welche auf die Pauſe folget, nichtes muß geſchlagen werden, weil ſie nemlich durchgehet, nich- tes ſonderliches zu bedeuten hat, und nur, nach der Abreiſſung, an ſtatt eines Haackens gleichſam dienet, wodurch eines ans andere gehaͤnget wird. §. 5. Jm funffzehnten Tact haben die Sexten wiederum die Schule, und lie- gen die Tertien nur ſtille; Beym drey und zwantzigſten faͤllt mir eine Manier ein, die in der lincken Hand gar offt kan angebracht werden, und ſolches um deſto mehr, weil uͤberhaupt im Baß ein groſſer Mangel am manierlichen Spie- len (als da ſind: gute ſcharffe Trilli, Vorſchlaͤge, Accente und dergleichen) beym Accompagniren geſpuͤhret wird. Dieſes, ſo ich hier notire, betrifft den Sprung in die Tertie auffwaͤrts, allwo man mehrentheils einen ſtarcken Schleuffer machen und dem hohen Ton dadurch eine ungemeine Force geben kan. Es muß aber ſolcher Schleuffer nicht, wie etwann beym Singen, ge- zogen, ſondern kurtz und etwas vehement gemacht werden, gerade als ob man die drey Finger zugleich hinſetzte, und nur einen nach den andern auff- hebte. §. 6. Es moͤchte einer im vier und dreyßigſten Tact Wunder dencken, woher ſich die harte Signatur ſchreibe, es iſt aber die Sexte zur folgenden Note, wel- che nur anticipirt und hiebey erinnert werden wollen, daß ſolches in dieſer Pie- çe offt geſchehen muͤſſe. Kan einer im ein und viertzigſten Tact mit der rechten Hand ein paar Noten canonicè vorher ſpielen und den Baß folgen laſſen, wird es nicht uͤbel ſtehen. Sonſt faͤllt wenig mehr zu mercken vor, das nicht mit dem, was bereits geſagt worden, eine Verwandſchafft haͤtte. §. 7. Aus dieſem Ton ſiehe eine ſchoͤne Sonata in Masciti Opera Terza, gra- virt bey Etienne Roger zu Amſterdam, es wird die Siebende ſeyn: Vid. Arc. Corelli, Livre II. Suite XI. Mſr. St. Lambert nennet dieſen Ton p. 29. F ut Fa Diéze mineur, und ſchreibet dabey: Rare. Fis mol iſt kuͤrtzer geſagt, und bey mir gar nichts rares. Zwan-