Johann Mattheson: Probstück 6 (Edition 1719). Ed. by Niels Pfeffer and Klaus Rettinghaus. In: Probstücke Digital, version 1.0.0. https://probstuecke-digital.de/ps6-001/.
Der Ober-Classe sechstes Prob-Stück. Vid. Keiſers Solil. p. 2. Erlaͤuterung. §. 1. ES iſt ſchon zuvor erinnert worden, daß alles, was man in dieſen Pieçen der rechten Hand gerne beylegen wolte, ſich entweder vor oder hernach im Baß dergeſtalt befindet, daß es nur darff hervorgeſuchet oder auch imitiret werden. Hier moͤchte man nun gerne wiſſen, ob einer ſo viel Nachdencken haͤtte, nach dieſer Anweiſung gegenwaͤrtiges Stuͤck zu tractiren, oder ob ihm alles Haar-klein vorgeſchrieben werden muͤſſe? Wer die Probe anſtellen will, der laſſe dieſe Erlaͤu- Erlaͤuterung ſo lange zuruͤck bleiben, bis er mercket, ob ſein Candidat das rechte Fleckgen getrof- fen, oder nicht. Hat ers; plaudite! Verfehlt ers; ſo wird ers muͤſſen geben laſſen, und ſich nach eingenommenem Unterricht weidlich wundern, daß er den Lunten nicht ſelber riechen koͤnnen. Mancher wird eben ſo eine Naſe auffwerffen, als Lutheri Geſellſchafft, wie er ihr das Ey ſte- hend machte, und ſagen: O! iſt es nichts anders als das? ich dachte Wunder, was es ſeyn wuͤr- de. Mit ſolchen Anweiſungen gemahnet michs faſt eben, wie mit Artzneyen, die man ſehnlich ver- langet, und wenn ſie geholffen, gerne wiſſen wolte, woraus ſie beſtanden. Erfaͤhret man denn, daß es lauter ordinaire Ingredientien geweſen, ſo verliehrt man ſchon den Reſpect fuͤr die Me- dicin, ob ſie gleich noch ſo gute Wuͤrckung gehabt hat. Das ſind lauter Vorurtheile; man laſſe dieſelbe, ſonderlich in der Muſik, fahren, und judicire die Sachen, gewiſſer maſſen, nach keinen an- dern Principiis, als nach dem Wohl- oder Ubellaut, die Einrichtung mag kuͤnſtlich oder ſchlecht, bunt oder einfaͤltig gerathen; gnug, wenn es gut klingt. § 2. Geſchaͤhe es nicht andern ehrlichen Leuten zu gefallen, die ſich dieſes Werckleins auch be- dienen moͤchten, ich kan verſichern, meine gute Organiſten und ihre Burſche ſolten noch ein weilgen zappeln, ehe ſie erfuͤhren, wo Bartold hier den Moſt holet; Jch wuͤrde Anſtand nehmen, ihnen ſo- gleich zu ſagen: daß die vierzehn Taͤcte, ſo der Baß vorher ſpielet, Note vor Note in der rechten Hand zu den folgenden dreyzehen Taͤcten nachgeholet, und nur zum vierzehnten und funffzehnten ein wenig veraͤndert werden koͤñen. Nun wird mein Organiſte dencken, iſt das das ſchoͤne Geheimniß? Das iſt ja was ſchlechtes! Habe ichs nicht geſagt, es wuͤrde ſo kommen? Doch ſinge noch keine Victo- rie, ehe der Triumph da; laß hoͤren, wie klingt es? Zoͤgere nicht, perge, mein lieber, perge; bedencke die lincke Hand dabey; laß den Baß nicht ſo kahl daher treten; Kanſt du die Concor- dantien nicht ſo geſchwinde finden, muſt du wenigſtens Octaven-weiß damit procediren, bis endlich zur Cadence ins c mit Ehren gelanget ſeyn wird. §. 3. Nun ſind noch neun bunte Taͤcte im Baſſe; und obgleich hin und wieder eine Species ausgelaſſen, ſo wird man doch wohl urtheilen, wohin etwann eine Sexte oder b5 gehoͤre. Aber weiter im Text. Was ſchlaͤgſt du denn zum d und deſſen zweyen Viertel-Pauſen? Ja, was zu den folgenden fuͤnff oder ſechs Taͤcten? Nimm dirs aus den vorhergehenden, jedoch dißmahl nicht Note vor Note; ſtolpere auch nicht, ich rathe dirs. Du ſieheſt wohl, daß in den neun Taͤcten, die ich (Apollo verzeih mirs) bunt genennet, nach dem ſechſten Tact die Paſſage ſich etwas we- niges umkehret; ſolches wird mon Maitre auch belieben zu imitiren, wenn er an den fuͤnfften Tact der ſogenannten ſchlechten Noten koͤmmt. Kañ einer nach dieſem die letzten zwoͤlff Taͤcte in der rechten Hand, bey guter Proportion, Tertien- und Sexten-weiß mitnehmen, ſo wird es zu lo- ben ſeyn, und von ihm heiſſen koͤnnen; Er hat ſein Sach ſchon recht gethan. Sieben-