Johann Mattheson: Probstück 12 (Edition 1731). Ed. by Niels Pfeffer and Klaus Rettinghaus. In: Probstücke Digital, version 1.0.0. https://probstuecke-digital.de/ps12-002/.
Der Ober-Classe zwölfftes Prob-Stück. Erlaͤuterung. §. 1. JSt was ſchweres in dem gantzen Werck dieſer Organiſten-Probe, ſo muß ich wol geſtehen, daß es vieleicht das funfzehnte Exempel der Mittel-Claſſe, und denn dieſes zwoͤlffte der Ober-Claſſe ſeyn koͤnnte. §. 2. Jm gegenwaͤrtigen beruhet dennoch die meiſte Schwierigkeit ohne Zweifel auf die fremden, oder fremd-vermeynten Schluͤſſel: maſſen eben deßwegen, mit gu- tem Vorbedacht, nur der hohe Baß und hohe Alt gewehlet worden ſind, damit ein fleiſſiger Spieler deſto geuͤbter in dieſen, der Rede nach, ungewoͤhnlichen Tonen und Schluͤſſeln werden moͤge. §. 3. Die beſte Warnung, ſo ich einigen guten Freunden bey gegenwaͤrtiger Gele- genheit geben kann, iſt fuͤr das erſte dieſe: daß ſie ſich vorſehen, wenn gewiſſe Spruͤnge aufſtoſſen, deren man gleich etliche, im erſten, dritten, vierten, fuͤnften Tact, und wei- ter hin, antreffen wird; denn ſie ſind nicht in die bloſſe Octave, wie ſie einem jeden ſonſt wol haͤuffig und taͤglich aufſtoſſen, ſondern etwas weiter von einander entfer- net, ſo wie man ſie offtmahls fuͤr Viol-di-Gamben findet. §. 4. Fuͤr das andere halte ich den Finger auf den Anfang des zweiten Theils dieſes Prob-Stuͤcks, und bitte inſtaͤndig, man wolle ſich daſelbſt in Acht nehmen, und nicht viel nach andern Dingen umſehen. Es ſtehen nur bloß die Secunden uͤber die Noten geſchrieben, weiter nichts; das andere muß nunmehro ein aus der Mittel- in die Ober- Claſſe Claſſe getretener Lehrling von ſelbſten wiſſen, ob nehmlich die dazu gehoͤrige Quart entweder groß oder klein ſeyn ſoll, nach dem es die Natur und Eigenſchafft eines jeden Klanges, und der Ton-Art, zu welcher er gehoͤret, mit ſich bringet. Wird die Ton- Art veraͤndert, in Anſehung der Melodie, ſo ſetzt man gerne die erforderte Ziefern auf das deutlichſte daruͤber; wo nicht, koͤnnen deren einige mit allem Rechte wegblei- ben, indem der Spieler die Bewandniß und Natur ſeines Tones kennen muß, auſſer welcher hier ſonſt nichts geſuchet wird. Unter uns geſagt, will ich doch ſo viel Licht geben, daß zu der fuͤnfften Note, im zweiten Tact des erwehnten andern Theils, die groſſe Quart (4+) gehoͤret, und zwar zur Vermeidung einer ſogenann- ten falſchen Relation oder Klang-Folge in verſchiedenen Stimmen, kurtz auf ein- ander, die allhier zwiſchen dem bloſſen g und dem ein b vor ſich habenden g ent- ſtehen wuͤrde. Mattheson scheint hier seinen eigenen hohen Bassschluͤssel als einen normalen falsch gelesen zu haben. §. 5. Wenn auch im fuͤnfften Tact des zweiten Theils eine Sext uͤber der letzten Note des dritten Viertels ſtehet, ſo folget alhier und dieſesmahl nicht daraus, daß ſie auch zu gleicher Zeit mit derſelben Note vernommen, ſondern es erfordert viel- mehr die Zierde und der Zuſammenhang, daß beſagte Sexte zu der vorhergehen- den Note angeſchlagen werde. Es iſt zwar ſchon oben von dieſer Voraus-Neh- mung eines und anders erwehnet worden; allein es ſtehet zu vermuthen, daß man nicht gerne ſo weit zuruͤck gehen, und dieſe Erinnerung, ſamt deren Urſache, daſelbſt ſuchen werde. Mit verſchiedenen andern Vorfaͤllen gleicher Gattung in dieſem gegenwaͤrtigen Prob-Stuͤck hat es auch eben dieſelbe Bewandniß. §. 6. Jm ſiebenden Tact des letzten Theils koͤmt eine Erfindung vor, welche einige Taͤcte herdurch fortgeſetzet, und nach zwiſchen-ſpielender Abwechſelung klei- ner Neben-Saͤtze im vierzehnten Tact abermahl angebracht wird: bey denſelben Gaͤngen und Spruͤngen habe nur anmercken wollen, daß weiter keine Kuͤnſte da- zu erfordert werden, als bloß dieſe; daß man zu jedem Viertel einen eintzigen Schlag thut, ſo wie ihn entweder die Natur und Eigenſchafft des Tons, oder auch die uͤ- bergeſetzte Bezeichnungen, an die Hand geben. Es iſt aber wol zu verſtehen, daß dieſer eintzige Schlag zur erſten Note eines jeden Viertels, und ſonſt zu keiner von den dreyen uͤbrigen, geſchehen muͤſſe. §. 7. Man mag ſich auch, um der im vierten Abſatz dieſer Erlaͤuterung be- reits angefuͤhrten Urſachen halber, den elfften Tact des mehr erwehnten zweiten Theils Theils dieſes Prob-Stuͤckes, nicht weniger den zwey und zwantzigſten, auch den drey und zwantzigſten Tact deſſelben Theils mit Fleiß mercken, damit es an ſol- chen Stellen, wegen der uͤberſtehenden Ziefern, ſeine voͤllige Richtigkeit erhalte. Jnſonderheit beliebe man, bey einer Probe, auf den dritten Tact vor dem Schluſ- ſe ſcharff aufzupaſſen, und wenn es da nicht ſtocket oder an ein Stolpern gehet, den Spieler zu loben. Bey der allererſten Note des angezeigten Tacts wird es vermuthlich etwas weniges ins Stecken gerathen: ich weiß es aus der Erfahrung; und wenn andre dieſelbe um Rathfragen, werden ſie die Angabe wahr befinden. Jndeſſen ſind gleichwol die Vorfaͤlle ſo natuͤrlich angebracht, und alle von der Be- ſchaffenheit uͤberhaupt, daß, wenn man verſtaͤndigen Leuten nur einmahl ſagt, wor- an es hie und da liegt, ſo begreiffen ſie es gleich und gar leicht; wenn einige nur als- denn bekennen wollten, daß ſie es zuvor nicht recht eingeſehen und gantz anders ver- ſtanden haͤtten. Die es koͤnnen und wiſſen, denen wird hier nichts vorgeſchrieben. §. 8. Ob nun zwar aus dieſem Ton, in ſo fern er zum Grund-Ton eines Stuͤ- ckes oder Geſanges ſtehen ſoll, ſelten etwas zum Vorſchein koͤmt (wiewol es doch auch ſo gar an gedruckten Beiſpielen nicht mangelt, wie wir bereits in der Mittel- Claſſe an gehoͤrigem Ort geſehen haben) ſo treten doch alle Stuͤcke aus dem F moll gar ſtarck in das bA, als in die natuͤrliche Tertz, ein und aus: derowegen denn ein General-Baſſiſt nothwendig auch in dieſer Ton-Art, wenn ſie gleich nicht zum Grunde ſtehen, ſondern nur, als eine Anverwandtinn, herbeigefuͤhret werden ſollte, wol beſchlagen ſeyn muß. Man beſehe und unterſuche nur noch einmahl die vor- hin, auf der 356ſten Seite, angefuͤhrte Marcelliſche Arie, ſo wird ſich die Wahrheit des geſagten von ſelbſt erweiſen. §. 9. Ja, was rede ich vom F moll viel? der ſo gar bekannte und taͤglich aufſtoſ- ſende C moll weichet zum oͤfftern ins bA, als in ſeine natuͤrliche Sext, aus. Zu deſſen Beweiß kann, unter tauſend andern Sachen, eine gewiſſe Cantate von dem Capell-Meiſter Haͤndel dienen, die zwar nicht gedruckt, aber in vieler Leu- te Haͤnden und ſehr bekannt iſt. Sie fuͤhret die Aufſchrifft: Lucretia, und die An- fangs-Worte heiſſen: O Numi eterni &c. aus welchen Umſtaͤnden man ſie leicht kennen wird. Die zweite Arie in beſagter Cantate hat gleich, bey Anhebung des an- dern Theils, folgende Ausweichung: §. 10 §. 10. Jn dieſen wenigen Noten einer aus dem C moll gehenden Sing-Weiſe iſt der gantze Spren- gel des Gis, oder As dur, enthalten, und wer denſelben nicht, als eine eigne Ton-Art, kennet und uͤbet, der iſt auch nicht im Stande, nur angefuͤhrte anderthalb Zeilen recht zu ſpielen. Dergleichen Exem- pel gibt es inzwiſchen mehr, als man zehlen kann. §. 11. Wir muͤſſen aber noch ein Woͤrtlein von dem Gebrauch der Sext und Quart ſagen, in ſo fern derſelbe alhier manchem Ungriechen anſtoͤſſig ſcheinen will. Das ſoll nun darin beſtehen: daß, wenn ja ein eifriger Legaliſt die Sext und Quart hin und wieder etwas auſſerordentlich, und nicht nach der alten Weiſe, angebracht finden moͤgte, er um die Gutheit erſuchet wird, ſolchen fremd- ſcheinenden Gebrauch meiner wolgemeynten Abſicht beizumeſſen, die vor allen andern Dingen bey dieſem Werck dahin ziehlet, die Lernende deſto geuͤbter zu machen, und ſie feſt in den Sattel zu ſetzen. Wer nun was rechtes in der Reit-Kunſt thun will, von dem iſt bekannt, daß er auch bißweilen einen wilden, unordentlichen Springer beſchreiten muͤſſe. So auch hier. Jch haͤtte es leicht aͤndern, und viel legaler verfahren koͤnnen, als der aͤlteſte Contrapunctiſt aus der Spartaniſchen Schule; alleine die Legalitaͤt des Emerepes gilt lange ſo viel nicht, als des Juſtiniani ſeine: wel- che doch auch ihre Abfaͤlle und Zuſaͤtze leidet. Jn dem Punct der Sext und Quart bin ich alſo bey nahe der Ariſtoxeniſchen Meynung zugethan, die noch dieſen Tag bey allen Griechen ſo wol angenommen als ausgeuͤbet wird, und habe, wegen der Geſellſchafft der Sext, eine beſondre Hoch- achtung fuͤr die arme Quart, daß ich ſie, in ſolchem Fall, den uͤbrigen Diſſonantzen nicht gaͤntz- lich gleich halte; ſondern ihr bißweilen ein ſicheres Geleite verſtatte. Drei-