Johann Mattheson: Probstück 13 (Edition 1731). Ed. by Niels Pfeffer and Klaus Rettinghaus. In: Probstücke Digital, version 1.0.0. https://probstuecke-digital.de/ps13-002/.
Der Ober-Classe dreizehntes Prob-Stück. Erlaͤuterung. §. 1. ES beſtrebet ſich zwar alles, was in der Natur iſt, nach angenehmen Ver- aͤnderungen und unaufhoͤrlichen Abwechſelungen; allein es hat wol keine Wiſſenſchafft dieſen Umſtand in einer groͤſſern Maſſe, als eben die Muſic. Ob nun die Groß-Britanniſchen hohen Schulen aus ſothaner Urſache etwa bewo- gen worden ſind, ihren Doctoren und Profeſſorn der Muſic, vor allen andern Graduirten, eine abſonderliche bunte, verbluͤmte oder vielfaͤrbige Joſephs-Klei- dung beizulegen, will ich itzo nicht ausmachen; in unſerer Schule aber will es itzo noͤthig ſeyn, mit gegenwaͤrtiger ergetzlichen Vorſchrifft eine kleine Veraͤnderung zu treffen, nachdem wir vorher einen ziemlichen Eck in muͤhſamen Tonen zuruͤck geleget haben. §. 2. Ob man nun ſchon alles hierinn mit dem neun-achtel-Tact gantz wol haͤt- te beſtellen, und nur ein Allegro dabey ſetzen koͤnnen; ſo kann es doch nicht ſcha- den, daß wir auch denen zu gefallen den neun-ſechszehntel-Tact herſetzen, die ihn viel- leicht nimmer, oder doch ſelten, geſehen haben, und ſich dannenhero, wenn er ihnen einmahl unvermuthet begegnen ſolte, ein wenig fuͤrchten moͤgten. Es heiſſet zwar: Man ſoll ohne Noht die zu einer Wiſſenſchafft gehoͤrigen Dinge nicht vermehren oder verdoppeln, und mag jener alte erfahrne Muſicus nicht un- recht geſagt haben: Es ſey eine groſſe Thorheit, diejenige Melodie, wel- che che mit ſchlechten, deutlichen Noten geſchrieben werden kann, durch dunckle Zeichen zweifelhafft zu machen; wie ſolches der Schwaͤbiſch-Haͤlli- ſche Cantor, Herr Majer, in ſeinem Hodego Muſico, p. 28. kluͤglich anfuͤhret. Al- lein, erſtlich muß man, um geſchwinde Sachen recht auszudrucken, auch geſchwinde Taͤcte und geſchwinde Noten gebrauchen, damit Zeichen und Sachen uͤbereinſtim- men. (2) Muß man der Mode in gewiſſen Stuͤcken nicht abſagen, welches ſonſt heißt: wieder den Strom ſchwimmen. Und (3) werden hier keine Die Zeichen 2/4 2/8 und 2 ſind im geringſten nicht dunckel, ſondern ſehr einfach und natuͤrlich; die aber meynen, man koͤnne es, Statt derſelben, mit dem gewoͤhnlichen C allein beſtellen, irren ſich, haben keine Erfahrung, und wiſſen keine Bewegung zu unterſcheiden. dunckele Zei- chen vorkommen. Die aͤuſerliche Geſtalt eines muſicaliſchen Stuͤcks iſt offt verfuͤh- riſch. Denn wie mancher General-Baß leicht ausſiehet, und es doch nicht iſt; alſo gibt es auch bißweilen bunte Baͤſſe, dem Anſehen nach, die doch gar nicht gefaͤhr- lich ſind: deren einen wir vor uns finden. §. 3. Der elffte Tact muß doch was zu bedeuten haben, weil der Baß daſelbſt ſtille ſteht. Es kann unterdeſſen etwas in der rechten Hand vorgehen, etwa auf dieſe Nachahmungs-Art: Welches man ſich bey dem dreizehnten auch wolle geſagt ſeyn laſſen. §. 4. Vom neunzehnten Tact biß an die erſte Wiederholung weiſet auch ſchon der Baß aus, daß ſich die rechte Hand ſeine vorhergehende Gaͤnge ſehr wol zu Nutzen machen kann, wovon viel Worte nur unnoͤthig. §. 5. Da nun im achten Tact des andern Theils der Baß wiederum zu erkennen gibt, daß er gern abgeloͤſet ſeyn moͤgte, ſo wird man ſeine rechte Hand abermahl zu einer kleinen Syncopation bequemen muͤſſen. Damit dieſelbe aber nicht alle- zeit auf einerley Weiſe geſchehe, kann der eine Tact ſeine Arbeit von unten, der andere aber dieſelbe von oben machen, und mag damit Tact-Weiſe abgewechſelt werden, wie hernach der Baß ſelber thut, welches aus beiſtehendem wenigen deutlicher zu ſe- hen iſt: §. 6. Der zehnte und elffte Tact koͤnnen nach vorhergehender Anleitung abgefer- tiget werden; bey dem zwoͤlfften aber muß man ſich, und ſo durchgehends bey allen Accorden, vorſehen, erſtlich, daß der Zwiſchen-Raum keine Tertz mache, welche zur Brechung zu enge iſt, wie oben ſchon angemercket worden. Fuͤrs andere, daß die dreiſtimmige Harmonia vor allen Dingen vollkommen ſey, da es denn nicht anders folgen kann, wenn dieſe beide Stuͤcke beobachtet werden, als daß die Syncopation von unten jederzeit ihre Accorden in der Quint, von oben aber in der Tertz anhebe, wel- che beide Arten man ſonſt Syzygiam remotam, d. i. eine ſolchen Accord, deſſen Theile etwas entfernet ſind, zu nennen pfleget. Kommen aber zween Accorde Stuffen- Weiſe auf einander, es ſey im Auff- oder Niederſteigen, und man wolte denn beide- mahl in der Quint anfangen, ſo kaͤmen Fehler heraus. Derowegen muß die Ab- wechſelung vorbeſchriebener maſſen das Mittel ſeyn, Fehler zu verhuͤten. Ob nun gleich in dieſem Prob-Stuͤcke niemahls zween Accorde unmittelbar und Stuffen- Weiſe auff einander folgen, ſo will ich doch den Fall herſetzen, und dadurch zugleich abermahl erlaͤutern, was in der Quint oder Tertz anfangen oder abwechſeln heiſſe. §. 7. Wenn, wie im dreizehnten und vierzehnten Tact, der Baß eine ſolche Clauſul hat, die durch zwey Taͤcte, woraus ſie beſtehet, wiederhohlet wird; alsdann muß die Abwechſelung nicht Tact-Weiſe, ſondern je zween und zween Taͤcte, oder durch mehr geſchehen, wenn ſich der Satz uͤber mehr erſtrecket. Jm ſieben und zwantzig- ſten Tact gibt es zween Accorde, Sprung-Weiſe nach einander, woſelbſt abgewechſelt werden muß. §. 8 §. 8. Vom acht und zwantzigſten Tact an biß zu Ende moͤgen beide Haͤnde zugleich ihre Brechung zuſammen fuͤhren, welches eine artige Wirckung thut, dafern nur am rechten Ort angefangen wird. Solches geſchiehet aber auf folgende Weiſe, da die letz- ten acht Taͤcte gaͤntzlich hergeſetzet ſind: §. 9. Dieſes Harpeggio, ob es gleich nur zweiſtimmig ausſiehet, iſt dennoch im Grunde vierſtimmig, und klingt bey der Geſchwindigkeit ſo voll, als ſonſt acht Stimmen, bey geraden oder ſchlechten Griffen, nicht thun koͤnnen. Man bringe es aber nirgend an, als wo der Baß entweder allein, oder zu einem ſtarcken Satz ſpielet. Vier-