Johann Mattheson: Probstück 14 (Edition 1731). Ed. by Niels Pfeffer and Klaus Rettinghaus. In: Probstücke Digital, version 1.0.0. https://probstuecke-digital.de/ps14-002/.
Der Ober-Classe vierzehntes Prob-Stück. Erlaͤuterung. §. 1. MAncher vermeynter Treffer, wenn er das Ding ſo vor der Fauſt wegſpielen ſoll, duͤrffte hier leicht ſtolpern. Man hat ſagen wollen, daß es eben nicht noͤhtig geweſen waͤre, das Woͤrtlein Diſcretamente daruͤber zu ſetzen, weil es hie und da ſo bedachtſam zu gehen duͤrffte, daß wenig oder nichts davon vernom- men werden moͤgte. Das Wort ſoll indeſſen ſo viel bedeuten, daß keiner zu plumpe, ſondern erſt fein beſcheidentlich erwege, wie und welcher Geſtalt es anzugreiffen, daß er huͤbſch vorſichtiglich wandele, und ſich nicht viel bruͤſte. Wenn er auch gleich man- chesmahl hie und da meynen ſolte, er ſitze oben darauff, und wolle was daruͤber lachen; ſo kommt gantz unvermuhtet ein Stoß, der ihn aus dem Sattel hebt: und das hat er dann ſeiner Unbedachtſamkeit zu dancken. §. 2. Vom achten Tact an kan es fein (wenn man will) in der rechten Hand varii- ret werden, welches um ſo viel fremder klingt, da man es aus ſolchen Tonen nicht ge- wohnet iſt. Jch habe es verſucht, und eine geſchickte Brechung gantz durchgehen laſſen, welches gut geklungen hat. Will man aber wiſſen, wie es gemacht worden iſt, ſo theile ich hier ein wenig zur Probe mit, daraus das uͤbrige mag beurtheilet werden. §. 3. Die Septimen im elfften und zwoͤlfften Tact laſſen ſich auch auf dieſe Weiſe gar artig behandeln, und faͤllt die Aufloͤſung einem von ſelbſten in die Hand. Es waͤre nur uͤberfluͤſſig davon etwas herzuſetzen, weil es auf die vorhin gewieſene Art auslaͤufft. Man darff nur den rechten Griff thun, und die Finger einen um den andern regen, ſo hat es ſchon ſeine Richtigkeit. Es iſt eben nichts rares, auch nichts ſchweres daran; dennoch lautet es wol. §. 4. Ob nun gleich das Diſcretamente, nebſt vorangefuͤhrter Erklaͤrung, auch be- deuten moͤgte, daß ſich niemand ſonderlich zu uͤbereilen haͤtte; ſo wolte ich dennoch nicht gerne, daß man einen Polniſchen Tantz daraus machte: das Prob-Stuͤck ver- liehrt liehrt ſonſt dadurch alle ſeine Anmuth. Jch kan dabey nicht unberuͤhret laſſen, daß die beſondere Bewegung und die Manier, womit eine Sache herausgebracht wird, derſelben das rechte Leben geben, ohne welches alles rauh und hoͤltzern klingt. Wir be- trachten offtmahls eine unanſehnliche Arie, als etwas nichtswuͤrdiges, biß wir einſt hoͤren, mit welcher Art dieſelbe muͤſſe oder koͤnne geſungen und geſpielet werden; als- dann iſt ſie unſere Leib-Arie. So viel liegt an der Ausuͤbung: ſie macht in der Muſic juſt den Unterſcheid, welchen Licht und Schatten haben; das ſind aber mit einander ſtrei- tende Dinge. Alſo wolte ich denn auch inſonderheit dieſe Aufgabe mit einer gewiſ- ſen Bewegung, nur nicht zu geſchwind, ſondern mit Bedacht, geſpielet wiſſen. §. 5. Jedermann wird ſehen, daß, was auf der andern Seite dieſes Probe-Stuͤ- ckes erſcheinet, eben daſſelbe Ding ſey, und nur eine andere Geſtalt durch die Kreu- tze an ſich genommen habe. Jch halte ſolche Verſetzungen fuͤr ſehr nuͤtzlich, und will die Studierende gebeten haben, dergleichen vor ſich zu verſuchen, und die Stuͤcke, ſo nicht verſetzt hierinn zu finden, auf dieſe Art, ſelbſt fleiſſig zu verſetzen: denn dadurch veraͤndert man den Ton nicht. §. 6. Daß ich aber verlangen ſollte, man moͤgte alle neun Tone, die es leiden, alſo verſetzen, ſolches muß niemand hieraus ſchlieſſen; ob man ſie ſich gleich alle neun wol bekannt machen darff, indem ſie, als Verwandte, haͤuffig genug vorkommen. Das ♯D, in Gegenhaltung mit dem ♭E, und denn das ♯G, in Betracht des ♭A, ſcheinen mir hiezu nohtwendiger zu ſeyn, als die uͤbrigen ſieben: welche dennoch der Herr von St. Lambert, und ſonſt noch keiner, verzeichnet hat. Mit den beiden erwehnten Tonen hat es eine gantz andere Bewandniß, als mit den uͤbrigen: denn ♯D iſt eben ſo gewoͤhnlich, als ♭E, und ♯G koͤmt eben ſo offt vor, als ♭A; dahingegen H ♯H gar ein fremder, C aber ein taͤglich taͤglicher Gaſt iſt, u. ſ. w. Jn Erwegung deſſen habe hier nur das Dis und Gis auf zweierley Art vorſtellen, die andern ſieben zuruͤck laſſen, und ei- nem fleiſſigen General-Baſſiſten rathen wollen, ſein Heil ſelbſt daran zu verſuchen. Es kan nicht ſchaden: dafuͤr will ich einſtehen. Daß ich inzwiſchen nur von neun To- nen rede, die eine ſolche Verſetzung leiden, geſchiehet deßwegen, weil D, G, und A bißhero noch auf einerley Art notiret worden ſind, wenn einer von ihnen zum Funda- ment des Geſanges hat dienen ſollen: wie in der zweiten Eroͤffnung des Orcheſters p. 439. No 24. gezeiget worden iſt. Auſſer dieſem Fall laſſen ſie ſich ſonſt auch mit zwey Kreutzen vor der Note ausdrucken. Funff-