Johann Mattheson: Probstück 16 (Edition 1719). Ed. by Niels Pfeffer and Klaus Rettinghaus. In: Probstücke Digital, version 1.0.0. https://probstuecke-digital.de/ps16-001/.
Der Ober-Classe sechzehntes Prob-Stück. Erlaͤu- Erlaͤuterung. §. 1. JN der erſten Abtheilung dieſer Organiſten-Probe iſt gegenwaͤrtiger Ton anderſt notiret worden als hier, da es doch (nach der Einrichtung des gewoͤhnlichen Claviers zu reden) dieſelbe Clavis oder dieſelbe Palmula iſt. Es wird wohlbedaͤchtlich geſagt, nach der gewoͤhnlichen Einrichtung un- ſerer Claviere; denn es ſchon genugſam ex Mateſi, theoreticè, von andern er- wieſen worden iſt, daß ♯G in Natura ſonſt ein gantz anderer Ton ſey als bA. Jch thue hinzu, daß man es auch muſicè, ex Praxi, darthun koͤnne; maſſen die Eigenſchafft des erſten Tertiam minorem erfordert, und alſo eigentlich mol iſt; Der andere aber von ſelbſten Tertiam majorem haben muß, einfolglich von Natur dur iſt, welches ein und derſelbe Ton zugleich nicht ſeyn kan. vid. Orch. II. pag. 426. Harmonica hat noch keine Rationes hieruͤber fallen laſſen. §. 2. Man hat zwar lange wohl gemercket, daß in den ſo genañten Hemitoniis, gleich- ſam ein Equivoque ſtecke; daß nemlich ♯C ein ander Ding an ſich ſelbſten ſey als bD; daß ♯D vom bE billig unterſchieden ſeyn ſolte; daß ♯E vom ordinairen F differire. Sie haben gar recht demonſtriret, daß ♯F nicht bG ſey; daß iſt vorgeweſenes bA und ♯G im Grunde nicht einerley; daß bH gantz was anders ſagen wolle, als ♯A, und daß endlich ♯H keine Gemeinſchafft oder Identitatem haben koͤnne mit dem ordentlichen C, denn darin beſtehet ein Stuͤck der enharmo- niſchen Octave. (Beſiehe unſre Vorrede.) §. 3. Allein ſo weit ſind unſere Emendatores nicht gegangen, daß ſie auch bC vom H unterſchieden, und bF nicht mit E confundirt, oder daß, gleichwie C und F auf verſchiedener Art koͤnnen exprimiret werden, dieſelbe auch, wo nicht eigene nebenliegende Claves, (welche ich gerne im Kauff geben will) doch wenig- ſtens eine andere Signatur erfordern ſolten, welches doch, beſonders in chromati- ſchen Tonen, die ins Genus enharmonium tectè ausweichen, hoͤchſtnoͤthig iſt, und dero- derowegen davon mit mehrern zum Beſchluß dieſes Werckes wird geredet, auch ge- wieſen werden, was ſonſt vor Inconvenience im Schreiben daraus entſtehet. §. 4. Unſere Vorfahren, wie ſie dieſe Obſervationes uͤber den Mangel der Tone gemacht, und vermeynet, daß dem Clavier bey den Hemitoniis noch 7. Palmulæ fehl- ten, haben wohl nicht geglaubet, daß man nach ihrer Zeit aus ſolchen Hemitoniis, (geſchweige aus ihren abgaͤngigen, per Temperaturam brauchbaren Bruͤchen) jemahls ein Stuͤck ſetzen wuͤrde, zumahl da Capricornus und Bernhardi ſich in die- ſem Wercke ſchon wacker umgeſehen, und ſchwerlich gedacht haben, daß es weiter koͤnne pouſſiret werden, wie doch am Tage lieget; Sie haben nur die Conſe- quences und Ausweichungen der andern gewoͤhnlichen Tone betrachtet, und aus dieſem Principio ihre Anmerckungen fuͤr unumſtoͤßlich auch unentbehrlich gehal- ten, welches doch ein Pudel iſt. §. 5. Eben ſo wenig nun als unſer einer glauben mag, daß nach dieſem aus dem ♯E, in ſo weit es vom F unterſchieden, etwas zum Vorſchein kommen ſolte, eben ſo leicht kan es doch geſchehen; und wolte ich nicht Buͤrge dafuͤr ſeyn, noch prætendiren, daß man deswegen ſonderliche groſſe Aenderungen im Inſtrumente machen ſolte, deñ die helffen doch nichts; meine Gedancken gehen, mit aller Moderation, dahin, daß nur Signa genug moͤchten angeſetzt werden, wodurch dergleichen Sachen geſchickt zu notiren, und zwar hauptſaͤchlich wegen beſagter Conſequences. Denn die Hoff- nung, ein Clavier zu verbeſſern, zu vermehren, und zur Vollkommenheit zu bringen, muͤſſen wir fahren, und uns an einer guten Temperatur begnuͤgen laſſen, weil es doch, ungeachtet vielfaͤltiger Vorſchlaͤge und Verſuchs mit dem Flick-Werck der Palmularum nicht durchdringen kan; aber unſere Meynung durch Noten zu exprimiren duͤrffte wohl nicht ſchaden, und das koͤnnen wir nicht einmahl recht thun, wie bey dem letzten Exempel, ja gleich in folgender Arie, ge- wieſen werden ſoll. §. 6. Mit wenigen iſt ſonſt anzudeuten, daß vom 5ten Tact dieſes Prob-Stuͤcks bis am dritten des letzten Theils; ſo dann wieder vom 10ten beſagten Theils bis an den 17ten alles recht mannierlich in der rechten Hand koͤnne geſpielet, bey den vor- kommenden 6/4 aber eine zierliche Syncopation angebracht werden; uͤbrigens braucht es keiner groſſen Kuͤnſte. Aria. §. 7. Dieſe Aria habe ich bey einer vornehmen Perſon, welche aus Jtalien hie- her gekommen, angetroffen, ohne zu wiſſen, wer Autor davon ſey. Man ſieht wohl, daß ſie entweder fuͤr einen Caſtraten, oder ſonſt fuͤr jemand, der den Se- micant geſungen, geſetzt ſeyn muͤſſe, auch daß Inſtrumenta dabey gehoͤren, die ich aber, ſamt etlichen zwiſchenkommenden Pauſen, hier fuͤr unnoͤthig gehalten habe. Die Abſicht gehet nur dahin, ein Exemplum in Praxi uſitata zu geben, wo das Gis mol ſtarck herhaͤlt, und dazu ergreiffe ich, was mir am erſten, ja gleichſam par hazard, in die Haͤnde faͤllt. Daß indeß ♯G mol haͤuffiger auffſtoſſe als bA mol, iſt wahr. Ratio: Das erſte hat Tertiam minorem eſſentialiter, das an- dere nur accidentaliter; allein, es iſt doch einerley im Spielen, nur laͤſſet ſich das letztere reiner notiren, darum hat mans hier im Prob-Stuͤcke gewehlet. Einen ſchoͤnen Satz aber, aus dem bA dur, finde ich in Moſſi ſeinem Wercke, pag. 34, wel- ches zu mercken bitte, weil es mir bey dem Zwoͤlfften Prob-Stuͤcke dieſes Theils entfallen. Einen andern Satz aber, aus dem ♯G dur, trifft man bey eben ſelbigem Autore pag. 59 an, wodurch meine obige Remarques bewieſen ſind. §. 8. Jch habe p. 189. geſagt, es ſollte in dieſer Aria gezeiget werden, daß wir unſre Meynung nicht allemahl, ohne inconvenience, mit Noten recht exprimiren koͤnnen, und daß es uns wuͤrcklich an Signis fehle, wenn wir in die unbewanderten Tone moduliren wollen. Das erhellet nun inſonderheit aus den beyden letzten Zeilen obiger Arie Sonnenklar, weil daſelbſt fuͤnffmahl eine Note, ſo wohl in der Stimme als im Baß, vorkommt, die ein zweyfaches Creutz (♯♯) vor ſich hat, und ein ſo genanntes g bedeutet, welches ich allerdings (ob es gleich die gewoͤhn- liche Schreib-Art iſt) fuͤr eine Inconvenience halte, und zum Beſchluß dieſes Wercks meine Rationes & Remedia, ſo gut ich ſie begreiffe, und im Vorrath habe, nebſt mehr Exempeln, beybringen werde. Sieben-