Johann Mattheson: Probstück 16 (Edition 1731). Ed. by Niels Pfeffer and Klaus Rettinghaus. In: Probstücke Digital, version 1.0.0. https://probstuecke-digital.de/ps16-002/.
Der Ober-Classe sechzehntes Prob-Stück. Erlaͤuterung. §. 1. JN der Mittel-Claſſe dieſer groſſen General-Baß-Schule iſt gegenwaͤrti- ger Ton anders notiret worden, als hier, da es doch (nach der Einrichtung des gewoͤhnlichen Claviers zu reden) derſelbe Tangent iſt. Es wird wolbedaͤcht- lich geſagt, nach der gewoͤhnlichen Einrichtung unſerer Claviere: denn es ſchon genugſam mathematiſch von andern erwieſen worden iſt, daß ♯G ſonſt ein gantz anderer Ton ſey, als ♭A. Jch fuͤge hinzu: daß man es auch natuͤrlich dar- thun koͤnne: maſſen die Eigenſchafft des erſten Tons eine kleine Tertz erfodert, und al- ſo eigentlich weich iſt; der andere aber von ſelbſten die groſſe Tertz haben muß, ein- folglich von Natur hart iſt, welches ein und derſelbe Ton zugleich nicht ſeyn kan. Was hier fuͤr harmoniſche Urſachen Stich halten, iſt noch nicht bekannt; in der Praxi aber ſtehet der Satz feſt. §. 2. Man hat zwar lange wol gemercket, daß in den ſo genannten halben Tonen gleichſam eine Zweideutigkeit ſtecke; daß nemlich ♯C ein ander Ding an ſich ſelbſten ſey, als ♭D; daß ♯D vom ♭E billig unterſchieden werden ſolte; daß ♯E mit dem gewoͤhnlichen F keine Gemeinſchafft hege. Sie haben gar recht erwieſen, daß ♯F nicht ♭G ſey; daß ♭A und ♯G im Grunde nicht einerley; daß ♭H gantz was an- ders ſagen wolle, als ♯A, und daß endlich ♯H keine Verwandſchafft haben koͤnne mit dem ordentlichen C: denn darinn beſtehet ein Stuͤck der enharmoniſchen Octa- ve, wovon die Vorbereitung, oder unterſte Claſſe, weitlaͤuffig gehandelt hat. §. 3. Allein ſo weit ſind unſere Ausbeſſerer noch nicht gegangen, daß ſie auch ♭C Buliowski gedencket daran aus dem Capricorno, vid. Emendat. Organ. pag. 23. vom H unterſchieden, und ♭F nicht mit E vermengt, oder daß, gleichwie C und F auf verſchiedene Art koͤnnen notiret werden, dieſelbe auch, wo nicht eigene, neben- liegende Stuffen, (die ich gerne im Kauff geben will) doch wenigſtens eine an- dere Bezeichnung erfordern ſolten: welches doch, beſonders in denjenigen Ton-Ar- ten, die verdeckter Weiſe ins enharmoniſche Klang-Geſchlecht ausweichen, hoͤchſtnoͤ- thig iſt, und derowegen davon mit mehrern zum Beſchluß dieſes Werckes wird geredet geredet, auch gewieſen werden, was ſonſt fuͤr Ungelegenheit im Schreiben dar- aus entſtehet. §. 4. Unſere Vorfahren, wie ſie ihre Anmerckungen uͤber den Mangel der Tone gema- chet, u. vermeynet haben, daß dem Clavier bey den halben Stuffen noch ſieben Tangen- ten in jeder Octave fehlten, ſind wol ſchwerlich auf die Gedancken gerathen, daß man nach ihrer Zeit aus ſolchen halben Stuffen, (geſchweige aus ihren Bruͤchen) je- mahls ein Stuͤck ſetzen wuͤrde, zumahl da Capricornus und Bernhardi ſich in die- ſem Werck ſchon wacker umgeſehen, und faſt fuͤr unmuͤglich gehalten haben, daß es weiter koͤnne getrieben werden; wie doch zu Tage lieget: ſie haben nur die Folgen oder Ausweichungen der andern gewoͤhnlichen Tone betrachtet, und nach ſolchem Grund-Satz ihre Anmerckungen fuͤr unumſtoͤßlich auch unentbehrlich ausgegeben; welches doch ein Jrrthum iſt. §. 5. Eben ſo wenig als unſer einer glauben mag, daß nach dieſem aus dem ♯E, in ſo weit es vom F unterſchieden iſt, etwas zum Vorſchein kommen ſolte, eben ſo leicht kañ es doch geſchehen; und wolte ich nicht Buͤrge dafuͤr ſeyn, noch verlangen, daß man deswegen ſonderliche groſſe Aenderungen im Jnſtrumente machen ſolte, denn die helffen uns nichts; meine Gedanckeu Gedancken gehen mit aller Beſcheidenheit dahin, daß nur Zeichen genug moͤgten angeſetzt werden, wodurch dergleichen Sachen ge- ſchickt zu notiren: und zwar hauptſaͤchlich wegen beſagter Folgen. Denn die Hoff- nung, ein Clavier zu verbeſſern, zu vermehren, und zur Vollkommenheit zu bringen, muͤſſen wir fahren, und uns an einer guten Temperatur begnuͤgen laſſen: weil es doch, ungeachtet vielfaͤltiger Vorſchlaͤge und Verſuche, mit dem Flick- Werck der Tangenten nichts ſagen will; aber unſere Meynung durch Noten aus zu druͤcken duͤrffte wol nicht ſchaden: und das koͤnnen wir nicht einmahl recht thun, wie bey dem letzten Exempel dieſer Claſſe, ja gleich in folgender Arie, gewieſen werden ſoll. §. 6. Mit wenigem iſt ſonſt anzndeuten anzudeuten , daß vom 5ten Tact dieſes Prob-Stuͤcks bis am dritten des letzten Theils; ſo dann wieder vom 10ten beſagten Theils bis an den 17ten alles gar manierlich in der rechten Hand geſpielet, bey den vorkommen- den 6/4 aber eine zierliche Brechung angebracht werden koͤnne; uͤbrigens braucht es keiner groſſen Kuͤnſte. Aria, §. 7. §. 7. Dieſe Aria habe ich bey einer vornehmen Perſon, welche aus Jtalien hieher ge- kommen, angetroffen, ohne zu wiſſen, wer Verfaſſer davon ſey.Auch bislang konnte der Komponist nicht ermittelt werden. Man ſieht wol, daß ſie entweder fuͤr einen Verſchnittenen, oder ſonſt fuͤr jemand, der den hohen Alt geſungen, geſetzt ſeyn muͤſſe, auch daß einige Jnſtrumente dabey gehoͤren; die ich aber, ſamt etlichen zwiſchenkommenden Pauſen, hier fuͤr unnoͤthig gehalten habe. Die Abſicht gehet nur dahin, ein Beiſpiel aus der taͤglichen Uebung zu geben, wo das Gis mol ſtarck herhaͤlt, und dazu ergreiffe ich, was mir am erſten, ja gleich- ſam von ungefehr, in die Haͤnde faͤllt. Daß indeß ♯G mol haͤuffiger auffſtoſſe, als ♭A mol iſt wahr: weil das erſte die kleine Tertz weſentlich, das andere nur zufaͤlliger Weiſe fuͤhret; allein, es iſt doch einerley im Spielen, nur laͤſ- ſet ſich das letztere reiner aufſchreiben, darum hat mans hier im Prob-Stuͤcke ge- wehlet. Einen ſchoͤnen Satz aber, aus dem ♭A dur, finde ich in Moſſi ſeinem Wercke, pag. 34, welches zu mercken bitte, weil es mir bey dem Zwoͤlfften Prob-Stuͤcke dieſer Claſſe nicht beigefallen iſt. Einen andern Satz aber, aus dem ♯G dur trifft man bey eben ſelbigem Componiſten pag. 59. an, wodurch meine obige Anmerckungen bewieſen ſind. Beſagtes Werck, das hier angefuͤhret, und als ein Exempel vorgeſtellet wird, beſtehet in zwoͤlff Sonaten mit einer Violin und dem Baſſe, zu Amſterdam in Kupffer geſtochen, und der Verfaſſer heiſſet: Gio- vanni Moſſi. §. 8. Jch habe am Ende der vorhergehenden Erlaͤuterung geſagt, es ſollte in die- ſer Arie gezeiget werden, daß wir unſre Meynung nicht allemahl, ohne Uebelſtand, mit Noten recht ausdrucken koͤnnen, und daß es uns wircklich an Zeichen fehle, wenn wir in die unbewanderten Tone moduliren wollen. Das erhellet nun inſon- derheit aus den beiden letzten Zeilen obeſagter Arie Sonnen-klar, weil daſelbſt eine No- te fuͤnffmahl, ſo wol in der Sing-Stimme, als im Baß, vorkommt, die ein zweifa- ches Kreutz (♯♯) vor ſich hat, und ein ſo genanntes g bedeutet, welches ich allerdings (ob es gleich die gewoͤhnliche Schreib-Art iſt) fuͤr einen Uebelſtand halte, und zum Beſchluß dieſes Wercks meine Urſachen und Mittel, ſo gut ich ſie begreiffe, und im Vorrath habe, nebſt mehr Exempeln, beibringen werde. Sieben-