Johann Mattheson: Probstück 8 (Edition 1731). Ed. by Niels Pfeffer and Klaus Rettinghaus. In: Probstücke Digital, version 1.0.0. https://probstuecke-digital.de/ps8-002/.
Der Ober-Classe achtes Prob-Stück. Der oberwehnte St. Lambert ſagt, auf der 27ſten Seite ſeines Buchs, von dieſem Ton, G, uͤberhaupt: Man koͤnne, bey deſſen Benennung, nicht wiſ- ſen oder unterſcheiden, ob er hart oder weich ſey, weil ihm die kleine Tertz eben ſo bequem oder natuͤrlich falle, als die groſſe. Jch halte aber jedoch, mit Urlaub, dafuͤr, es ſey dem G die harte Tertz weit natuͤrlicher, als die weiche; ob ich gleich nicht misbillige, daß man bey jeder Ton-Art mit Un- terſchied rede, und den gewoͤhnlichen Zuſatz, moll oder dur, gebrauche. Er- Erlaͤuterung. §. 1. WEil einmahl bey dem General-Baß ſpielen, ſo wie es gemeiniglich ge- ſchicht, wenig manierliches angebracht wird, da doch die groͤſte Anmuth darinn, und nicht ſo wol in der Fauſt-fertigkeit, beruhet, ſo habe all- hier, zur Abwechſelung, eine kleine Melodie einflieſſen laſſen, wobey ein Liebhaber nicht nur ſeine Grund-Saͤtze, als ein Clavier-Spieler, gebrauchen, ſondern zu- gleich hoͤren laſſen kann, wie einer ſingen muͤſſe, der gut accompagnirt werden will. Ohne iſt es nicht, das Haupt-Weſen des General-Baſſes koͤmmt auf die Beglei- tung einer ſingenden Stimme an: da mag man leicht ſehen, wie vernuͤnfftig und beſcheiden einer iſt, ob er ſich nur allein hoͤren laſſen, oder ob er dem Saͤnger einen Vorzug geben will? dieſes kann einer aber ſchwerlich wol ins Werck richten, zu rech- ter Zeit ausweichen, behuͤlfflich ſeyn, nachgeben, die Harmonie zieren und fuͤllen, wo es noͤthig iſt, falls er ſich nicht ſelber in des Saͤngers Stelle ſetzet, und demnach wol einſiehet, auch aus der Erfahrung weiß, wo derſelbe ſich etwas aufhalten, eine Manier anbringen, oder wo er uͤberhin fahren nnd kurtz abbrechen wird. Die- jenigen, die ſelbſt zu ihrem Singen zugleich ſpielen, wiſſen am beſten, wie es be- ſchaffen ſeyn muͤſſe; allein es iſt nicht jederman gegeben. Zwar findet ſich jetzund die Menge ſolcher Saͤnger und Saͤngerinnen, die das Anſehen haben wollen, als koͤnnten ſie ſich ſelbſt accompagniren; aber es koͤmmt manchesmahl auch ſo gezwungen heraus, und klingt ſo armſeelig und nothduͤrfftig, als wenn der Schul- meiſter ein Barbierer, oder der Federſchneider zugleich ein Glaͤſer und Faͤhnrich ſeyn muß. Es erfordert gewiß ſehr viel Geſchicklichkeit, zu ſingen, und den Ge- neral-Baß dazu ſelbſt alſo zu ſpielen, daß es an keinem Theil gebreche. Wer indeſſen dieſe Eigenſchafft beſitzet, hat wol den Gipffel in der Muſic, was die Ausuͤbung betrifft, groͤſſeſten Theils erſtiegen. Jch kenne ein Frauenzimmer die- ſer Art in Ober-Sachſen, das es vielen Mannsleuten hierinn zuvor thut. Ob die Perſon Weiß oder Schwartz ſey, mag man leicht errathen. §. 2. Keiner wolle ſich indeſſen einbilden, man gebe dieſe Arie fuͤr Hand-Sa- chen aus: denn die muͤſſen gantz anders kommen. Ein Kunſt-befliſſener beliebe auch auch nur etwa eine Suite aus des Herrn Capell-Meiſter Graupners ſo genannten Partien auf das Clavier, oder aus meinem Harmoniſchen Denckmahl, oder aus des Herrn Capellmeiſter Bachs Partite dagegen zu halten, ſo wird er den Un- terſchied leicht finden. Hand-Sachen wollen geuͤbet ſeyn, und wer ſich unterſtehet die- ſelbe ſo gleich zutreffen, handelt ſehr vermeſſen, und gedencket den Zuhoͤrern, durch ſeine Gauckel-Streiche, eines aufzubinden, wenn er auch der Ertzcymbaliſt ſelbſt waͤre. Dieſe Vorſchrifft aber iſt ſo eingerichtet, daß ein Ausgeſchriebener ſie un- verzuͤglich ſpielen muß, oder er wird ſich abzufuͤhren wiſſen. Jſt es nun eben nicht ſo zierlich und manierlich, wie es wol ſeyn ſollte, zum erſtenmahl; ſo wird es doch das andere und drittemahl beſſer werden. Solches dienet zur Probe. Es geſchiehet uns Teutſchen theils gar recht, wenn man uns dann und wann den Muth- willen ein wenig vertreibet; andere Voͤlcker pochen ſo ſehr nicht auf ihr ex tempore, auf ihr Treffen, auf ihr à livre ouvert; und wenn einem unter den Frantzoſen das Lob beigeleget wird, daß er eine Ouverture à livre ouvert ſpielet, das hat wircklich was zu bedeuten, und bewundert man einen ſolchen unter ſeinen Landes- leuten, wie die Kinder einen Raritaͤts-Kaſten. Hier zu Lande aber meynen wir, alle Ehre beſtehe im Treffen; wer nicht treffe, der tauge nichts. Koͤmmt ein Fremder, flugs wird gefragt: Trifft er was? Antwort: So, ſo! Darauf wirfft der andere die Naſe in die Hoͤhe, oder ziehet die Achſeln, welches eben ſo viel bedeutet, als waͤre der Ankoͤmmling ſchon in den Bann gethan. Jhr lieben Leute! Das Treffen hat ſeine Verdienſte, ſeine groſſen Verdienſte; allein deßwe- gen gibt es noch andere Verdienſte, die, wo nicht vorzuziehen, doch wenigſtens, jenen gleich zu ſchaͤtzen ſind. Jch kann das nicht verachten, wenn einer fleißig iſt, und, was er ſpielen will, vorher ſtudirt; es koͤmmt deſto beſſer heraus. Die groſſen Treffer treffens offt am wenigſten. Sie verlaſſen ſich auf ihre gluͤckliche Geburts- Stunde, und ſchlentern uͤber alles hin, als verlohne es ſich der Muͤhe nicht. Sie bruͤ- ſten ſich unaufhoͤrlich, als ob ſie die Weißheit mit auf die Welt gebracht, und nieman- den was zu dancken haͤtten. Das zierliche, das reine Weſen in der Muſic wird dabey gaͤntzlich hindangeſetzet; die Beurtheilung, mit welcher Anmuth eine Sache will geſpielet ſeyn; der gute Geſchmack; die Empfindung deſſen ſo man ſpielet oder ſin- get ꝛc. gelten bey ſolchen frechen Treffern faſt gar nichts; Stolpern und Taſchen- ſpielen gehet in allen Zeilen vor; und wenn ein Ding auf ſolche Art zu Ende gebracht worden iſt, ſo ſolls getroffen ſeyn. Koͤnnt ihr denn treffen? wolan! hier iſt was zu treffen: nur umgeſchlagen! Neun-