Johann Mattheson: Probstück 22 (Edition 1719). Ed. by Niels Pfeffer and Klaus Rettinghaus. In: Probstücke Digital, version 1.0.0. https://probstuecke-digital.de/ps22-001/.
Der Ober-Classe zweiundzwanzigstes Prob-Stück. Anmerckungen. §. 1. WEil dieſe Pieçe im Druck nicht fuͤglich auf zwo Seiten gantz zu bringen war, hat man lieber hier mit einer langen und final-Note auffhoͤren, als hernach mitten in der Melodie, wo es ſich gar nicht ſchicket, abbrechen und umkehren wollen. §. 2. Ob gleich bisher in verſchiedenen Exempeln, propter juniores, eine gewiſſe einfaͤltige Art zu notiren bey den chromatiſchen Tonen erwaͤhlet worden, die etwas unfoͤrmlich ſcheinet, ungeachtet ſie den meiſten leichter vorkoͤmmt als die recipirte, wie mich ſolches die Erfahrung oͤffters gelehret hat, indem ein mittelmaͤßiger Spieler Z. E. weniger bey dieſen Noten ſtutzen wird: Als bey folgenden: So hat man doch Urſach zu dencken, daß dieſe gebrauchte Complaiſance nunmehro wohl auffhoͤren moͤge, und daß einer, der in ſeiner Probe bis hieher gluͤcklich fortgekommen iſt, die Kinder-Schuh nun meiſtens vertreten haben, und wiſſen muͤſſe, daß die Intervalla nicht ſo wohl nach den Signis, als nach ihrer eigentlichen Maaſſe und Proportion zu beurtheilen ſind. Derowegen iſt in gegenwaͤrti- gem und nachfolgenden Prob-Stuͤcken die bey vielen beruͤhmten Virtuoſen gebraͤuchliche Weiſe, mit dem zweyfachen Creutze (♯♯) eingefuͤhret worden; dabey man ſich doch ſeine Dubia vorbehaͤlt, und ſelbige einigermaſſen, zum Beſchluß dieſes Werckes, zu eroͤrtern ſuchen, anbey inſonderheit we- gen Notirung des Fis duri etwas merckwuͤrdiges erinnern wird, das hier keinen Raum findet. Erlaͤu- Erlaͤuterung. §. 1. DAmit ja niemand ſich zu beſchweren haben moͤge, daß bey dieſem Prob- Stuͤck die Claves ihm Verwirrung verurſachen, ſo iſt gantz und gar davon abſtrahiret und nur ein eintziges mahl das Tenor-Zeichen, et- wann anderthalb Tact lang, eingeruͤcket worden. Man hat auch beſtmuͤglichſt auf die natuͤrlichſte Ausweichung des Tons ſein Abſehen gerichtet und keine Clau- ſulam peregrinam angebracht. §. 2. Das war, was ſich in gegenwaͤrtiger Pieçe nicht befindet; nun wollen wir mit wenigen dasjenige betrachten, was darinnen vorkoͤmmt. Erſtlich muß bey dem Fall aus dem cis ins b bemercket werden, daß zwiſchen beyden das h an- und mit einem kleinen Trillo vorſchlagen muß, ſonſt wuͤrde es hoͤl- tzern klingen. Vors andere, wenn man alles fein rein bis auf die Cadence in den elfften Tact gebracht hat, ſo wird nach Belieben (nicht daß es eben unum- gaͤnglich ſey) die rechte Hand oder vielmehr der Kopff ſeine Melodie, wie es zu ſingen ſeyn moͤchte, zu erſinnen wiſſen, welche unmaßgeblich auf dieſen Schlag einzurichten, womit ſie dann ein Tact oder zehn bis zur Cadence ins cis con- tinuiret werden mag: Im folgenden Notenbeispiel setzt Mattheson die Taktstriche um einen halben Takt versetzt. Jn- Jndeſſen muß, was ſo offt erinnert worden, die Vollſtimmigkeit des Baſſes und Beobachtung der Signaturen in der lincken Hand, keines weges ausge- ſetzet werden. §. 3. Jm neunzehnten TactGemeint ist Takt 29 mit dem zweiten ›si suona‹; Takt 19 hat keines. ſteht wiederum ſi ſuona, deſſen Bedeutung be- kandt iſt,vgl. Probstück 5 und wo Tutti eintritt, da geht es uͤber alles, was nur wohl klingt. Nach dem Schluß des erſten Theils faͤnget die rechte Hand abermahl zu modu- liren an, wovon dieſes ein Muſter ſeyn mag: Darauf hebt ſich das Tutti an bis zur naͤchſten Cadence, allwo ohngefehr auf dieſe Art mag geſpielet werden: §. 4. Jch wiederhole nochmahls, daß es keine Sanctio pragmatica ſey, eben dieſe Noten, ſo wie hier ſtehen, an bemeldten Oertern zu ſpielen; denn es wird unmuͤglich ſeyn, daß einer unter hundert es juſt ſo treffe. Es iſt alles nur zur Nachricht hingeſetzet worden, und wer ſich der Probe unternimmt, kan ſchon etwas beſſers extemporiſiren, anbey dadurch zu erkennen geben, daß die Sel- tenheit des Tons ſeinen Geiſt nicht feſſelt, ſondern, daß er, derſelben ungeachtet, freye Fantaiſie habe, und nach Gefallen mit dem Clavier ſchalten koͤnne. Wenn ſelbiges reine geſtimmet iſt, ſo wird es ſchon gut aus dem Fis dur klingen, da- fern ein habiler Meiſter daruͤber koͤmmt; ſtimmt das Jnſtrument aber nicht, ſo kan es auch aus dem gemeinſten Straſſen-Ton nicht gut klingen, und wenn ein Orpheus ſelber ſpielte. Gibt ſich inzwiſchen einer fuͤr Meiſter aus, ſo muß er hier extemporiſiren koͤnnen; denn ſolche Leute, hauptſaͤchlich unter den Organi- ſten, zu pruͤfen, iſt hier der erſte und fuͤrnehmſte Zweck; dahingegen der Un- terricht nur beylaͤuffig gehandelt und ſecundo loco geſetzt wird. Es kan und mag zwar ein jeder, wie in der Vorbereitung geſagt worden, ſich ohne Zeugen ſelbſt pruͤ- fen; aber weil uns doch die Eigen-Liebe gar zu ſehr anhaͤngt, und man gerne mit ſeinen eigenen Fehlern durch die Finger ſiehet, ſo waͤre mein Rath, erſt ins geheim, hernach mit Zuziehung eines unpartheyiſchen Kenners, die Probe anzuſtellen. Drey